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Stolpersteine: Alleinanspruch für ermordete Juden? Graz will’s anders!

Berliner "Stolpersteine"

Berliner „Stolpersteine“

(silv) Zwei schwule Paare aus Graz zu Besuch in Berlin. Ich treffe sie im neuen Kaffeehaus BUNA in der Eisenacherstraße. Als steirischer Landsmann suche und finde ich das Gespräch mit den Vieren. Der Dialekt war’s, nicht meine Aufdringlichkeit als alter Zeitungsschreiber, der die Leute zum Reden brachte. Wir kommen, weil sich Erich aus Graz-Andritz nach dem Spaziergang durch die Nollendorfstraße, wo Isherwood Anfang der 1930er Jahre Untermieter war und mit einer Gedenktafel an der Hausfassade (Nr. 17) geehrt wurde,  auf die Frage, ob es in Berlin nur ermordete Juden gegeben habe. Und keine Homos, keine Politischen, keine Zigeuner, keine Mormonen, keine Behinderten. Manfred aus Graz-Wetzelsdorf belehrt von der Seite, seine Kaffeetasse aufs Holzbankerl stellend: „Die Zigeuner waren und sind fahrendes Volk, mein Lieber, deshalb hatten sie keine Wohnadresse und heute auch keine Stolpersteine im Straßenpflaster…“

Robby outet sich als steirischer Schwulen-Aktivist („Obwohl ich ein Landei aus Köflach bin!“) und erzählt mir, dass nun auch in Graz von einem gewissen Künstler – „Demnrig heißt der Mann, der in ganz Europa seine Messingwürfel einpflastert!“ – bestimmte Gehwege verziert werden sollen, um eine ewige Mahnung und Erinnerung an die von den Nazis umgebrachten Juden in den Boden zu rammen. Im Gegensatz zu Berlin werde in Graz aber ein „jüdischer Alleinanspruch“ heftig kritisiert. Wahrscheinlich aber erfolglos, weil in der „Stadt der Volkserhebung“ (NS-Titel für die steirische Hauptstadt) kaum mehr Daten und Unterlagen über die „warmen Brüder“ (Ronny) existierten. Die habe man ganz einfach weggeworfen, was die Grünen-Gemeinderätin Daniela Grabe veranlasst habe, mit den (lesbischen) „Rosalia Pantherinnen“ ein eigenes Rechercheprojekt zu starten.
Wie ich das finde: TOLL. Wenn schon die Berliner Schwulen geschlafen haben, dann wenigstens frischer Wind aus der Steiermark.

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Berlin im Wagner-Jahr: Ouverture mit Donautöchtern in der Bülow

(ar) Berlin. Wundert sich ein Pfarrkind aus Bayreuth, mit einer Straßenkarte an der Schöneberger Windschneise Nollendorfplatz stehend, dass es in Berlin mehrere nach Bülow benannte Straßen gibt. Das stimmt zwar, doch nach Hans von Bülow, dem Richard Wagner (geb. 1813) Hörner aufsetzte, indem er die Ehefrau seines Schülers und Verehrers ausspannte, ist nur ein Fahrweg benamst. Die von der „Nolle“ abgehende Fahrbahn, von hormongefüllten Jungtürken gern als Rennbahn missbraucht, ist nach dem Militär Bülow von Dennewitz, Friedrich-Wilhelm Graf, benannt und hat demnach nichts mit dem Dirigenten Hans v. B. und schon gar nichts mit Wagner zu tun (dessen 200. Geburtstag demnächst auch in Berlin ausführlich gefeiert werden wird).
Was die Bayreuther Pfarrkinder, beide im Rentenalter, nicht wissen. Als bleibenden Eindruck nehmen sie, weil sie sich bis zur Keuzung Frobenstraße vorwagen, in ihre katholische bayerische Heimat etwas ganz anderes mit: die vielen osteuropäischen Huren, die trotz der Kälte in textilarmer Optik an den Rinnsteinen auf Freier lauern. Unter den Prostituierten finden sich etliche minderjährige Rumäninnen, offenbar eingeschleppte Menschenkinder, denen der Aufenthalt gesetzlich erlaubt, die Aufnahme einer unselbständigen Tätigkeit jedoch verboten  ist. Ähnliche Zustände, weiß ein kundiger Chronist aus dem Kiez zu berichten, herrschen auf dem schwulen Strich in der Fugger-/Eisenacher Straße. Dort bieten Zigeuner, die man bekanntlich nicht mehr Zigeuner nennen darf, unterversorgten Rentnern den offenen Hosengürtel zur Benutzung des Gemächtes an. „Berlin war immer schon liberal“, erklärt der Chronist, „das hat seinerzeit schon der Gauleiter Goebbels bekrittelt.“ – Die Bülowstraße hieß übrigens einmal Gürtelstraße. Von einem „offenen“ Gürtel steht nichts in den Annalen.

 

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Jobcenter: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

(hp) Kabaretts, Bars und Puffs sind überwiegend abends bzw. nachts belebt. Anders das Jobcenter. Da türmt sich’s an manchen Tagen eher tagsüber. Mit einem Lyrikbändchen „Erich Kästner“ setze ich mich, auf einen Freund wartend, in einen in Warteraum eines solchen Etablissements mitten in Berlin und blättere in meinem Taschenbuch. Auf den freien Platz links neben mir setzt sich wortlos ein jüngerer Mensch, dem ich still für mich als -ähh! (Zigeuner darf man ja nicht mehr sagen!) – Roma einschätze. Der Mann erscheint etwas nervös und unsicher zugleich. Ich schau ihn kurz an. Er lächelt etwas verzwickt und drückt mir, nach wie vor wortlos, einige Blatt Papier in die Hand. „Habe ich bekommen“, sagt er dann, „soll ich Bewerbung machen.“ Ich denk mir nichts dabei und lese in den Job-Vorschlägen vom Amt. Na, was wird’s sein? Gebäudereinigung oder dergleichen. Man kann sich täuschen: „Hotelboy / 5-Sterne-Hotel“ lese ich und zur Minderung meines Erstaunens beginne ich eine kurze Konversation mit dem Rumänen, als der er sich ausweist, der deutschen Sprache so mächtig, wie man es ohne jegliche Schulbildung – „Nix Schule!“ – nach drei Monaten Deutschland haben kann.
Abgesehen davon, dass sich der vom lieben Gott nicht gerade mit Attraktivität beschenkte Mann in den Ärmel schneuzt, trägt er, als wären sie aus der Mülltonne, zerlemperte Turnschuhe, von denen zunehmend ein übler Gestank in meine Nase dringt. Feige vermeide ich es, den Rumänen dorthin zu schicken, wo er mit der offenen Stelle als 5-Stern-Hotelboy abgefertigt wurde, und geh mit meinem Kästner von dannen. War gerade an der Stelle, wo es heißt: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“
Ich werde mich hüten, ob eines derart sensiblen Dienstes am Kunden zornig, noch einmal ein Jobcenter zu betreten.

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Als Sturzweiber, Zigeuner, Hausierer noch so hießen

Ein dicker rostiger Nagel auf meiner Parkbank im Berliner Tiergarten hat mich heute zum Nostalgiker werden lassen, und das kam so: Vor lauter Bodenkontrolle zur Vermeidung von Tritten in Hundekot vergaß ich, die Sitzfläche  meiner Parkbank abzuwischen und setzte mich prompt auf einen verbogenen und ziemlich großen rostigen Nagel (Jeans sind glücklicherweise was Praktisches). Kaum sitze ich, den Nagel betrachtend, kommt eine junge Bulgarin mit der Berliner Obdachlosenzeitung im Arm auf mich zu und bejammert mich mitleiderregend. Ein Euro befreit mich aus der gefühlten Umzingelung, aber ein paar  Erinnerungen tauchen auf.

Die erste: In meiner Kinderzeit, kurz nach Kriegsende, gab’s in meiner steirischen Heimat Zigeuner, die sich in ihrer Profession als Hausierer durchaus zu Hause fühlen konnten  in der Umgebung unseres Kohlenbergwerkes. Eine der Zigeunerinnen, eine ältere Frau mit vielsagendem Gesicht, bot Knöpfe und Schuhbänder an, beides von den Bergarbeiterfrauen, die in gemauerten Baracken mit durchschnittlich drei Kindern lebten und deshalb nicht nach Belieben in die weit entfernte Stadt einkaufen konnten, durchaus akzeptiert. Unsere Nachbarin, die alte Schuchard, warnte mich vor der fremden Frau, als sie einmal bemerkte, dass ich von der Hausiererin angesprochen wurde. Den Schuchardschen Hinweis, Zigeuner könnten unsereinen auch verfluchen, nahm ich als damals Sechsjähriger nicht sehr ernst.  Ob ich dennoch darüber grübelte, weiß ich heute nicht mehr.

Wenn die Schuhbandl-Verkäuferin erfolgreich war, stieß sie meist ein „Griiiß Ihnen, winsch Ihnen!“ aus und wiederholte den Gruß mehrmals, bevor sie mit ihrem Bauchladen zum nächsten Blockhaus zog. Im Sommer machte die Knopf- und Bandlfrau einem einheimischen Weiberl aus dem Kroatischen Konkurrenz beim Verkauf von Lavendelkraut. Das Gesangel „Lavendl hätt i do, kauft’s ma an o! A Büscherl an Schilling, kauft’s ma was o!“ nach der Melodie eines Kinderliedes geht mir auch sechzig Jahre nach meiner Kindheit nicht aus dem Kopf. Noch dazu, da ich bis heute Lavendelkräutel zur Mottenabwehr verwende.

Fast hätte ich den Nagel vergessen: Mangels anderer Spielzeuge sammelten wir Kinder entlang der schmalen Werkbahnstrecke, auf der die Kohlenhunte von älteren Burschen über den „Sturz“ (für taubes Gestein aus den Kohlengruben) geschoben wurden, aus den Holzschwellen der Geleise ausgebrochene Nägel. Eines der Sturzweiber, in Lumpen und Stofffetzen gehüllte Sozialrentnerinnen, die aus dem tauben Gestein Kohlenstücke herausklaubten und diese Kohle schwarz verkauften, ist mir in unguter Erinnerung. Weil sie von einer meiner Mitschülerinnen namens Geli immer wieder verspottet wurde, verpasste ihr eine dieser Frauen einen tiefen, blutenden Schnitt in den Oberschenkel. Dieses Sturzweib ward später nie mehr gesehen, und von einem anderen ging das Gerücht, sie besäße drei Wohnhäuser mitten in der Stadt…

Seltsam, was einem so durch den Kopf geht, wenn man sich auf einen rostigen Nagel gesetzt hat!

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