Tag Archives: taz

Kalter Krieg? Auch Presseclub & Phönix bringen nix!

(hp) Logo, Ausgangspunkt der Sonntagsdiskussion im Ersten war die Ukraine. Schon im ersten Diskussionsbeitrag wurde der böse, unberechenbare Putin genannt und wie die NATO diesem Mann die Waden nach vorn richten könnte. Ob der „Kalte Krieg“ wiedererstünde, blieb die rein rhetorische Frage. Die Antwort Ja lieferte in mehrfacher Ausführung der WELT-Journalist Jörg Eigendorf; ihm gegenüber sprach in Perfektion die Chefin des Zweimonatsmagazins „Internationale Politik“, als sei sie Expertin in Theorie und Praxis. Volker Herres dirigierte und ließ, damit die Kalte-Kriegs-Rhetorik der Vorgenannten nicht allzu drastisch über die Glotze schwappen  möge, Herrn Bröcker („Rheinische Post“) dann zu Wort kommen, bevor der Grundsatz einer Diskussion „altera pars audiator“ völlig ins Abseits gedrängt wurde. Beinahe mütterlich agierte, am wenigsten einseitig, die sympathische Ines Pohl („taz“). Und was kam raus: Der Möglichkeiten, Putin zu disziplinieren, seien viele, erfuhr der Zuschauer zum hundertsten Mal. Dass NATO und EU zwar Fehlerchen gemacht hätten, an denen sich Russland reibt, wurde zwar eingeräumt, doch es blieb bei der üblichen westlichen Sicht („Propaganda“ sagt man bei uns ja nur für die russische Seite).

Keine(r) der Journalisten machte sich die Mühe, auf die Mentalität jener Russen einzugehen, die auf ukrainischem und baltischem Staatsgebiet leben. Keiner der Diskutanten nahm – wie ich schon in meinem letzten Blog kritisch anmerke – das Wort Autonomie in den Mund. Keinem/r fiel ein, dass Putin keinen Grund mehr hätte, künstlich geschaffene Staaten wie die Ukraine zu destabilisieren oder gar zu überfallen, wenn seine nicht mehr dem Staat Russland angehörenden Landsleute mit ihrer autonomen Situation zufrieden wären. Südtirol, ick hör dir trapsen!

 

Kommentare deaktiviert für Kalter Krieg? Auch Presseclub & Phönix bringen nix!

Filed under Allgemein

Ösis über die Nazizeit: Die Berliner taz macht sich’s zu leicht!

(hp) Genüsslich macht sich die wunderbare Berliner „Tageszeitung“, schon vor ihrer ersten Ausgabe liebevoll „taz“ genannt, wieder einmal über die Österreicher her. Diesmal geht es um eine Umfrage (anlässlich des ‚Jubiläums‘ 75 Jahre nach dem Anschluss ans Deutsche Reich) unter der alpenländischen Bevölkerung im Auftrag der Wiener Zeitung „Der Standard“. Die Ergebnisse der Befragung sind „erschreckend“ (taz). Weshalb? Weil „42 Prozent sagen, „es gab gute Seiten“(taz); gab’s diese nicht, liebe taz?

Mein Vorwurf an die lässige Schreibe des lockeren Berliner Linksblattes, das ich, s.o.,  grundsätzlich sehr schätze:
– dass der/die SchreiberIn, der/die zumindest über ein solides  zeitgeschichtliches  Halbwissen verfügen dürfte, mit keinem Wort erwähnt, dass das kleine, wirtschaftlich nicht lebensfähige Österreich zum Zeitpunkt des Hitler-Einmarsches anno 1938 eine klerikalfaschistische Diktatur war, deren Bevölkerung 1934 einen –  wenn auch kurzen – Bürgerkrieg zu überstehen hatte und alles andere als befriedet war. Die militant ausgebrochene Feindschaft zwischen Bürgerlichen sowie Bauern und der unter Kuratel gehaltenen Arbeiterschaft wurde mit der Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich beendet, wenn auch zwangsweise. Mit einem Schlag waren auch Arbeiter und Arbeitslose nicht mehr Staatsbürger zweiter bzw. der Unterklasse.

Während im Deutschen Reich dank demokratiefeindlicher bzw. unfähiger Politiker der „Weimarer“ Zeit die Hoffnung auf einen „starken Mann“, der endlich Ordnung schaffen sollte, die treibende Kraft für den Erfolg der Nazis waren (die bereits in Meyers „Konversationslexikon“ von 1925-28 nachweislich abgedruckte NS-Planung „Bekämpfung des Judentums“  sowie die „Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich“ wurde von der Mehrheit der Deutschen ignoriert!) -, wollte die Hälfte der damaligen Österreicher endlich frei aufatmen, Arbeit haben und „dazugehören“. Viele weitere Gründe dafür, dass die Ösis ehrlicherweise nicht in (gelogenen) hochprozentigen Werten ausschließlich schlechte Seiten an der Nazizeit fanden, könnten noch aufgeführt werden. Das hier Gesagt sollte für den Anfang ausreichen.

P.S. Ein Großonkel unseres Blog-Autors wurde übrigens 1934 als lokaler Arbeiterführer gehenkt. Der Vater des Autors saß 16 Monate im Zuchthaus Graz-Karlau, weil er trotz der Nazi-Verbote weiterhin sozialdemokratische  Vereinskultur im Untergrund betrieb.
P.P.S. Noch ein Tipp für interessierte Leser, die sich – eingebettet in eine aktuelle schwule Romanbiografie – für das Entrée der Nationalsozialisten in der österreichischen Provinz interessieren sollten: Zurzeit nur beim üblen Händler „amazon“ ist Gerd Joachims „Es liegt noch Gold im Halensee“ erhältlich. Darin erfahren Sie u.a. auch, womit die Stürmer der Deutschen Nationalmannschaft („Wunder von Bern“, 1954) gedopt waren u.a.m.

 

 

 

 

Kommentare deaktiviert für Ösis über die Nazizeit: Die Berliner taz macht sich’s zu leicht!

Filed under Geschichte

Kennen Sie Mappuschenko?

(hp) Sie kennen den Begriff „zweierlei Maß“? – Mein junger Kaffeehaus-Nachbar, ein Student der Berliner Hochschule der Künste und demnächst Meisterschüler, kennt ihn auch. Mag sein, dass ihm das Mappus-Foto in der deutigen taz derart verschönerungswürdig erschien, dass er den Kopf des ehemaligen Ministerpräsidenten durch eine Gretelfrisur à la Timoschenko veredelte. Bevor er abhaute, der Student nämlich, fragt er mich noch rhetorisch, ob die Charité auch für Herrn Mappus einen Facharzt losschicken werde. Auf meinen Hinweis, dass Herr Mappus (noch) nicht in einer (eventuell) verwanzten württembergischen Gefängniszelle nacktbäuchig um Hilfe flehe wie die ukrainische Ex-Politikerin, die – soweit bekannt – ebenfalls Geschäfte zum Schaden ihres Landes gemacht habe, der schnippische Kommentar: “ Der Mappus ist kein Kamerafutter, egal, ob nacktbäuchig oder im Nadelstreif!“

Kommentare deaktiviert für Kennen Sie Mappuschenko?

Filed under Morgengalle

Die taz im Sommerloch – oder was?

(hp) Da hat „Die Tageszeitung“ wieder mal zugeschlagen. Man glaubt es kaum. Eine Autorin namens Ruth Reichstein öffnet in der heutigen Ausgabe ein Geheimnis besonderer Delikatesse: Wirtschafts-Lobbyisten sollen besonders starken Einfluss auf die Europäische Kommission haben. Wahnsinn, diese Neuigkeit. Der aktuelle Anlass für die völlig unerwartete Botschaft ist eine Studie der „Allianz für Lobbytransparenz ‚Alter-EU‚“ mit dem Fazit aus dem Munde des Studienleiters, wonach die EU-Kommission aufgrund der Übermacht der Unternehmer-Lobbyisten Entscheide trifft, die „mit den Interessen der Bürger“ nichts zu tun haben. – Welch eine Erkenntnis, für die man eine – von wem immer finanzierte – eigene Studie brauchte. Ich denke,  Herr/Frau Dr. Binsen sollte seine/ihre Weisheiten anderswo unterbringen als in der (ansonsten geschätzten) taz. Eine taz muss sich kein Sommerloch leisten!

 

Kommentare deaktiviert für Die taz im Sommerloch – oder was?

Filed under Feuil­le­ton

Friedrich II. schwul? Wär‘ nicht gut so…

(hp) Ich weiß zwar nicht, wie tief sich der Autor, den die taz für ihre jüngste Ausgabe interviewt hat, in die ungeheuer vielen Quellen und Materialien über das Leben Friedrich des Großen eingearbeitet hat. Doch wenn sich Jürgen Luh einer aufgeschlossenen Tageszeitung gegenüber windet wie ein Jesuit im zweiten Semester Theologie, dann ist zu befürchten, dass wir auch im „kleinen Preußen-Jahr 2012“ (300. Geburtstag des unkonventionellen Herrschers) die Privatperson F. II. nicht richtig kennenlernen werden.

Man muß nicht gleich mit der Thomas-Mann-Keule kommen. Der große Dichter hat sich zumindest in seinen Tagebüchern und – indirekt in Privatbriefen – als homosexuell geoutet. So etwas würde ein Alleinregierender nie tun. Weder in seinen zahlreichen Schriften, noch im ausführlichen Testament.Da wäre eher das Gespür eines unbefangenen Historikers vonnöten, ausserhalb der ausgelutschten Quellenlandschaft zu grasen und aus mancherlei Verhalten – auch seines Vaters, der gemeinhin immer noch als unsensibler Rüpel dargestellt wird -, Schlüsse zu ziehen. Schon Sebastian Haffner äußerte vor mehr als zwanzig Jahren in einem Gespräch die Vermutung, schon zu Lebzeiten des illustren Königs und erst nach seinem Tod sei so manches für immer verschwunden, was auf Friedrichs Hang zum Mannmännlichen geschlossen haben mag.

Unterdrückte Sexualität bleibt nie folgenfrei. Und Onanist war der große, abenteuerfreudige Friedrich II., der illusterste aller Hohenzollern, sicher nicht. Das wäre eines eitlen Alleinherrschers nicht würdig.

 

 

Kommentare deaktiviert für Friedrich II. schwul? Wär‘ nicht gut so…

Filed under Feuil­le­ton

Wir Sofa-Weltversteher, wir Standpunkt-Besteher, wir Aufrecht-Steher

Betrachtung am Beispiel der sog. Kritik an der (abgesagten) Verleihung des Quadriga-Preises an Putin – Als mir Dr. Otto Habsburg die junge „taz“ empfahl

Von seinem biologischen Herzen hat sich die Familie Habsburg gestern verabschiedet. Der größere Rest seines Leichnams wartet seit dem Wochenende in der Kapuzinergruft auf das Jüngste Gericht. Nicht nur der österreichische  Rundfunk und 3sat haben sich stundenlang mit prächtigen Bildern aus Wien vom Sohn des letzten Kaisers der K. K. Monarchie verabschiedet. Da können einem, obzwar alles andere als ein Monarchist, schon Gedanken kommen. Und Erinnerungen. Diese zum Beispiel:

Vor fast 30 Jahren freute ich mich, in einem für seine Wildbret-Zubereitungen gerühmten Berliner Restaurant in der Knesebeckstraße, auf einen feinen Rehbraten. Wegen der Butzenscheiben war’s etwas düster im Gastraum, so dass ich erst beim zweiten Bissen von meinem Teller einen schräg gegenüber sitzenden älteren Herrn erkannte, der mir schon nach meinem Eintritt freundlich zugenickt hatte: Es war Otto von Habsburg (in Deutschland ist das „von“ erlaubt, liebe alpine LeserInnen!), gewandet in einem Steireranzug. Hinter ihm ein Ausseer Hut mit Gamsbart über einem Lodenmantel an der Garderobe. Ein ältliches Paar saß, für mich unhörbar plaudernd, am Nebentisch. Der Oberkellner machte einen Diener, bevor er dem Kaisersohn Mineralwasser nachschenkte. Nach dem Verzehr meines Bratens samt kompottierter Birne mit Preiselbeerhäufchen tupfte ich meinen Mund ab, mit einer Stoffserviette – so etwas gab’s damals noch in einem gutbürgerlichen Lokal nahe dem Kurfürstendamm! – und schaute zum Herrn Habsburg, der mich mit einer dezenten Geste an seinen Tisch lud. Etwas baff war ich schon, gestehe ich. Die Lockerheit, mit der ich angesprochen wurde, ließ mich schnell auftauen und mich gar nicht verwundern, weshalb dieser Herr mit mir zu sprechen gedachte. Erst nach kurzer Konversation bemerkte er lächelnd, dass er eigentlich nur wissen wollte, weshalb ein so junger Mensch wie ich in Berlin einen Roseggerjanker (gemütliches steirisches Trachtensakko) am Leib trüge. Nachdem ich mich als Neuberliner geoutet hatte, kamen wir ins Gespräch. Auf eine Melange lud er mich ein und unversehens waren wir bei einem Thema, an dem ihm offenbar viel gelegen war. Mit seinem Hinweis „altera pars audiatur“ prüfte er offenbar mein Bildungsniveau, bevor er, die Tageszeitung Welt auf dem leeren Sessel betrachtend, über den Wandel im politischen Journalismus zu sprechen kam. Gegen meine Erwartung, der alte Herr würde auf elegante Weise gegen Verfall und Dekadenz der publizistischen Werte wettern, plädierte er für die Wiederbelebung einer Diskussionskultur, die aus der Meinungsvielfalt ihren Reiz ziehen sollte.  Deshalb die lateinische Wendung, wonach auch „die andere Seite gehört“ werden möge. Wer bequem in seinem Sofa sitze und das Gefühl pflege, er sei ein Welt-Versteher, und weil er aufrecht gehe, sei er ein aufrechter Mensch, könnte sich irren. Solches Denken und Gehabe mag durchaus bequem sein und praktisch für die Regierenden, für die Entscheider. Besser, meinte er dann und schmunzelte, als er eine taz unter der Welt hervor kramte, sei es allemal, sich auch „andernorts“ zu informieren, auch wenn es nur eine junge Postille sei…

Damals gab es noch keine Talkshows außer der Sonntagsrunde in der ARD, in der Journalisten ihren Senf zu aktuellen In- und Auslandsthemen abgeben konnten. Als hätte Dr. Habsburg gerochen, dass ich damals Journalist war, nagelte er mich auf einen wesentlichen Grundsatz meines Handwerks fest, und zwar in deftigen Worten, die ich in guter Erinnerung habe: „Schau’n Sie, der A sagt, der B sei ein Schwein, und der B sagt, der A sei ein Schwein; da ist es doch Ihre Lust, ja Ihre Pflicht, den C zu suchen und zu finden, der den Gegensatz zu relativieren vermag. Und wenn Sie schreiben, dann müssen der A und der B in Ihrem Artikel vorkommen und dazu der C – notfalls als Schiedsrichter…“

Nichts Aufregendes, fürwahr. Aber was der alte Herr damals nach dem Rehbraten einforderte, gilt über das Heute hinaus – ohne jedes Verfallsdatum. Aktuell zeigt sich wieder einmal, wie unkritisch hiesige Medien im Zusammenhang mit der geplant gewesenen Verleihung eines Preises an den russischen Premier den Mainstream befahren, die Befürworter verteufeln und die preisverleihende Stiftung zur Absage der Verleihung zwingen. Die einzigen Argumente, die eventuell erörtert werden, haben mit der bundesdeutsch verordneten Energie-Wende zu tun. Dass der Kalte Krieg auch in unseren Köpfen vorbei sein sollte, dass es in Russland – im Vergleich zur Ära Jelzin – weniger chaotisch zugeht, dass unter Putin in den unvorstellbar weiten ländlichen Regionen soziale Strukturen besser geworden sind (natürlich nicht von heute auf morgen!) und dass der exportlüsternen deutschen Wirtschaft weite Tore geöffnet wurden etc. etc., liest man, wenn überhaupt, nur in amputierten bis geistlosen Kolumnen. Als ob auch die hiesige Journaille ihre schreiberische Tätigkeit vom bequemen West-Sofa aus beurteile wie der Spießer aus der oberen Etage.

Kommentare deaktiviert für Wir Sofa-Weltversteher, wir Standpunkt-Besteher, wir Aufrecht-Steher

Filed under Feuil­le­ton