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Auf ins neue Biedermeier!

(md) Das Wiener profil befasst sich in seiner aktuellen Ausgabe mit der „verrückten Welt“. Ich wundere mich, dass die Autoren nicht von der „verrückter gewordenen Welt“ schreiben. Denn das, was sich heute in dieser Welt tut, im Kleinen wie im Großen, ist doch eigentlich nichts Neues, sondern nur anders, will heißen: Es geht heute um neue, ungewohnte Verrücktheiten. Die äußeren Merkmale sind schlicht anders. Beispiel: Kalter Krieg. Gab es vor 1989 offene Drohungen à la Atomkrieg zwischen den Weltmächten, so gibt es heute, da man sich nicht gegenseitig ausrotten will, andere Formen, sich das Leben möglichst schwer zu machen. Die heutigen Transportmittel zur Austragung von Zwistigkeiten sind andere geworden, raffinierter sozusagen. Wurden seinerzeit Leute wie Chruschtschow von den Amerikanern gedemütigt und reagierten mit Aggression, so läuft es heute per Cyberkrieg, Sanktionen und Reiseverboten. Vom Westen früher gehätschelte Diktatoren wurden in der Erwartung, aus Diktaturen seien umgehend Demokratien herzustellen, beseitigt, was blutige Scherbenhaufen, Chaos incl. Terror zur Folge hat. Früher war’s anders. Und wir, hierzulande? – Wir nehmen’s zur Kenntnis, dass alles „verrückt“ ist, jammern und beschuldigen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, schotten uns ab und verhalten uns wie in der Biedermeierzeit – nur eben anders als damals im originalen Biedermeier.

Keine Grund, sich zu ängstigen: die Welt ist zwar "verrückt", aber eben nur anders...

Keine Grund, sich zu ängstigen: die Welt ist zwar „verrückt“, aber eben nur anders als sie es bisher war…

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GrExit: Hochsaison für Angstmacher

(rf) Auf allen Kanälen, auf allen Titelseiten, auf allen Plantagen der Sozialnetzwerke beschäftigen sich Plethi und Krethi mit dem Grexit. Wie beim Fußball fühlt sich beinahe  jedermann als Analytiker und Strafrichter. So etwas sind wir gewohnt, nicht zuletzt vom Mann, der – ohne sich persönlich aufs Spielfeld begeben zu haben – vom Sofa aus urteilt.

Unter das schreibende und tönende Volk mischen sich, wie bei jedem größeren Ereignis, auch die Verschwörungstheoretiker und die Angstmacher. Vieles von dem, was die Letztgenannten äußern, ist Mist. Die Gefahr dabei ist, dass dieser Mist zum Dünger wird für die Nicht-Briten, denen die EU ohnedies nie etwas anderes war als eine teure Bürokratendisco für jene, die über Finanzen und damit über Macht verfügen. Viel mehr als Reisefreiheit – und die auch nur für jene, die das Geld zum Reisen haben -, kam ja bisher nicht an beim sogenannten kleinen Mann. Und Europa ist voller kleiner Männer. Und die sind seit je besonders empfänglich für Angstparolen.

Wenn nun der Boß des österreichischen Magazins profil, Christian Rainer, feststellt, die EU  ringe „mit dem Tod“, dann ist das nicht nur rhetorisch ein wahrer Angstmacher. Hinter dieser Schlagzeilentechnik steckt allerdings keine Diagnose eines klinischen Zusammenbruchs, sozusagen etwas Präfinales, sondern lediglich der Hinweis darauf, dass die über vereinfachte Handelsbeziehungen hinausgehenden, größtenteils illusorisch gebliebenen „Werte“ völlig zum Teufel  gehen könnten bzw. dürften. Ewige Mahnung

Ich denke, es reicht, wenn die EU ihre äußeren Zwiebelschalen fallen lässt und sich zum Niemals-wieder-Krieg-Vertrag bekennt.

 

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„profil“ beschädigt Kreisky-Image

(hp) Ohne die Flüchtlinge hätte auch das zu Recht angesehene österreichische Magazin profil ein tiefes Sommerloch. Dass das Wochenblatt einige Tage, bevor die bundesdeutschen Journalisten das Thema aufgriffen, in den Klöstern des Alpenlandes nach der Einstellung der katholischen Brüder und Schwestern recherchierten, ist als Positivum hervorzuheben. Wenig positiv erscheint mir jedoch die Häme, mit der – ohne Kommentierung der damaligen Zeitumstände – profil in der aktuellen Nummer am Image des einzigen wirklich nennenswerten österreichischen Kanzlers kratzt: Wie er, Kreisky, in einem Gespräch mit dem ungarischen KP-Chef Janos Kadar anno 1986 die Regierungschefs Kohl und Reagan beurteilt habe; abwertend, versteht sich. Damals hatte der deutsche Kanzler aufgrund einer einzelnen Aussage den Sowjetchef Gorbatschow mit Goebbels verglichen – ein Faux pas der allerübelsten Sorte. Und Ronald Reagan, der den nicht-reichen Amerikanern einen Sozialbruch ersten Ranges beschert hatte, der bis heute nicht bereinigt ist.

Ich nenne das aus Kreiskys Mund ehrlich. Im Gegensatz zum Pranger, an welchen profil Bruno Kreisky ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod stellt.

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Schämen könnt‘ ma‘ sich für die Ösis!

(hp) „Ja glauben die denn alle, wir sind komplett verblödet???“ fragt ein austrianischer Blogger die Redaktion des Wiener „Standard„, der bislang (noch) berechtigterweise als einziges ehrenhaft kritisches Tagesblatt erscheint. Die ZIB 2 des ORF, die man auf 3sat glücklicherweise auch in Deutschland anschauen kann, wird leider immer wieder amputiert, sodass man nicht alles mitkriegt, was einen interessiert oder amüsiert. Jüngst war wieder Hochsaison im österreichischen Polit-Stadl. Allein der Begriff Korruptionsausschuss (Manegen-Star Nr. 1: Ex-Finanzminister Grasser, Jörg Haiders ehemals frühes Karrierekind, ein optisch schöner Mensch mit Kärntner Dialektfärbung, der vor seinem Ausscheiden beim Cello-Kanzler Schüssel in dessen Koalitionskabinett wirkte) sagt einiges aus. Daneben gibt es die Alpe-Adria-Bankenskandal-Kommission – die Kärntner Schwester des bayerischen Untersuchungsausschusses – und manchen anderen Misthaufen, in dem Ermittler Stecknadeln suchen und zu kombinieren versuchen.

Als Auslandsösterreicher muß man sich schämen, andererseits freuen, wie mein alter Potsdamer Freund Ferdl meint: „Wenigstens habt’s einen grünen Pilz im Parlament, der seit Jahren rechtzeitig aufheult, falls es unter seinen Politikerkollegen stinkt.“ – Früher, als Journalisten wie Lingens, Worm & Co. gehaltvollen Journalismus erleben ließen, war’s für den Leser aus großer Entfernung wunderbar ertragreich, sich über Vorgänge östlich von Passau zu ärgern bzw. zu wundern – je nachdem, wie hoch der Operettenqauotient war. Heute fehlt das „profil“ sogar im Berliner KaDeWe, „News“ war auch nur kurzfristig erhältlich und der „Falter“ schwirrte nie durch die Etagen des Edelkaufhauses, auf das Berlin so stolz ist. Glücklicherweise gibt es das Internet, das sich auch der Rentner leisten kann.

Richtiggehend geil mutet die aktuellste Meldung der ZiB 2an: Zum Prachtfoto eines völlig menschenleeren Sitzungssaals im Wiener Parlamentsgebäude hieß es, der Korruptions-Ausschuss mache Ferien. Hoffentlich Auslandsferien, damit kärntnen-intern nicht weitere Schandtaten  eingefädelt werden können. Schon Altkanzler Kreisky mied Kärnten zugunsten von Mallorca als Urlaubsland.

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