Tag Archives: Preußen

Preußen ohne Prügel? Ein Gerücht!

(hp) Die Folter hat er zwar abgeschafft, der große Friedrich II, aber nicht die Prügelstrafe. Die Folter schien dem König unsinnig, da für ihn ein unter Folter erzwungenes Geständnis nichts wert war. Die Prügel blieben, obwohl der Kronprinz unter den Prügeln seines Herrn Papa derart gelitten hat, dass seine charakterlichen Anlagen an seiner Seele gewaltige Flurschäden genommen haben.

Der berühmte Grazer Gerichtspsychiater Dr. Zigeuner, ansonsten einer der zweitgrößten Schweiger zwischen Böhmen und Mazedonien, öffnete anno 1972 (oder war es 1973?) dem Leobener Senat samt Geschworenen in einer Philippika die Augen über einen des Mordes Beschuldigten, der als Kind und Jugendlicher von seinem Vater monatelang mit Prügeln zum Rechtshänder „umgedroschen“ wurde und sich als Erwachsener zu einem gefährlichen Gewalttäter mit 17 (!) einschlägigen Vorstrafen entwickelte.

Friedrich II. war in seiner Kindheit und Jugend kein Linkshänder und sicher auch kein linkshändiger Onanist, sondern in seinem Verhalten nur „weibisch“ (zumindest nach damaligem Empfinden).  Da ihm davon einiges durch Prügel ausgetrieben wurde, entwickelte sich – zumindest im Sinne Dr. Zigeuners – sein ungezügeltes Verhalten als Wüterich in militärisch-diplomatischen Angelegenheiten. Und da die Mutter des späteren Preußenkönigs offenbar nicht gegen die erzieherischen Auswüchse des Soldatenkönigs einschritt bzw. einschreiten wollte oder durfte, vergrößerte sich beim guten Fritz schon lange vor der Thronbesteigung die ihm eigene Abscheu gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Mit dem üblen Geruch ungewaschener Muschis kann das nicht erklärt werden, denn in den jeweiligen Schlössern gab es pro Stockwerk mindestens eine Waschmuschel mit kaltem Fließwasser und Asche zur Reinigung.

Was das Thema Homosexualität betrifft: Die Suche nach warmherzigen Freunden, die sich gern als heftige Bewunderer Friedrichs outeten, ist nur eine logische Konsequenz aus der kaltherzigen Erziehung. Die puzzleartige  rbb-Verfilmung  mit den beiden Thalbachs hat diese Thematik zwar kurz aufgezeigt, aber nicht erörtert. Über die im ZDF neben dem köstlichen Briten-Krimi ausgestrahlte Knopp-Sendung („Histery“ oder „History“)  zum Thema Friedrich II. mag ich kein Wort verlieren, außer: erbärmlich. Oder: Vielleicht braucht`s das Volk so primiv & unintellent!

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Friedrich II: „…lieber verfaule ich in Küstrin!“

Dies schrieb Kronprinz Friedrich 1930 aus seiner Festungshaft in Küstrin an seine innig geliebt Schwester Wilhelmine. Als deren erhoffte Verheiratung mit dem Prince of Wales scheiterte und ihr ein Bayreuther als Gatte zugeteilt wurde, den sich auch ehelichen mußte, tröstete sie der damals 18-jährige Bruder mit der Bemerkung, dass dieser Mann „hübsch“ sei und sich die Ehe wohl gut entwickeln werde. Ihm selber wurde gegen seine Neigung die Braunschweig-Bevernsche Prinzessin  Elisabeth Christine („unangenehmes Lachen, schlechte Zähne, nicht launenhaft, sehr schlecht erzogen und ohne die geringste Lebensart“ (Friedrich schriftlich über seine Braut) als künftige Frau zugedacht.

Der rbb bringt anlässlich des kleinen Preußenjahres 2012 (300. Geburtstag Friedrich II.) den Briefwechsel zwischen den königlichen Geschwistern, wohltuend nüchtern moderiert von einem heutigen Nachfahren. Das ist gut und lässt darauf hoffen, dass das Image des Preußenkönigs, das jahrzehntelang legenden- und anekdotenhaft verklärt in die Hirne der nicht wissenschaftlich gebildeten Bevölkerung eingeprägt wurde, etwas von glorifizierender Patina befreit wird.

Am kommenden Wochenende wird bei arte und am Montag in der ARD eine Dokumentation über Friedrich ausgestrahlt werden. Ob die Filmbesetzung des jungen Friedrich und des „Alten Fritz“ mit Mutter und Tochter Thalbach gut gewählt ist, wird sich weisen. Interessant scheint es allemal, was sich die Macher da gedacht haben.Viel interessanter ist für mich, wie man den Menschen hinter dem berühmt-berüchtigten Herrscher zeichnen wird.

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Neue und alte Kuriosa über Preußen

(hp) Was ist „preußisch“ an Nordkorea? – Claude (19) und Charlotte (20), beide aus Chartres und miteinander (noch) nicht verwandt, sondern lediglich brav-katholisch verschmust, lachten sich in beider Fäustchen (gegenseitig), nachdem sie einen älteren Berlin-Steglitzer Pfarrer (in Zivil) fast in Rage gebracht hatten: Kim Jong-il, der oberste Chef aller nordkoreanischen Obrigkeiten, der jüngst auf einer Bahnfahrt dem Mann mit der Sense begegnete, habe doch nur das preußische Prinzip des absoluten Gehorsams auf ein Absolutum getrieben und sein gesamtes Volk „erfolgreich“ dazu erzogen. Und die ganze Welt schaut(e) zu. Ob es da nicht klare Parallelen gebe zu dem obersten „Führer“ Adolf Hitler, der seinem Volk „erfolgreich“ einredete, Juden und Zigeuner seien Ungeziefer und auszumerzen. Das preußische Gehorsamsprinzip funktionierte tadellos. Und so weiter.

Makaber, solcherlei Gedanken? Noch dazu von jungen Leuten aus einem Land, in dem dank der „deutsch-französischen Freundschaft“ andere, nämlich freundschaftliche Gedanken, en vogue sein sollten. Nun, die jungen Leute aus dem Land der Aufklärung klärten eilig die entstandenen Peinlichkeiten, um sich die Chance auf eine wohlduftende Gratis-Lasagne aus meinem Ofen nicht zu vermasseln: Charlotte, brünett und süß, sogar etwas schüchtern, studiert Soziologie und liest gerade über „die preußische Rasse“ (wörtlich). Ein Monsieur de Quatrefages, anerkannter Anthropologe des 19. Jahrhunderts, hatte sich tatsächlich nach dem für sein Vaterland entwürdigend beendeten „Deutsch-Französischem Krieg“ auf einem Ethnologie-Tribunal in einer „Naturgeschichte des Berliners“ übel geäußert über die race prussiene sowie im Besonderen über den type berlinois. Danach seien die „Deutschen“ friedsame, gelehrte und ungelehrte Menschen gewesen, bevor sie von den Preußen überfallen worden seien. Die Preußen seien eigentlich Finnen mit slawischer Beimischung, die sich raffinierterweise der deutschen Sprache bedienten und das gesamte Reich unter sich zwangen. Seit 1871 seien Kaiser Wilhelm (I.) und Bismarck Schreckensfiguren wie einst Dschingiskhan und dessen Großvezier. Und so weiter.

Bei Lasagne und mediterranem Salat samt „Steirischem Kürbiskernöl“ & Balsamico erteilte ich Redeverbot, nicht zuletzt deshalb, weil meinem Berliner Gast vor gepresster Wut bereits eine bedenkenswerte Gesichtsröte aufgelaufen war. Das Studienbüchlein mit den verstörenden Einträgen wollte ich mir als Nachtlektüre sichern. Einem Nicht-Preußen wie mir dürfte Weiteres aus dem Text nicht weiter schaden. Wenn auch die Forderungen des Monsieur de Q. nach Schädelmessungen an preußischen Köpfen und die Verwendung verdorbener hebräischer Worte in der preußischen Gaunersprache nichts dem Baldrian ähnliches Einschlafgefühl erwarten ließen. Weiteres mag in einem zweiten „Rückblick“ folgen, vermute ich, noch dazu angesichts des bevorstehenden kleinen Preußen-Jahres 2014. 

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Preußenjahr 2012: Lesen Sie Haffner!

Glaubt man den Verlagsankündigungen, wird 2012 ein Preußenjahr. Denn 300 Jahre nach der Geburt des Großen Friedrich II wird es sich kein einschlägiger Autor entgehen lassen, seinen Senf auf das preußische Tableau zu streichen. Man darf gespannt sein, was aus der Ikone Fridericus Rex gemacht werden wird.

Als gebürtiger Süddeutscher werde ich mich in dieser Angelegenheit vernünftigerweise zurückhalten. Die Herrscherfiguren der Wittelsbacher sind mir für meine laufende Arbeit weitaus näher als die Interpretationsversuche von Kollegen, von denen einige es nicht verkraften, dass der Journalist Sebastian Haffner vor Jahrzehnten mit seinen Darstellungen bereits weit ausgeholt hat in Sachen Preußen, Herrscher und Kanzler (Bismarck) bis hin zu Preußen-Identität und Mentalität. Am brisantesten schien mir und scheint mir bis heute der rote Faden von Friedrich II über Bismarck bis Hitler – weniger personenbezogen, sondern was Denke, Disziplin, Diplomatie und räuberische Politik angeht.

F., erster Diener seines Staates

Friedrich II., erster Diener seines Staates

Sehr interessieren wird mich, wie jüdische Autoren jüngerer Denkungsart Friedrich beurteilen werden. Denn dass das immer wieder zitierte „Jeder nach seiner Façon“ eindeutig abgegriffen und für die breite Bevölkerung reine Theorie geblieben ist, wissen wir zur Genüge. Insbesondere der Antisemitismus, der im Preußen Friedrichs Staatsraison war, wurde bislang noch nie seriös austariert:

Dass sich der Herrscher weigerte, den großen Moses Mendelssohn in die Akademie aufzunehmen, angeblich nur deshalb, weil Mendelssohn Jude war, reicht mir nicht aus. Die Historiker, die sich mit der katholischen Antisemitin Maria Theresia beschäftigten, waren hinsichtlich der österreichisch-ungarischen Landesmutter weniger zurückhaltend. Bekannt ist, dass sie zwar von Juden Geld lieh und wegen der kriegerischen Spitzbübereien Friedrich des II. oft genug Geld leihen musste, nach Vertragsabschluss mit den jeweiligen jüdischen Kreditgebern ihr Händchen allerdings nur hinter einer dunklen Wolldecke reichte, um den Geldverleiher ja nicht sehen zu müssen. Bekannt ist auch, dass sie als Königin von Ungarn und Böhmen von Juden bewohnte Kaffs abfackeln ließ, aus Wut über die widerspenstigen dortigen Juden, die keine Kriegssteuer zahlen wollten.

Von Friedrich II ist in der causa Abfackeln eigentlich nur bekannt, dass er „katholische Dörfer“ an der Oder abbrennen ließ, was sogar sein Marschall, der alte Dessauer, in seinen Memoiren als verbrecherische Untat des Herrschers geißelte. Ansonsten gibt es wenig über die „dunkle“ Seite des Preußenherrschers, dem – von seinen Frechheiten (Diebstahl Schlesiens u.a.m.) abgesehen – natürlich viel Huld und viel Ehr‘ gebühren.

Der SPIEGEL nahm sich des bevorstehenden Preußen-Jubiläums bereits in einer ausgewogenen Titelstory an.

Haffner - immer empfehlenswert!

Haffner - immer empfehlenswert!

Andere Publikationen werden folgen. Man darf gespannt sein. Für Unbeleckte, deren Zahl von Tag zu Tag wächst: Sebastian Haffner ist immer ein Gewinn, auch wenn er nicht immer schmecken mag! H.-P.Eis

P.S. Das rbb Kulturradio, feinsinniger Förderer des Absatzes feinsinniger CDs, hat für die laufende Woche ein neues Produkt als „CD der Woche“ gekürt: Flötenkonzerte des Kompositeurs Friedrich II. und komponierender Verwandtschaft…

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Wird 2012 ein neues Preußenjahr?

300 Jahre Friedrich d. Große, 500 Jahre Nostradam‘ von Ranten, Personen voller Widersprüche: Historiker, Wiederkäuer und Legendenverkäufer sind schon fleissig am Werk.

Wer der Preußenkönig Friedrich der Zweite war, wusste früher jedes Kind. Heute nur mehr jedes dritte. Guido Knopp und Kollegen werden im nächsten Kalenderjahr wohl viel Sendeplatz erhalten, um diesen interessantesten alle Hohenzollern ausführlich zu würdigen. Friedrichs schreckliche Jugend, die mit der Ermordung seines Jugendfreundes Katte jäh endete, nachdem der hochverräterische und vom Vater, dem „Soldatenkönig“, geknechtete, dem eigenen Geschlecht zugetane Kronprinz seiner eigenen Liquidierung entging – solcherlei Themen sind in der Vergangenheit ausführlich dargestellt worden. Friedrich, der junge König (ab 1740), der kurz nach dem Regierungsantritt seiner jüngeren Wiener Kontrahentin  Maria Theresia Schlesien auf Rotzbubenart stahl, militärisch & blutig, versteht sich; der die europäische Politik mit den Siebenjährigen Kriegen völlig durcheinander brachte und trotz mehrerer Niederlagen als Sieger in die Weltgeschichte einging, dieser Friedrich bleibt bis heute faszinierend, vornehmlich militaristisch. Überwiegend plakative, einseitige Interpretationen zeigen überwiegend Einseitiges. Der reife König, der seinen Wahlspruch „Ich bin der erste Diener meines Staates!“ exzessiv in die Praxis umsetzte und epochemachende Reformen im erstarkten Preussen durchsetzte, wird seltener beschrieben. Schließlich der „Alte Fritz“, den die UFA stur und hintergrundarm auf die Filmleinwand brachte – alle diese Friedrichs waren ein einziger Mann, der jeder kritischen Würdigung Stand hält. Alle Fehlentscheidungen des Herrschers, der aus einem nicht zusammenhängenden Staatsgebiet eine stabile Großmacht drechselte und – nachdem alles getan war – einsam in seinem Schloss Sanssouci verkümmerte, hat er zu Papier gebracht und nüchtern, ohne Schönmalerei, selbstkritisch analysiert – eine staatsmännische Eigenschaft, die aus der Mode gekommen ist…

Friedrich II.

So malte Adolf Menzel den Preußenkönig, als dieser auf dem Höhepunkt seines Lebens stand. Damals, nach den letzten Schlachten des Siebenjährigen Krieges, entstanden übrigens die vielen Legenden, die sich bis heute nicht nur bei überzeugten Preußen erhalten haben. Eine davon, die die (angebliche) Volksnähe des Herrschers beweisen sollte, lautet ungefähr so:

Als der König in Berlin sein Pferd vor einem Marktstand anhielt und die Gemüsefrau nach ihrer Meinung über eine gewonnene Schlacht fragte: „Na, wie haben wir das gemacht, Frau?“, antwortete die Gefragte berlinerisch: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!“ So etwas machte sich natürlich gut in einem preußischen Grundschullesebuch.

Wer F. II. wirklich kennen lernen möchte, dem sei sein „Politisches Testament“ von 1752 zur Lektüre empfohlen. Im Reclam Verlag (Nr. 9723) ist eine praktische, handtaschengerechte Fassung zu haben. Fein redigiert, kommentiert und mit der nicht nur für heutige Politiker klugen Aussage auf dem Umschlag:

„Die Politik ist die Kunst, mit allen geeigneten Mitteln stets den eigenen Interessen gemäß zu handeln. Dazu muß man seine eigenen Interessen kennen, und um diese Kenntnis zu erlangen, befarf es des Studiums, geistiger Sammlung und angestrengten Fleißes.“

Bin gespannt, ob in Bayern – erstmals seit 250 Jahren – die Schandtat des mit der Kaiserkrone kokettierenden Kurfürsten Karl Albrecht aufgedeckt werden wird. Dem breiten Volk dürfte nicht bekannt sein, dass dieser Karl Albrecht den jungen Friedrich ermunterte und mit Soldaten für seinen Schlesien-Raubzug bestach, um Friedichs Kurfürsten-Votum zu erlangen und die Erbfeindin in Wien zu demütigen. Sagen Sie nicht: „Naja, etliche Bayernherrscher von Tassilo III bis Franz-Josef Strauss  haben im 2. Jahrtausend viel Unheil über Deutschland gebracht“, ohne die zurzeit für die Uni Bayreuth vorbereitete Dissertation abgewartet zu haben!

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Kaisers neue Kleider: Berliner Architektur

Millionen für den „Wiederaufbau“ des hässlichsten Stadtschlosses von Europa sind reserviert – Potemkinsches Modell für ein sog. Humboldt-Forum – Motz über Protz

Was Sie hier drunter sehen, meine Damen und Herren, war einmal eines der wenigen gelungenen Neuberliner Bauwerke der 1970er Jahre. Es nannte sich Palast der Republik und stand unangenehmerweise im Osten des heutigen Gesamt-Berlin. In diesem Gebäude, das – im Vergleich zum Westberliner ICC – „menschenfreundlich“ gestaltet war, haben Tausende von Ostdeutschen mit ihren Familien Sternstunden erlebt: von Chorwettbewerben und Bezirkstreffen über Theater, Kabarett („tip“) bis hin zu ausgesprochen ordentlicher Gastronomie. Das Gebäude hatte nur drei Nachteile, die Westdeutschland als solche erkannte: Erstens beherbergte der „Palazzo prozzo“ die Volkskammer der DDR –  genau gegenüber dem seinerseits protzigen Berliner Dom, der das neugotische Gotteshaus von Schinkel, dem preussischen Herzeigebaumeister, schlicht und elegant, aber für den größenwahnsinnigen Kaiser zu unscheinbar gestaltet war, ablöste und sich in den broncefarbenen Fenstern des gegenüber stehenden Palastes spiegelte. Zweiter Nachteil: DDR at its best. Dritter (Alibi-) Nachteil: Asbest, nicht anders und nicht schlampiger aufgetragen als in den entsprechenden Gebäuden auf Westberliner Boden. Es kam, der politischen Flurbereinigung und der geplanten Auslöschung der DDR-Identität wegen, zum jahrelang andauernden, sauteuren  Abriss. Ach ja, irgendwelche (West-) Fachleute erkannten auch, dass die Statik des direkt an der Spree stehenden Palastes nicht ganz okay sei. Wie auch immer…

Als der Beschluss gefallen war, das DDR-Relikt zu beseitigen, meldete sich ein mittlerweile prominent gewordener Exponent aus Hamburg und forcierte die Idee, das Berliner Schloss (1950 gesprengt, weil ruinös, politisch unangenehm und ein urbaner Schandfleck) wieder zu errichten: jenes Schloss, das zu den langweiligsten europäischen Hauptstadtschlössern zählte und – unabhängig von den prominenten Baumeistern, welche an anderen Orten andere, liebenswerte Schlösser und was sonst noch entwarfen… – Das Schloss verfügte übrigens nicht einmal über ein kaiserliches Badezimmer. Es war halt ganz auf preußischen Kasernenstil getrimmt. Nicht nur Friedrich II., der gekrönte Raubgeselle (Stichwort Schlesien) und Held zahlreicher, größtenteils posthum erfundener Anekdoten, wohnte nur in Sanssouci, wenn er nicht gerade völkerrechtswidrige Kriege führte, ebenso wie seine Nachfolger größtenteils auch in anderen Gefielden (Potsdam). Erst die beiden kaiserlichen Wilhelme samt Beweibung nutzten die hässliche Berliner Schlafstätte, weil ihr Weg zu den Exerzierplätzen an der Berliner Peripherie kürzer waren und der Bevölkerung längere, gerade Strecken zum Zweck der militärischen und paramilitärischen Salutierung zur Verfügung standen. Es ist überliefert, dass das obrigkeitshörige Volk sogar vor der leeren schwarzen Marmorbadewanne, die vom Hotel Kaiserhof auf glatt gehobelten Baumstämmen in das Schloss gerollt wurde, wenn Majestät ein Bad zu nehmen geruhte, gehorsam salutierte – damals im alten Preußen. Heute wird nicht mehr salutiert. Heute wird diskutiert. Denn kaum sind die Altneubauten auf der Museumsinsel fertiggestellt, kommt wieder die Schloss-Debatte hoch. Getarnt als Potemkinsche Teilfassade mit oder ohne Kuppel. Das Geld für den Neubau, den man prophylaktisch Humboldt-Forum benamst, bevor ein Stahlpfeiler in den Boden gerammt ist, liege bereit: Das Ganze soll nicht schlampig ausschauen. 350 Millionen Euro sind geplant, und zur Beruhigung der stürmenden Volksmassen, die das Schloss „wiederhaben“ wollen, obwohl sie es nie hatten, erklärte der Kulturstaatsminister jüngst, man werde trotz der verständlichen Erhöhung der Gesamtbaukosten schon zurecht kommen – mit der Erhöhung, die durch die zeitliche Verzögerung unweigerlich entstehen werde. Schön. Aber da können einem schon hässliche Gedanken aufsteigen in Berlin, wo rund ums historische Zentrum architektonische Grauenhaftigkeiten am laufenden Band aus dem Boden gestampft werden. Wenn man von der Chausseestraße aus gen Süden blickt, muss man die Angst vor akutem Brechreiz unterdrücken. Nicht nur hier, dies ganz nebenbei. – Zur Abhilfe empfehle ich, und einige meiner Kameraden demonstrieren es nackt und offen und aus Jugendschutzgründen „ärschlings“, dass der nachstehende Entwurf doch ein preisgünstigerer und dank des Wiener Vorbilds, flott zu realisierender Bau wäre. Nicht nur Potemkinsche Fassaden mit oder ohne Kuppel, sondern ein Schloss, das man dann auch als solches bezeichnen und mit Kultur vollstopfen kann. Ich denke, Humboldt würde dann aufhören können, in seiner Gruft zu rotieren.

Fast hätte ich doch grad etwas vergessen: unsere schöpferischen Kindlein als Hobby-Architekten. Da unsere heutigen Kleinen mit einem schlossartigen Bauwerk leben müssen, wenn wir Heutigen längst im Pflegeheim alzheimern und gewindelt werden, schlage ich für ein originelles Humboldt-Forum einen Jugendwettbewerb vor, fern jeder beieinflussenden Architektur-Politik. Das umgebende Grün, Berlins glücklicherweise gepflegtes Manna der Straßenbäume, können die Kinder mit Buntstiften ergänzen. Was meinen Sie – als Neuberliner, Altberliner oder als einer der hier ansässig geworden Provinzler (die bekanntlich den Großteil der heutigen Einwohner innerhalb des Stadtgebietes ausmachen)?

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