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Doktorarbeiten: Ich fordere eine Entlarvungsquote!

(hp) Nun  ist die Bildungsministerin, Frau Dr. Annette Schavan, dran. Ihre von der Uni Düsseldorf angenommene Dissertation über ein bildungswissenschaftliches Thema soll einige Schlampereien enthalten. Ach, wie dramatisch, ja tragisch! Wer war der Doktorvater (eine Doktormutter gab es damals wohl noch nicht im quotenfreien Düsseldorfer Uni-Leben)? Wie gierig wird sich die Enthüllungspresse reinhängen in die Entlarvungsstory?

Ich schlage angesichts der Tatsache, dass es Leute mit sehr, sehr viel Freizeit gibt, vor, eine Männer- und Frauenquote einzuführen, damit die Reihe der Entlarvten nicht einseitig wird. Noch wichtiger scheint mir mein Vorschlag an die Entlarver, sich nicht nur mit echten und sogenannten Geisteswissenschaftlern zu befassen, sondern auch einen verschärften Blick in Doktorarbeiten naturwissenschaftlichen Inhalts zu werfen. Es muss ja nicht gleich eine (für Laien sicherlich schwer verständliche) Physik-Diss. sein. Des weiteren fordere ich einen Leserbriefkasten, in den jedermann einen Wunschkandidaten einwerfen darf. Meine beiden Erstvorschläge: Dr. Faust (verwurstet von Goethe aus zahlreichen alten Faust-Versionen aus drei Jahrhunderten) und – den Mann gab’s wirklich – Dr. Martin Luther, was zum Luther-Jubiläum passen würde.

In eigener Sache: Unser Verlagsprodukt „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus – Beiträge zur Unternehmenskultur in den Berliner Werken (Autor: Gert J. Wlasich) ist eigentlich auch eine Doktorarbeit und dies nicht nur wegen der 377 Quellenangaben/Fußnoten. Allerdings legte Wlasich keinen Wert auf einen Doktortitel. Was ihn heute hoffentlich nicht reut. Ein „Dr.“ auf seinem Grabstein würde sich sicher gut machen, denkt die Redaktion. Oder möchte er sich gar anonym beerdigen lassen, wenn es so weit ist?

 

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Ade, o Potsdamer Doktortitel – anschließende Gedanken

Er schrieb seine Doktorarbeit über die eigene Partei und bediente sich aus unsauberen Quellen: Florian Graf, Berliner CDU-Fraktionschef, will seinen Doktortitel los werden. Mit der Bitte um Aberkennung kam er wohl einem Titelentzug durch die Universität Potsdam zuvor.

Hätte ich hier die Quelle (SPIEGEL online) nicht genannt, hätte ich ein Plagiat begangen. Oder nicht? – Da entzieht sich ein bisher unbescholtener Berliner Provinzpolitiker, der grundbrav wie ein erstsemestriger  Regensburger Priesterseminarist ausschaut, einer eventuellen Entlarvung. Das ist gut so, sollte Florian Graf tatsächlich plagiiert haben. So gehört es sich. Nicht gehörig finde ich, dass der Verzicht auf die Doktorwürde einigen Parteifreunden „großen Respekt“ abverlangt. Das lässt den Schluss zu, dass solche Ehrlichkeit bei Berliner CDU-Politikern nicht die Regel ist. Also: Großer Respekt jemandem, der nichts Falsches tut, sondern schlicht und einfach ehrlich (geworden) ist. Großer Respekt für Ehrlichkeit. Hoffentlich nimmt das mein vom Raubtierkapitalismus leicht infiziertes Töchterchen (11 J.) nicht allzu wörtlich und verlangt demnächst für ihre Ehrlichkeit eine Ehrlichkeitsprämie.

Doch zurück zur Doktorarbeit des ehrlichen Berliners. „Noch dazu“, heißt es in der Presse, „befasste sich seine Dissertation mit der eigenen Partei“. Da keimt in mir doch eine Frage auf: Wie „ehrlich“ (nach den Maßstäben des Internet-Zeitalters) waren Dutzende von Doktorarbeiten z. T. prominenter Politikerkinder, die zum Beispiel über die Adenauer-Stiftung (angeblich eine CDU-nahe Institution) arbeiteten und bereits vor oder spätestens nach Erhalt der Promotionbsurkunde einen CDU-nahen Karriereposten erhielten oder tatsächlich Karriere machten?

Ich plädiere wieder einmal für mehr Gehirnschmalz bei der Formulierung von Dissertationsthemen durch die Damen und Herren Doktorväter und -mütter. Die Gesellschaft hat meines Erachtens ein Recht darauf, aus einer (hoffentlich) hart und mit (viel) Gehirnschmalz erarbeiteten Doktorarbeit Nutzen zu ziehen. Haben Sie, geschätzter Leser,  schon mal Dissertationen, vornehmlich „geisteswissenschaftliche“, gelesen und Nutzen aus der Lektüre gezogen? – Mir ist’s selten passiert, obwohl ich annehme, bei der Vergabe von Intelligenz nicht unbedingt weit hinten in der Reihe gestanden zu haben.

Schlussendlich würde mich Florian Grafs Diss. beinahe interessieren: Sollte er sich nämlich nicht nur irgend welche Ideen anderer Autoren bedient, sondern besonders gute „gestohlen“ haben, würde ich ihm – zwar respektfrei, aber tröstlich – mitteilen, dass es einer guten Idee wurscht ist, von wem sie gestohlen wurde!

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„Ich hab mein‘ Doc in Heidelberg verloren…“

Der volkstümelnde deutsche Liederschatz kann ab heute bereichert werden. Der Promotionsausschuss der Uni Heidelberg hat nämlich vermelden lassen, dass der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, der 1,84 m großen ehemaligen Europa-Abgeordneten, den Doktortitel aberkannt wurde. 120 Plagiate auf 80 Seiten ihrer Dissertation seien etwas zu viel. Vom Thema der Doktorarbeit lässt sich nur sagen, dass eine genaue Eigenrecherche überhaupt kein Problem gewesen wäre. Es geht da um etwas längst Vergangenes, um die Geschichte der „Münzunion„, die sich für jeden Studi im Grundstudium als Hausarbeit geeignet hätte. Also wenig Epochemachendes, nichts, was Fantasie oder gar Schöpferkraft bräuchte.

Genug der Vorwürfe an die fesche Frau. Ihre äußerst häufigen Abwesenheiten von EU-Sitzungen – die nicht als gehässig verschrieene FAZ schrieb von 60 Prozent! – müssten eigentlich dafür genutzt worden sein, um im Büro oder dank iPhone und Leihbüchern auch im Flieger zu recherchieren und sich auch die Autoren der Originale zu notieren. Frau Koch-Mehrin, laut einer früheren Erklärung im Mädchenalter für den Beruf der Großwildjägerin begeistert, wilderte nicht in Kenia oder einem anderen Entwicklungsland, sondern zu Hause. Das Wildern war immer schon bei Strafe verboten. Nun hat es die Dame anderswie getroffen, was bei richtigen Wilderern oft mit dem Todesschuss durch einen aufrechten Jäger oder Förster endete. Das beweisen die vielen „Marterln“ in bayerischen und österreichischen Wäldern, die an das eine oder andere Wildererdrama erinnern und Touristen zum Fotoapparat greifen lassen.

Ab heute darf ein unblutiges Wildern bzw. Plagiieren beginnen. Nicht nur professionelle Kabarettisten und halbseidige Comedians können das volkstümliche Lied von Fred Raymond „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“ (1925) umformulieren und das kardiologische Wort durch einen akademischen Begriff ersetzen. Ob wir einen solchen Vortrag schon heute Abend in Oliver Welkes „heute show“ hören und sehen werden? Oder übt er, was ich erhoffe, schon an einem schärferen Geschütz?

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Nachdenkenswertes zum Freiherrn

Der Herr zu Guttenberg macht wieder von sich reden. Er tat es bisher über seine Schreibe und so jetzt wieder. Es ist diesmal aber nichts Plagiiertes drin, denn man hat das Schreiben gleich offiziell einem Anderen überlassen. Die einheimischen Schreiber haben wieder ein Thema, an dem sie sich abarbeiten können. In Tages-, Wochen- und anderen Zeitungen. Die Satiriker frohlocken. Die Warner warnen. Die Nachdenker denken nach. Die Kabarettisten klauben ihre Scherze und Spitzen aus der Kiste. Und von überall wird der Hauch der Schande durch das Land verstäubt. Nur: Die Gut- und Besserwisser, die Aufrechten und Plauderer, die Hofnarren und Speichellecker der Medien, haben die Rechnung ohne ihn gemacht und ohne Meinung der Meinungsmacher.

In Wien, der schönen Stadt vieler Schleimer, gab es unter den Grünen, als diese noch in ihrer Jammerphase steckten, das Wort: „In der österreichischen Politik ist man nur dann erfolgreich, wenn man schon einmal mit dem Gericht zu tun hatte.“ Unsere gelegentliche Korrespondentin Jutta, geb. im steirischen Kalwang, heute in Perchtoldsdorf bei Wien sesshaft geworden, meint: „Ihr werdet euch wundern. Politiker sind, wenn sie über einen breiten Rücken verfügen, nicht von ihrer Karriereleiter zu blasen, wenn sie schon einmal auf einer Sprosse gestanden haben. Noch dazu, wenn sie nichts wirklich Schändliches angestellt haben.“ Guttenberg hat nicht bei der „Pflicht“ eines Politikers versagt, sondern bei der „Kür“ eines Privatmannes. Es ist kein Sexskandal mit Minderjährigen bekannt, in den der Freiherr verwickelt gewesen wäre. Und eine ohnehin zurückgegebene Doktorarbeit, in der sich viel Fremdes eingeschlichen hat, kann heutzutage, wo man ganz andere Sorgen hat, keine Rolle spielen bei der Beurteilung eines Machers, dem man zutraut, so manchen verfahrenen Karren aus dem Dreck zu ziehen. Guttenberg hat doch keine 50 Euro aus der Kasse eines Sportvereins oder einer Freiwilligen Feuerwehr geklaut. (Denn das wär‘ gar nicht gut!)

„Schauen Sie mal“, fragt Jutta, „wie viele Hitler-Bücher heute noch geschrieben werden. Glauben Sie wirklich, dass da nicht auf Teufel-komm-raus plagiiert wird?“ Außerdem: Schon Goethe hat abgeschrieben und hat es, wie beispielsweise Thomas Mann, auch zugegeben. Das waren ja auch anspruchsvolle Werke, während zu Guttenbergs „Doktorarbeit“ vom Thema her verzichtbar und für die Menschenheit ohnehin nutzlos war. Letztlich erscheint das Doktorarbeitsthema heutzutage nicht dümmer, als wenn sich eine zweitklassige Filmschauspielerin falsch kleidet oder ein Mann eine unpassende Krawatte trägt oder die ehemalige amerikanische Außenministern im Fast-Minirock in der arabischen Welt mit nackten Oberschenkeln zeigt.

Es bleibt beim Verhalten des Freiherrn, nachdem er ertappt wurde. Na gut: Er wollte seine Lügen dahingehend interpretiert wissen, dass ihm sein Amt, ja, seine Mission so wichtig war, dass er „die Übersicht verloren hatte“. All das wird ihm verziehen werden, meint Jutta. Das sei ihr Bauchgefühl. Lothar, unser Verlagsdiener: „Nachdenkenswert!“

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Wer suchet, findet – zweitklassige Entlarvungen

Schon wieder einer entlarvt, der abgeschrieben hat – Plagiatssucher sollten sich lieber auf die Aufdeckung von Geschichtslügen und Halbwahrheiten stürzen!

Nun haben sie den Althusmann in der Zange. Hat er abgeschrieben oder nicht? – Einem Chef der deutschen Kultusministerkonferenz stünde dies nicht zu, heißt es. Wie wahr. Aber die Neuauflage der unterhaltsamen Hetze, in deren Verlauf wir an die ungute Guttenbergsche Plagiatsaffäre erinnert werden, ist nicht mehr so so interessant wie es noch das peinliche Herumgespiele um die FDP-Politikerin war, die sich angeblich – so hab ich es in Erinnerung – auf dem Gerichtsweg gegen ihre Diskreditierung wehrt. Weit wesentlicher scheint mir, und dies an die Adresse der Plagiatsfinder, eine eher fruchtbringende Zielausrichtung ihres Entlarvungs-Steckenpferdes.

Wenn einer für seine Dissertation etwas Gescheites abschreibt und dies nicht vermerkt, dann ist dies sträflich. Aber es schadet keinem Dritten. Wenn jemand allerdings – und hier nehme ich die naturwissenschaftlichen Doktorarbeiten nicht aus – eine matte, schwache, überflüssige, niemandem, nicht einmal einer mausetoten Wissenschaft nutzende Diss. verfasst, die weder Neues bietet noch Altes aktualisiert oder gar nützlich ist für die Menschheit, dann finde ich das weitaus gravierender als irgend welchen Gedankenklau.

Wer wie ich, teils zwangsweise, teils freiwillig, mit Wissenschaftlern und mit solchen, die sich dank ihres Titels als solche ausgeben, zu tun hatte und hat, kommt zuweilen auf seltsame Gedanken. Drastisch und beispielhaft und deshalb keiner konkreten Person aus meinem Bekanntenkreis zuzurechnen: Wie kam dieser Volltrottel  zu seinem Doktor? (Gegen Trotteligkeit hab ich, dies ganz nebenbei, überhaupt nichts einzuwenden!) – Ich weiß, worüber ich meckere. Ich machte mir nämlich einmal das zweifelhafte Vergnügen, die Dissertation einiger Politiker und einiger Historiker zu lesen. Ganz selten bemerkenswerte Gedanken, fundierte Erörterungen, Ideen, Interpretationen oder (blödes Wort, pardon:) „hinterfragende“ Forschung oder gar handfeste Analysen. Häufig bloße Berichterstattungen und Beweise, was und wie viele andere Fachliteratur vom Doktorarbeitsverfasser verschlungen worden sind und Literaturangaben mit Werken, darunter das Alte und das Neue Testament incl. Psalmenbücher oder juristische Kommentare, für deren Lektüre jedermann Jahre gebraucht hätte. Nun ja, mit langen Aufzählungen konnte man bei diesem und jenem Doktorvater, der vielleicht lieber im eigenen Rosengarten kreativ gewesen wäre als in lanweilenden Texten zu lesen und dies noch dazu mit kritischem Blick, Eindruck schinden. So weit, so gut. Das alles ist, wie der geduldige Leser erkennt, nicht so wichtig und auch gar nicht interessant.

Heftiger wird es – und wir erleben gerade anschauliche Beispiele in dieser causa -, wenn Thesen und Darstellungen etablierter Autoren (z.B. Historiker), die aus ihrer eigenen Zeit (Beispiel Kalter Krieg)  kritiklos übernommen und weiterverbreitet werden, die vor Einseitigkeit nur so strotzen. Wenn historische Themen nach Gusto nur leicht variiert und wiedergekäut werden, um ja nicht irgend ein habilitiertes Denkmal zu erschüttern oder gar einen in der gleichen Angelegenheit publiziert habenden Doktorvater zu beleidigen. Da muss man ja schon mal den Hut heben, wenn in der Frage „Wem verdanken wir die Berliner Mauer?“ eine Historikerin (richtigerweise!) behauptet, nicht der (selbstverständlich böse) Chruschtschow, sondern der (selbstverständlich noch fürchterlichere) Spitzbart Ulbricht seien „Verursacher“ und Verantwortliche des Mauerbaues. – Schade nur, dass es auch die erwähnte, etwas freier denkende amerikanische Historikerin  unterlassen hat, in US-Akten einen etwas tieferen Einblick zu nehmen, als sie es – jedenfalls in ihrem empfehlenswerten Buch „Ulbrichts Mauer“ – niedergeschrieben hat. Wie gesagt, nur ein kleines Beispiel und die Einladung an meine Leserschaft, im Netz bei Senator William S. Fulbright zu stöbern und Dinge aufzudecken, die bislang noch in (fast) keiner einheimischen Publikation zu lesen sind.

P.S. Vermutlich wird am bevorstehenden 13. August, wenn Bundespräsident und Bundeskanzlerin am Berliner Mauerdenkmal an der Bernauer Straße in einer Gedenkveranstaltung zum Bundesvolk sprechen werden (ARD überträgt live!), auch nur die gewohnten Alt-Darstellungen zu hören sein – mit der gedenkstättenüblichen Aufforderung, der vielen Opfer zu gedenken.

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