Tag Archives: Nationalsozialismus

Digitale Bücher

Es ist uns eine besondere Freude mitteilen zu dürfen, dass unser Buch „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ jetzt auch als eBook vorliegt, und zwar in den beiden verbreiteten Formaten Mobipocket (für KindleⓇ) und EPUB (für die meisten anderen Lesegeräte).

Im Laufe der nächsten Wochen werden  Sie das Buch bei führenden Händlern für elektronische Bücher im In- und Ausland finden. Ein Bezug direkt über den Verlag ist – anders als bei der Print-Ausgabe – leider nicht möglich.

 

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„Gregor Straßer war bei Schering doch nur eine Null!“

(hp) Bei Autorenlesungen ist es meistens ruhig bis feierlich, es sei den, ein schreibender Witzbold verwöhnt sein Publikum mit Scherzen. Als unser Autor G. Wlasich vorgestern nahe dem Berliner Moritzplatz (neben dem Aufbau-Verlag) über den „Oral history“-Abschnitt seines Buches „Die Schering AG in  der Zeit des Nationalsozialismus“ referierte, gebärdete sich ein Gast in  der zweiten Reihe auffällig, bevor er mit seiner Kritik herausplatzte: Wlasich habe viel zu viel Platz für den Abschnitt über den nur kurzfristig bei Schering untergebrachten „Obernazi Gregor Straßer“ vergeudet und „meinen Vater nicht einmal mit einer Zeile erwähnt.“ Einige Sekunden Stille im Saal, weil der Zwischenrufer seinen Namens nicht nennen wollte. Schließlich ermunterte Herrn J. Schwanitz die entstandene Unruhe samt Wlasich-Bitte um Namensnennung, seine Kritik auszubreiten.

Sein Vater sei 1944 von der Gestapo vor der Schering-Einfahrt Fennstraße 12 im Berliner Wedding „vom Fleck weg“ verhaftet worden, weil er es zugelassen habe, dass italienische Zwangsarbeiter am Sonnabend auf dem Bürgersteig ein Mandolinen-Konzert für Frauen aus der Nachbarschaft gaben. Schwanitz senior sei inhaftiert geblieben, bis ein Schering-Direktor (vermutlich Dr. R. Clerc) interveniert habe. Dazu muß man wissen, dass die zivilen italienischen Gastarbeiter nach dem „Verrat“ der italienischen Armee (1943, s. Badoglio) im Deutschen Reich automatisch zu Zwangsarbeitern degradiert wurden und daher nicht mehr die Rechte hatten, die sie vor der Absetzung Mussolinis genossen.

Wlasich entschuldigte sich mit dem Hinweis, dass er bei den Recherchen für sein Sachbuch nur auf schriftliche, möglichst beglaubigte Zeitzeugen-Aussagen zurückgegriffen habe, um die Seriosität der Darstellungen nicht zu gefährden. Der Vater von Schwanitz sei Anfang der 1950er Jahre gestorben und habe bei Schering leider nichts Schriftliches hinterlassen, wohl aber in der Familie und bei einem Verein. Der mittlerweile betagte Sohn will unserem Verlag Aufzeichnungen nachreichen, damit dieses Thema in einer Neuauflage berücksichtigt werden könnten.

Wie ein damals bereits pensionierter Optiker aus der Reinickendorfer Straße 1988 in einem Zeitzeugen-Meeting im Scheringianum erzählte, habe das Schering-Management „nicht erst seit Stalingrad gewisse Vorschriften der Nazi-Behörden ignoriert“. An die von Herrn Schwanitz in Erinnerung gerufenen sog. Mandolinenkonzerte der Italiener denke er, so Otto Reinke, der mittlerweile verstorbene Optiker, gern zurück: Es sollen nur traurige, von Heimweh strotzende Linder und Arien gewesen sein, die mitten im Krieg auf der Fennstraße erklangen und von den Frauen aus der gegenüber liegenden Häuserzeile geliebt worden seien. Die Spontankonzerte hätten aber nach der Bombardierung des Wedding im Herbst 1943 aufgehört.

Mit dem Hinweis, der bis Ende 1933 innerhalb der NSDAP mächtige Gregor Straßer sei nach seiner Abhalfterung durch Hitler bis zur Erschießung am 30. Juni 1934 („Röhm-Putsch“) als Frühstücksdirektor bei Schering „nur eine Null“ gewesen, hat Schwanitz übrigens Recht – dies nur der Vollständigkeit halber für jene Leser, die sich in der NSDAP-Geschichte nicht genau auskennen bzw. Wlasichs Buch nicht gelesen haben.

 

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Kleiner Nachtrag zu „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“

Von den vielen wohltuenden Reaktionen auf unser erfolgreiches Buch Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus von Gert J. Wlasich wird der Autor zu gegebener Zeit manche Anregung in eine (eventuelle) erweiterte Neuauflage übernehmen, die auch die unmittelbare Nachkriegszeit berücksichtigen wird. Aktuell geht es um einen Beitrag des Lesers Johann Stadler aus München, der sich „seit vielen Jahren mit den oberschlesischen Steinkohlerevieren“ beschäftigt. Stadler bezieht sich auf Wlasichs Darstellung „Jüdische Firmen unter Zwang: Schering kauft Scherk“ (Seite 88 f.) und bestätigt die Einstellung des Schering-Chefs Hans Berckemeyer und des Vorstandsdirektors der Schering-Kahlbaum AG, Weltzien. Stadler:

Schon vor der Reichstagswahl 1920 verlangte der damalige (Schering-)Aufsichtsratsvorsitzer Hans Berckemeyer in einem nüchternen Brief an Gustav Stresemann (Deutsche Volkspartei) eine klare Distanzierung von antisemitischen Zielen.

Herrn Stadlers Beitrag, für den der Verlag herzlich dankt, illustriert allerdings keine grundsätzlich „judenfreundliche“ Einstellung des Schering-Managers Berckemeyer, die sich auf das liberale Klima innerhalb des Unternehmens ausgewirkt hätte, sondern wohl ausschließlich den Gedanken des Bankiers Berckemeyer, vornehmlich begüterte jüdische Wähler würden der Partei von Nutzen sein. Stadler ist allerdings im Recht, wenn er sich auf Berckemeyers positiv zu bewertende Sturheit beruft, seinen jüdischen Kollegen im Aufsichtsrat, Hans Bie, trotz der Drohung der NSDAP, Schering als „jüdisches Unternehmen“ zu enteignen, an der Unternehmenspitze zu belassen (Seite 90 f.).

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War der NS-Verbrecher Dr. Renno ein Schering-Mitarbeiter?

(hp) Wieder eine Buchpräsentation Gert Wlasichs, in der eine „delikate“ Frage aufgeworfen wurde – vorwurfsvoll und aggressiv, weil der Autor in seinem Buch, das kürzlich in unserem Verlag erschienen ist, einen Nazi-Verbrecher angeblich unterschlagen habe. Meinte zumindest ein junger Zuhörer. Es ging um einen gewissen Dr. Georg Renno, der 1948 von der Schering AG angestellt worden sei. Dies stimmt; Folgendes ist aber zu ergänzen:

Die Person

Georg Renno, während der Nazizeit einer der brutalsten „Vergasungsärzte“ im Schloss Hartheim/Oberösterreich, hatte sich nach Kriegsende unerkannt nach Süddeutschland abgesetzt. Dort agierte er als unauffälliger Mann unter dem Namen Dr. Georg Reinig zeitweise als Assistenzarzt. 1948 las er in einer Anzeige, dass die kriegszerstörte Schering AG ihren pharmazeutischen Außendienst wieder aufbauen werde. So bewarb sich Renno mit perfekt gefälschten Dokumenten bei der Berliner Schering AG als Pharma-Außendienstmitarbeiter für Rheinland-Pfalz und wurde als solcher eingestellt. Allerdings nicht von der Zentralen Schering-Personalabteilung in Berlin, sondern von der zuständigen Geschäftsstelle in Westdeutschland.

Chronologie der Zusammenarbeit

  • 1. August 1948: Anstellung des Dr. Renno als Außendienstmitarbeiter der Schering AG in Rheinland-Pfalz mit gefälschter Approbations- und Promotionsurkunde auf den Decknamen Reinig. Die Fälschung der Promotions- und der Approbations-Urkunde wurde bei Schering offensichtlich nicht erkannt. Laut eigener Aussage hatte „Dr. Reinig“ die Aufgabe, den Wiederaufbau des ärztlichen Außendienstes im Bundesland Rheinland-Pfalz durchzuführen.
  • 1954 wird er als Dr. Renno erkannt. Im August erklärt er gegenüber Schering, dass er seinen Namen geändert habe, weil nach 1945 ehemalige NS-Angehörige verhaftet werden sollten und er einer Verhaftung entgehen wollte. Über inhaltliche Beschuldigungen findet sich nichts in der Personalakte.
  • August 1954: Schering wird darüber informiert, dass er die Änderung seines Decknamens Reinig auf Renno beantragt habe. Die Änderung auf den richtigen Namen Ronnos erfolgte 1955 ohne Hinweis auf die Biografie des Mannes.
  • 25. Oktober 1961: Renno wird in seiner Wohnung verhaftet, aber bald aus der Untersuchungshaft entlassen (angeblich wegen der Folgen einer unausgeheilten Tuberkulose aus der Kriegszeit).
  • 18. Dezember 1961: Wegen der Inhaftierung Rennos stellt die Schering-Geschäftsstelle den Arbeitsvertrag vorschriftsgemäß auf „ruhend“.
  • Januar 1963: Schering ist bereit, Renno wieder arbeiten zu lassen, falls durch die Ärztekammer Rheinland-Pfalz bescheinigt wird, dass keine „einschränkenden Maßnahmen“ verhängt worden sind.
  • 7. Januar 1963: Die Ärztekammer bescheinigt, dass keine „einschränkenden Maßnahmen gegen die Ausübung des ärztlichen Berufes“ vorliegen.
  • 1. Februar 1963: Renno nimmt seine Arbeit für Schering wieder auf.
  • 1. Februar 1965: Richterliche Einvernahme Rennos aufgrund regionaler Zeitungsartikel. Renno ist geständig, in der NS-Zeit schuldig geworden zu sein.
  • 7. November 1967: Die Anklageschrift liegt vor. Schering wird darüber nicht informiert.
  • 20. August 1969: Prozessbeginn. Beurlaubung Rennos durch Schering. Renno bemüht sich um die vorzeitige Pensionierung.
  • 1. Oktober 1969: Ab diesem Zeitpunkt ist Renno Rentner.
  • 11. März 1970: Am 52. Verhandlungstag erscheint Dr. Renno nicht vor Gericht (angebliche Erkrankung des Blinddarms).
  • 25. März 1970: Vorläufige Einstellung des Verfahrens gegen Renno.
  • 19. Dezember 1975: Endgültige Einstellung des Verfahrens „aus gesundheitlichen Gründen“. Ärztliche Gutachten hatten von einer Verhandlungsunfähigkeit Rennos gesprochen.
  • 1989: Renno wird von einem österreichischen Reporterteam bei der Gartenarbeit vor seinem Hause in Rheinland-Pfalz fotografiert.
  • 4. Oktober 1997: Renno stirbt in Neustadt an der Weinstraße. Es wird keine Hinterbliebenenrente gezahlt.

Bleibt nur noch die Feststellung, dass laut Auskunft des Verbandes der Chemischen Industrie (Frankfurt/Main) eine Reihe ehemaliger „Nazis mit Geschichte“ auf ähnliche Weise in Firmen der Branchen Chemie und Pharma untertauchen konnten. Die Vermutung drängt sich auf, Dr. Renno habe in- und außerhalb der Ärztekammer Gesinnungsgenossen aus brauner Zeit gefunden, die ihm 1963 den „Persilschein“ ausstellten, der Schering zur Fortsetzung der Zusammenarbeit brachte.

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NS-Widerständler bei Schering (nicht nur) im Keller

Die Palette der Meinungen und Stellungnahmen zu Gert J. Wlasichs neuem Sachbuch „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ wird immer größer und farbiger, was den Verlag freut. Zum Thema Nazi-Gegner und Widerständler in der Schering AG trugen anlässlich einer Buchvorstellung in Berlin-Charlottenburg zwei Zuhörerinnen ganze Namenslisten vor: Namen von Mitarbeitern und anderen untergeschlüpften, in Schering-Kellergeschossen vorübergehend versteckten Personen, die trotz der nach außen bewachten Werkstore „offene Türen“ fanden. Dies gerade in der Zeit der sog. Fabrikaktion, die Adolf Hitler ein „judenfreies“ Berlin zu seinem Geburtstag „schenken“ sollte. Viel zu wenig sei die Widerstandsgruppe „Onkel Emil“, die sich nach dem Decknamen ihres Chefs, dem in der Schering-Forschung tätig gewesenen Facharzt Dr. Walter Seitz benannte, gewürdigt worden.

Was Gert J. Wlasich sachbuchgerecht knapp darstellte, könnte laut Andrea Schulz, Tochter einer dank „Onkel Emil“ geretteten Jüdin, in einer Neuauflage auf mehrere Druckseiten erweitert werden. Die greise Dame berichtete von Fakten und Szenen, die vor 67 Jahren passierten, als würde sie sie selbst erlebt haben. Wie Dr. Seitz im von Jochen Köhler herausgegebenen Buch „Klettern in der Großstadt“ bescheiden schilderte, hatte er als Arzt seine Position an der Berliner Charité aufgegeben und ließ sich in der Pharma-Forschung der wegen ihrer Medikamente und Pflanzenschutzmittel als „kriegswichtig“ bezeichneten Schering AG als medizinischer Mitarbeiter anstellen. Dort konnte er seine Widerstandsarbeit gegen das Nazi-Regime leichter erledigen als im Universitätskrankenhaus. Ruth Andreas-Friedrich, seine langjährige Gefährtin und spätere Ehefrau, öffnet in ihrem Buch „Der Schattenmann„, das vor allem im englischsprachigen Raum zahlreiche Auflagen erlebte, ein Fenster in die schreckliche Zeit und gibt in ihren Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1938–1945 nicht nur ihre persönlichen Erlebnisse als Mitglied der Gruppe „Onkel Emil“ wieder, sondern nennt protokollartig auch Namen und Fakten, die sich in anderen Büchern der Nachkriegsliteratur nicht finden. Um den Umfang des Buches nicht zu sprengen, heißt es  allerdings im Nachwort von Jörg Drews:

„Aufgeführt sind hier ausschließlich die antinazistischen Handlungen der Gruppe [= ‚Onkel Emil‘] während der letzten Monate, nicht aber die zahlreichen Gesamt- und Einzel-Aktionen während der ganzen Dauer des Naziregimes.“

Mit einem liebenswerten Kompliment verabschiedete sich die eingangs erwähnte Frau Andrea Schulz: Sie schlug vor, zumindest alle Berliner Oberschulen mit Wlasichs Buch über die Unternehmenskultur in den Berliner Schering-Werken zu bestücken.

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Carl Clauberg wurde nicht über Nacht Verbrecher!

Ab wann ist ein Forscher ein Verbrecher? – Kein Thema für einen Fünf-Uhr-Tee, möchte man meinen. Im Fall des Gynäkologen Carl Clauberg, den ich in „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ nur kurz erwähne, konnte ich aber nicht ausweichen. Wollte ich auch gar nicht. Mein Abwehrargument, ich hätte mich bewusst nur mit den Berliner Standorten der Schering AG beschäftigt und firmenexterne Forscher wie Clauberg nur genannt, um mich keiner Unterschlagung schuldig zu machen, wurde von meinen Tee-Gästen nicht akzeptiert. Also raus mit der Sprache:

Den Frauenarzt Carl Clauberg kennt man aus der Literatur wegen der Verbrechen, die er während der NS-Zeit beging. Der Hauptvorwurf: Clauberg benutzte in den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau gefangene Frauen für „Sterilisationsversuche“ im Interesse und unter dem Schutz der SS. Es blieb nicht bei den geplanten operationslosen Zwangssterilisierungen ohne „Bauchaufschneiden“, wie es damals in der schulmedizinischen Frauenheilkunde hieß. Es gab auch Todesfälle unter den Opfern. Die meisten überlebenden jüdischen Frauen entgingen zwar dem für sie vorgesehenen Tod durch Vergasung, doch litten sie wohl ihr Leben lang darunter, dass sie unfruchtbar gemacht worden waren. Soweit auch die Hauptanklage gegen Clauberg, der noch vor der Eröffnung seines Gerichtsverfahrens in der Untersuchungshaft am 9. August 1957 das Zeitliche segnete.

Das Unvermeidliche bei der Betrachtung der Person Claubergs ist unsere subjektive Abscheu auch vor den Methoden biologischer Forschung, die „Nutzung“ von Versuchspersonen während der sog. klinischen Phase, die nach erfolgreichen Experimenten an Tieren den nächsten Schritt darstellt – hin zur Entwicklung etwa eines Arzneimittels. Wenn hier ein objektiver Maßstab angebracht ist, muss (auch) der heutige Betrachter sachlich und ohne erhobenem Zeigefinger feststellen, dass Clauberg und andere klinische Wissenschaftler medizinisch lege artis, d.h. nach anerkannten Regeln, vorgingen. Im konkreten Fall ging es um die Dosisfindung und die spätere chemische Darstellung des Gelbkörperhormons (Progesteron), das neben dem Estrogen im Körper der Frau die Fruchtbarkeit steuert und damit eine Schwangerschaft ermöglicht. Zu diesem Thema referierte und publizierte Carl Clauberg lange vor der Nazizeit vielbeachtet im In- und Ausland. Die Schering-Forschung, der gerade mit dem Göttinger Chemiker Adolf Butenandt die chemische Darstellung des Estrogens (1929) gelungen war, lud Clauberg als einen von mehreren externen klinischen Gynäkologen ein, an der Progesteron-Entwicklung mitzuarbeiten. Clauberg war damals Arzt an der Universitäts-Frauenklinik in Kiel.

1931 begann in der überwiegend sexualfeindlichen, also stockkonservativen deutschen Gynokologie die Fachdiskussion über Sterilisation – zwei Jahre vor Ausbruch der Nazizeit. Clauberg, an allem Neuen interessiert, wollte nicht abseits stehen. Als nach der „Machtübernahme“ die „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zum Thema gemacht wurde, stand er ebenfalls nicht abseits. Was für das Verhalten Scherings spricht: Als Clauberg vorschlug, das Estrogen „Progynon“ dahingehend zu testen, ob es auch – im Prinzip wie die moderne „Pille“ – durch Überdosierung für die Empfängnisverhütung geeignet sei, protestierte der Schering-Forschungsleiter Walter Schoeller und forderte Clauberg auf, von jeglicher das Progynon-Präparat betreffender Publikation Abstand zu nehmen. Ob Prof. Schoeller mit dem Entzug der Forschungsbeihilfe drohte, ist nicht überliefert.

Spätestens an dieser Stelle erscheint es mir nötig, die bescheiden betitelte Arbeit „Carl Clauberg, ein biographischer Hinweis“ des Arztes Dr. Helmut Grosch in „Endokrinologie-Informationen – Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie“, Heft 2/1985, für eine ausführliche Lektüre zu empfehlen: Hier finden interessierte Leserinnen und Leser auch fundierte Angaben darüber, wo überall Clauberg mit seinen – damals noch – seriösen Forschungsvorhaben abgeblitzt ist, bevor er sich bei Himmler andiente und in KZs tätig wurde und unter grauenhaften Begleitumständen verbrecherische Zwangssterilisierungen vornahm und an Mitarbeiter delegierte.

Gegenüber Schering in Berlin gab er sich während der ganzen Zeit als Chefarzt zweier konfessioneller Frauenkliniken und Inhaber einer Privatpraxis mit Labor in der Stadt Königshütte/Oberschlesien aus. Position und Adresse entsprachen den Tatsachen. Eine andere Postanschrift hatte Schering nicht.

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De mortuis nihil nisi bene?

„Über Tote soll nur Gutes gesagt werden.“ –  Mit dieser aus dem Lateinischen stammenden Redewendung wollte mir „mein“ kritischer Leser Jens Hoffmann in meiner jüngsten Buchvorstellung in Dortmund einen Strick drehen. Er warf mir vor, den Wissenschaftler Adolf Butenandt (1903–1995, Nobelpreis 1939) „ungeschoren“ gelassen zu haben. Ob ich ein Exponent der Max-Planck-Gesellschaft oder gar Nutznießer einer Subvention dieser Einrichtung sei?

Jens Hoffmann ist kein Historiker, sondern Leser der Wochenzeitung DIE ZEIT. Einen Ausschnitt aus diesem seriösen Organ zitierte Hoffmann genüsslich und legte Wert darauf, Butenandts von mehreren Wissenschaftshistorikern angezweifeltes Wohlverhalten nach der 1936 erfolgten Berufung zum Chef des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biochemie in Berlin-Dahlem erörtern bzw. zerlegen zu wollen. Erst als einige Zuhörer aufbegehrten, sie seien zu einer Buchvorstellung und nicht zu einer wissenschaftskritischen Diskussionsveranstaltung gekommen, ließ Jens Hoffmann von seinem Begehr ab.

Titelseite von "Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus"

Gert J. Wlasich: Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus, ISBN 978-3-9814203-1-9

Mit meiner Erklärung beim anschließenden Kräutertee, in meinem Buch „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ sei Butenandt sehr wohl genannt, allerdings nur als genialer Chemiker, der in Zusammenarbeit mit der Schering-Hormonforschung die Steroid-(Sexual-) Hormone isoliert und damit die preisgünstige chemische Produktion dieser Stoffe – bis zur Entwicklung der sog. Pille (1961) ausschließlich Therapeutika – ermöglicht hat. Diese Arbeiten waren 1936 abgeschlossen. Die Arzneimittel waren auf dem Markt, und die Arbeitsbeziehung zwischen Schering (Berlin) und Butenandt (Göttingen und Danzig) war damit zu Ende. Nach diesen Arbeiten, zu denen der junge Butenandt übrigens von seinem Göttinger Lehrer und Doktorvater Adolf Windaus (Nobelpreis für die Erforschung des Vitamin D) ermuntert worden war, widmete er sich einer Reihe völlig anderer Themen der Grundlagenforschung; außerdem knüpfte er neue Kontakte, zum Beispiel mit der Darmstädter Firma Merck. Butenandts Forschungen ab 1936 waren für die Schering AG nicht mehr interessant. Selbstverständlich hielten die Schering-Forscher mit ihm und seinem Forschungsteam weiterhin persönlichen Kontakt. Immerhin war er auch Honorarprofessor an der Berliner Universität und innerhalb der wissenschaftlichen Gesellschaften und Vereine in aller Welt ein gefragter Gast und Partner.

Portraitfotografie von Adolf Butenandt

Adolf Butenandt isolierte für Schering ab 1929 Steroidhormone

Kein anderer deutscher Wissenschaftler wurde mit derart vielen Auszeichnungen, Ehrendoktoraten (16), Ehrenmitgliedschaften usw. überhäuft wie Adolf Butenandt, der 1956 Direktor der Max-Planck-Gesellschaft wurde. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft während der NS-Zeit, die in den 1990er Jahren eingeleitet wurde, wurde selbstverständlich auch Butenandt „durchleuchtet“. Im Gegensatz zu etlichen seiner früheren Instituts-Kollegen und deren Mitarbeitern (v. Verschuer, Mengele u.a.) fanden die Historiker nichts Belastendes. Die Hauptkritik richtete sich gegen sein Verhalten in der Nachkriegszeit, als er direkt und indirekt mithalf, ehemaligen Tätern und Schreibtischtätern „Persilscheine“ auszustellen.

Der Kräutertee in Dortmund war ausgetrunken. Bevor Jens Hoffmann seinen ZEIT-Artikel brieftaschengerecht faltete, bat ich ihn, mir das Erscheinungsdatum zu zeigen: Ausgabe 5/2000. Damals war gerade das Buch „Die Augen von Auschwitz“ von Ernst Klee erschienen, ein erschütterndes Werk, das zwar nicht allzu viel bisher Unbekanntes bot, aber – das macht ja Klees Bücher aus – weitaus seriöser und gleichzeitig plastischer als manches andere dieses Genres. Und fern der altrömischen Devise „De mortuis nihil nisi bene“.

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„Nazi-Canaillen“ wie Clauberg bleiben aktuell!

Samstags lasse ich es mir nicht nehmen, für Freunde zu kochen, die nach altsteirischer Sitte ein gepflegtes Mittagessen zur konventionellen Mittagszeit zu schätzen wissen und um diese Zeit nicht mehr ihren Wochenstress im Bett austrudeln. Ein idealer Kochbegleiter ist Ingo Kahle mit seiner Inforadio-Sendung „12 Uhr 22 bei Ingo Kahle“. Am letzten Samstag hatte er den Journalisten und Buchautor Hans-Joachim Lang zu Gast. Thema der Sendung war Langs jüngstes Buch über die Frauen im Block 10 im KZ Auschwitz. „Den Frauen ein Denkmal setzen“ war die ehrenhafte Absicht Langs. Gastgeber Kahle förderte zwar nur längst Bekanntes aus Lang zu Tage, aber das in einer Art und Weise, wie sie heutzutage selten geworden ist im Gesinnungsjournalismus.

Bei Lang ging es um das mörderische „Wirken“  der KZ-Ärzte Clauberg und Schumann und deren Zwangssterilisierungen und um die heute noch lebenden Opfer der beiden „Canaillen“, also um Frauen jenseits der neunzig. Ehrenhaft, wie Lang recherchierte. Veraltete oder falsche Klischees, wie sie immer noch in hingeschluderten Publikationen karrieregeiler Trittbrett-Autoren heruntergeraspelt werden, vermied dieser Autor dankenswerterweise.

Das Thema „Verbrechen  der Nationalsozialisten“, das ganze Bibliotheken in aller Welt füllt, wird immer aktuell bleiben, solange es Bibliotheken gibt. Da tut es gut, Seriöses zu lesen – egal, aus welchem Blickwinkel ein Autor sein Thema beleuchtet.

„Es ist wie mit Deinen Semmelknödeln“, kommentierte meine Lieblingsfeindin Ilse nach dem gestandenermaßen bescheidenen Mahl (Tiroler G’röstel mit Sauerkraut) schmeichlerisch, „mit oder ohne Schinkenwürfeln schmecken sie immer gut“. Sie hatte Ingo Kahle mit angehört, während sie das Büschel Petersilie und eine kleine Zwiebel hackte. Ihr sei er nicht besonders sympathisch, allerdings nur seiner Betroffenheitsstimme wegen. Die Themen der Samstagssendung findet sie meist gut gewählt. Das aktuelle passte jedenfalls gut als Ouverture zum Trauersonntag…

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Die Geschichte geht weiter (2)

Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet die Unternehmenskultur in den Berliner Werken in der Zeit des Nationalsozialismus.

Arbeitsjubilar mit Hakenkreuz

Arbeitsjubilar nach 1933 beim obliganten Fototermin für die DAF (Deutsche Arbeitsfront). Das "Amt für Schönheit der Arbeit" sorgte für "feierliche Stimmung". Wer nicht zur Jubilarehrung erschien, musste sein Jubilargeld schriftlich beim zuständigen Sachwalter anfordern (Zeitzeugin E. Engler).

Jubilar mit Blumenstrauß

1931: Als Arbeitsjubilare noch ohne "Gleichschaltung" feiern konnten, wie sie wollten.

Auf Bildern wie diesen, auf dem Flohmarkt am Berliner Fehrbelliner Platz erworben, sind Arbeitsjubilare  des Schering-Werkes Berlin-Adlershof (?) abgebildet. Sie beweisen, dass sich nicht alle Mitarbeiter im Sonntagsanzug verewigen ließen. Diese und weitere Fotos werden wir gern dem Scheringianum (Archiv der Bayer AG) übermitteln.

Sollten Sie Dokumente, Medikamentenfläschchen, Verpackungen oder andere Erinnerungsstücke aus der Schering-Produktion vor 1945 auffinden, die Sie oder Ihre Angehörigen nicht mehr brauchen: Werfen Sie sie bitte nicht weg. So manches Fundstück könnte für die historische Firmendarstellung von Wert sein! H.-P.Eis

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Nicht Karl-Wilhelm, sondern Carl Clauberg

Schon drei Wochen nach dem Erscheinen unseres Sachbuches Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus erreicht uns ein breit gefächertes Echo aus der Leserschaft. Das freut den Verlag, fordert aber auch Kommentare und Antworten auf offene Fragen.

Vorrang hat die Namensklärung „Clauberg“:

Der im Buch Gert J. Wlasichs beschriebene Prof. Carl Clauberg, bekannt auch unter dem Spottnamen „Auschwitz-Kanaille“ (Stichwort Zwangssterilisierungen), war mit dem ehrenhaften Dr. Karl-Wilhelm  Clauberg (Bakteriologe und Virusforscher) weder verwandt noch verschwägert. Karl-Wilhelm Clauberg wehrte sich schon im Oktober 1955 in der Presse dagegen, mit dem damals aus sowjetischer Gefangenschaft entlassenen Carl Clauberg verwechselt zu werden. Vor 1955 waren die Untaten Carl Claubergs nicht bekannt. Weder die Schering-Forschung noch die Öffentlichkeit wussten bis zum Kriegsende davon, denn die KZ-Interna waren „Reichssache Geheim“.

Leserin Luise F. aus Berlin, pensionierte Gynäkologin, erklärt, weshalb sich im Clauberg-Gerichtsverfahren kein deutscher Gynäkologe als Sachverständiger für den geplanten Prozess fand: Die Methode der Carl Claubergschen Sterilisierung, mit der er sich beim SS-Reichsführer Himmler, dem die Konzentrationslager unterstanden, andiente, habe Carl Clauberg gar nicht selbst erforscht und entwickelt, sondern dessen US-amerikanischer Berufskollege Herman Rubin. Die Methode – Verstopfung bzw. Öffnung verstopfter Eileiter – werde auch heute noch angewandt, wenn auch unter modernen hygienischen Bedingungen.

Buchautor Gert J. Wlasich legt Wert auf die Feststellung, dass er in seinen Ausführungen die verbrecherischen Aktivitäten Carl Claubergs nicht relativiert. Es gab anlässlich seiner Führungen durch das Scheringianum immer wieder das zweifelhafte Argument, Clauberg habe seine Sterilisierungsopfer von der „Auschwitz-Rampe“ geholt und damit vor dem Tod im Gas gerettet. Dazu der Autor des Buches Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus:

Auch wenn dies der Fall war – der Leidensweg der Jüdinnen endete oft genug tödlich, sowohl im Block 10 des KZ Auschwitz oder in einem dortigen Vergasungsraum. Nur der Vollständigkeit halber: Carl Clauberg sterilisierte nicht nur in Auschwitz, sondern danach auch noch im KZ Ravensbrück.

 

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