Tag Archives: Helmut Kohl

„profil“ beschädigt Kreisky-Image

(hp) Ohne die Flüchtlinge hätte auch das zu Recht angesehene österreichische Magazin profil ein tiefes Sommerloch. Dass das Wochenblatt einige Tage, bevor die bundesdeutschen Journalisten das Thema aufgriffen, in den Klöstern des Alpenlandes nach der Einstellung der katholischen Brüder und Schwestern recherchierten, ist als Positivum hervorzuheben. Wenig positiv erscheint mir jedoch die Häme, mit der – ohne Kommentierung der damaligen Zeitumstände – profil in der aktuellen Nummer am Image des einzigen wirklich nennenswerten österreichischen Kanzlers kratzt: Wie er, Kreisky, in einem Gespräch mit dem ungarischen KP-Chef Janos Kadar anno 1986 die Regierungschefs Kohl und Reagan beurteilt habe; abwertend, versteht sich. Damals hatte der deutsche Kanzler aufgrund einer einzelnen Aussage den Sowjetchef Gorbatschow mit Goebbels verglichen – ein Faux pas der allerübelsten Sorte. Und Ronald Reagan, der den nicht-reichen Amerikanern einen Sozialbruch ersten Ranges beschert hatte, der bis heute nicht bereinigt ist.

Ich nenne das aus Kreiskys Mund ehrlich. Im Gegensatz zum Pranger, an welchen profil Bruno Kreisky ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod stellt.

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Schuldentilgung: der feine Unterschied zwischen Alt und Neu (2)

(ve) Maria lässt nicht locker: „Im Repräsentatenhaus der Vereinigten Staaten“, referiert unsere Kollegin, „gab es damals derart viele von den US-Großkonzernen gekaufte Mitglieder, dass sie schweigen mussten, als der Bundesrepublik Deutschland gleich zweimal innerhalb von vier Jahrzehnten auf Initiative des Weißen Hauses ein Schuldenschnitt geschenkt wurde.“ – Als Jeremy aufbegehrt und seine „griechische“ Vorurteilskiste öffnen will, liest uns Maria ein SPIEGEL-Interview vom 21. Juni 2011 vor – fürwahr eine Zigarettenlänge des Erstaunens. Der Wirtschaftshistoriker Prof. Albrecht Ritschl, ein Wissenschaftler der klaren Worte, führt in diesem Inverview nüchtern aus, was „damals“ passierte. Ohne Erlaubnis des SPIEGEL sei aus dem Artikel zitiert, um das Thema so emotionslos wie nötig darzustellen:

Ritschl: Da hat Amerika gleich dafür gesorgt, dass nicht wieder hohe Reparationsansprüche an Deutschland gestellt wurden. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle solchen Forderungen auf die lange Bank geschoben, bis zu einer künftigen Wiedervereinigung. Für Deutschland ist das lebenswichtig gewesen, es war die eigentliche finanzielle Grundlage für das Wirtschaftswunder. Zugleich mussten aber die Opfer der deutschen Besetzung in Europa verzichten, darunter auch die Griechen.
SPIEGEL ONLINE: In der jetzigen Krise sollte Griechenland zunächst 110 Milliarden Euro von den Euro-Staaten und dem Internationalen Währungsfonds bekommen. Jetzt soll ein weiteres Rettungspaket verabschiedet werden, das ähnliche Dimensionen haben dürfte. Es geht also um sehr viel Geld. Wie groß waren denn die deutschen Staatspleiten?
Ritschl: Gemessen jeweils an der Wirtschaftsleistung der USA war allein der deutsche Schuldenausfall in den dreißiger Jahren so bedeutsam wie die Kosten der Finanzkrise von 2008. Im Vergleich dazu ist das griechische Zahlungsproblem eigentlich unbedeutend.
SPIEGEL ONLINE: Mal angenommen, es gäbe ein globales Ranking der Pleitekönige. Auf welchem Platz würde Deutschland landen?
Ritschl: Deutschland ist Schuldenkaiser: Nach der Schadenshöhe im Vergleich zur Wirtschaftsleistung gerechnet ist Deutschland der größte Schuldensünder des 20. Jahrhunderts – wenn nicht überhaupt der jüngeren Finanzgeschichte.
SPIEGEL ONLINE: Selbst Griechenland kann nicht mit uns mithalten?
Ritschl: Nein, das Land spielt an sich eine nebensächliche Rolle. Nur die Ansteckungsgefahren auf andere Euro-Länder sind das Problem.
SPIEGEL ONLINE: Die Bundesrepublik gilt als Inbegriff der Stabilität. Wie oft war Deutschland denn insgesamt pleite?
Ritschl: Das kommt darauf an, wie man rechnet. Allein im vergangenen Jahrhundert mindestens drei Mal. Nach dem ersten Zahlungsausfall in den dreißiger Jahren wurde der Bundesrepublik 1953 von den USA ein Schuldenschnitt – im Englischen „Haircut“ – verpasst, der das Schuldenproblem von einem voluminösen Afro-Look auf eine Vollglatze reduzierte. Seitdem stand Deutschland glänzend da, während sich die anderen Europäer mit den Lasten des Weltkriegs und den Folgen der der deutschen Besetzung abrackerten. Und selbst 1990 kam es noch zu einem Schuldenausfall.
SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?
Ritschl: Ja, der damalige Kanzler Helmut Kohl weigerte sich damals, das Londoner Abkommen von 1953 umzusetzen. Darin war festgeschrieben, dass die deutschen Reparationszahlungen aus dem Zweiten Weltkrieg im Falle einer Wiedervereinigung neu geregelt werden. Man hat nur die Bedienung kleiner Restbeträge abgewickelt[…].“

Ritschl: Da hat Amerika gleich dafür gesorgt, dass nicht wieder hohe Reparationsansprüche an Deutschland gestellt wurden. Bis auf wenige Ausnahmen wurden alle solchen Forderungen auf die lange Bank geschoben, bis zu einer künftigen Wiedervereinigung. Für Deutschland ist das lebenswichtig gewesen, es war die eigentliche finanzielle Grundlage für das Wirtschaftswunder. Zugleich mussten aber die Opfer der deutschen Besetzung in Europa verzichten, darunter auch die Griechen.
SPIEGEL ONLINE: In der jetzigen Krise [gemeint ist 2011] sollte Griechenland zunächst 110 Milliarden Euro von den Euro-Staaten und dem Internationalen Währungsfonds bekommen. Jetzt soll ein weiteres Rettungspaket verabschiedet werden, das ähnliche Dimensionen haben dürfte. Es geht also um sehr viel Geld. Wie groß waren denn die deutschen Staatspleiten?
Ritschl: Gemessen jeweils an der Wirtschaftsleistung der USA war allein der deutsche Schuldenausfall in den dreißiger Jahren so bedeutsam wie die Kosten der Finanzkrise von 2008. Im Vergleich dazu ist das griechische Zahlungsproblem eigentlich unbedeutend.
SPIEGEL ONLINE: Mal angenommen, es gäbe ein globales Ranking der Pleitekönige. Auf welchem Platz würde Deutschland landen?
Ritschl: Deutschland ist Schuldenkaiser: Nach der Schadenshöhe im Vergleich zur Wirtschaftsleistung gerechnet ist Deutschland der größte Schuldensünder des 20. Jahrhunderts – wenn nicht überhaupt der jüngeren Finanzgeschichte.
SPIEGEL ONLINE: Selbst Griechenland kann nicht mit uns mithalten?
Ritschl: Nein, das Land spielt an sich eine nebensächliche Rolle. Nur die Ansteckungsgefahren auf andere Euro-Länder sind das Problem.
SPIEGEL ONLINE: Die Bundesrepublik gilt als Inbegriff der Stabilität. Wie oft war Deutschland denn insgesamt pleite?
Ritschl: Das kommt darauf an, wie man rechnet. Allein im vergangenen Jahrhundert mindestens drei Mal. Nach dem ersten Zahlungsausfall in den dreißiger Jahren wurde der Bundesrepublik 1953 von den USA ein Schuldenschnitt – im Englischen „Haircut“ – verpasst, der das Schuldenproblem von einem voluminösen Afro-Look auf eine Vollglatze reduzierte. Seitdem stand Deutschland glänzend da, während sich die anderen Europäer mit den Lasten des Weltkriegs und den Folgen der der deutschen Besetzung abrackerten. Und selbst 1990 kam es noch zu einem Schuldenausfall.
SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?
Ritschl: Ja, der damalige Kanzler Helmut Kohl weigerte sich damals, das Londoner Abkommen von 1953 umzusetzen. Darin war festgeschrieben, dass die deutschen Reparationszahlungen aus dem Zweiten Weltkrieg im Falle einer Wiedervereinigung neu geregelt werden. Man hat nur die Bedienung kleiner Restbeträge abgewickelt.“

Unser angehender Volkswirt Andy K., ein sanfter Jüngling in Schwarzlederklamotten, übt sich anschließend als harmoniefreudiger Moderator: Dass Griechenland auf Betreiben Deutschlands heute mit Hilfspaketen und Tilgungsfristverlängerungen zugeschüttet werde, obwohl die Schulden niemals zurückgezahlt werden könnten, sei doch eine kluge Art der deutschen Schuldenbereinigung. „Der diplomatisch richtige Weg, auch wenn’s der Springerpresse und den Pegida-Typen nicht gefällt“, meint er locker. – Unseren Five-o-clock-tea tranken wir heute übrigens aus Sebastians alten Zwiebelmustertassen. Relativ neu war nur das Teegebäck.

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Friedrich ist (k)ein böses Kind – nur ein braver Realist!

(hp) Verständlich, dass sich Altpolitiker, die auf dem Abstellgleis stehen oder sitzen, dank ihrer ungebrochenen scheinenden Autorität gelegentlich mahnend an die Öffentlichkeit begeben oder dorthin gerollt werden wie der Altkanzler Schmidt. Sein seinerzeitiger Nachfolger im Amt, Altkanzler Kohl,  dirigierte Deutschland zwar nach Schmidt, aber seine, Kohls, Denke, hat sich gegenüber den Veränderungen der Zeitläufte viel resistenter erhalten als jene des Vornamensvetters aus Hamburg. Dies vorausgeschickt. Wie Kohls in BILD wiedergegebene Äußerungen gegen einen Hinausschmiss Griechenlands aus der EURO-Zone zeigen, legt sich Herr Dr. Kohl derart massiv ins Zeug, um sein Image als Vater des heutigen Europa allen Zweiflern und Realisten ins Gedächtnis zu rufen. Auch Innenminister Friedrich gehört zu den schlimmen Buben, die es gewagt haben, Realismus zu zeigen.

Die Geschichtsschreibung wird das Kohl’sche Bild Europas im 21. Jahrhundert korrigieren: Die politische Aneinanderkittung zivilisierter Länder wird – nach den Kriegsschrecken des 20. Jahrhunderts als Großtat unbestritten bleiben. Der zweite Akt der Einigung per Geld-Union für jene, die Kohle haben, wird zwangsweise als Torso gültig bleiben. Denn die ungeprüfte Mitnahme europäischer Entwicklungsländer in die Währungsunion erfolgte ohne jeden Tauglichkeitstest.

Unschuldige Schüler mussten, falls sie ins Gymnasium wollten, zumindest zu Helmut Kohls Zeiten eine Aufnahmeprüfung bestehen. Man mag heute darüber denken wie man will. Wer ohne Tauglichkeit ins Gymnasium gepusht wurde, brauchte jedenfalls Nachhilfe und hatte in jedem Fall eine amputierte Kindheit. Wenn’s mehrere Nicht-Begabte in einer Klasse gab, jammerten die Lehrer über das gefährdete „Niveau“. Im größeren Maßstab findet das Thema in der Euro-Zone statt.  Musterknaben wie Deutschland werden den anderen immer unsympathischer. Was den Unsympathischen jedoch egal ist, da sie nur ihre eigene Prosperität im Auge haben. Der Europagedanke spielt für die Bosse keine Rolle, solange sie den wirtschaftlich Schwächeren ihre Produkte andrehen können – Panzer für ein mit der Türkei längst befriedetes Urlaubsland mit großer Geschichte und erbärmlicher Gegenwart. Und da spricht Herr Friedrich – man mag über seine Qualitäten denken wie man mag – die Wahrheit: finanzielle Nachhilfe ja, aber als Aufbauhilfe gedacht und nicht als Absicherung deutscher Investments.

Ob es Herrn Kohl belastet, dass in Griechenland bürgerkriegsähnliche Zustände möglich sind, wenn die Zubutterungen aus EU-Töpfen aufhören und für die nicht-korrupten Griechen, derer es viele gibt, die Lage unerträglich wird?

Herrn Kohl – und Herrn Friedrich – wünsche ich einen schönen Vorfrühling.

 

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Was erfrecht sich dieser Altkanzler?

Dem Ex-Übervater der CDU steht es nicht zu, seine politische Tochter, der er bisher glücklicherweise nicht sämtliche kohl-eigenen Untugenden vererben konnte, unfair zu rügen (von Evi Burger)

Es gibt Leute, große Leute, mächtige Leute, die sich schlecht benehmen. Je älter sie werden, desto grantiger, je kränker sie werden, desto unbeugsamer werden sie im Ertragen ihrer Leiden und unduldsam, wenn ihr Erbe nicht ganz in ihrem Sinne verwaltet wird. Das ist menschlich. Dafür habe ich Verständnis. Das Schicksal ist manchmal so unerbittlich, dass man weinen könnte vor Mitleid. An Ex-Kanzler Schmidts weltpolitisch relevante Aussagen haben wir uns seit Jahren gewöhnt. Er ist Instanz: gewesene und  bis heute gebliebene und dies in einer Art, die mich nur selten zu Einspruch oder Korrektur einlädt. Bei seinem Nachfolger als Bundeskanzler ist es ganz anders. Er war, als er nach einem Misstrauensvotum antrat, im Inland Profiteur eines keineswegs von der CDU verursachten Wirtschaftsaufschwungs und im Ausland Profiteur des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Erst diese weltpolitischen Veränderungen ermöglichten es ihm, in den Geschichtsbüchern als Vater der Wiedervereinigung Deutschlands und damit als großer Politiker gefeiert zu werden. Gut und schön.

Die Hypothese, dass auch Schmidt alle Chancen während seiner Amtszeit ergriffen und pragmatisch genutzt hätte, lasse ich mir nicht ausreden. Nur: Seine Zeiten waren nicht so, sondern ganz anders, in der Hauptsache konfrontativ – vor allem im Inland und besonders in seiner eigenen Partei. Dies nüchtern festgestellt. Kohl hatte gegenüber Schmidt einen großen Vorteil: Er war unbestrittener Chef der CDU und zeit seiner Kanzlerjahre Sieger in jedem noch so unangenehmen Geplänkel mit dem widerspenstigen, eitlen und – logo – machtbesessenen Chef der bayerischen Schwesterpartei, dessen Namen ich hier vermeiden möchte, um meine Morgengallenproduktion nicht fahrlässig anzuregen.

Sieger entwickeln Siegerstrategien und leiden meistens mit zunehmender Alterung unter der Krankheit des Machtsicherns und -erweiterns mit Mitteln, wie sie uns von den antiken Tyrannen bekannt sind, wenn auch meist in Dichtung und Legende. Kohl beseitigte bekanntlich beseitigbare Vasallen und Aftervasallen, keck gewordene Hofnarren und Kritiker oder ließ diese von anderen ausschalten oder verhindern. Wer was werden wollte, tat gut daran, einen Fuß in der Tür der braven Adenauer-Stiftung oder in der Privatwirtschaft zu haben. Selbstverständlich wurden auch einige Exoten gepflegt, so genannte Gutmenschen und solche, an denen man in der besseren Gesellschaft nicht vorbei kam.

Wenn der alte Herr nun die Politik seiner Nachfolgerin Merkel kritisiert, dann hat er wohl vergessen, wie fragil die – wenn auch zur richtigen Zeit – geformte EU trotz grundsätzlich stabil erscheinender  Fundamente war. Desgleichen die Währungsunion, die allerdings noch fragiler konzipiert wurde. Auch wieder zur rechten Zeit, die Kohl & Co. als solche erkannt hatten, weil sie für die Chancen ihrer Zeit ja nicht blind waren.

Die damaligen weltpolitischen Verhältnisse konnte man, ohne dass lästige Journalisten kritisch herumstocherten, weil die meisten von ihnen von der Europapolitik Kohls und seiner „Freunde“ in den Regierungssesseln der Nachbarn besoffen waren, ignorieren. Brüssel und Strasbourg standen im Focus der Interessen. Das waren gute Ablenkungsziele gegenüber den „blühenden Landschaften“ im Osten des neugeschaffenen Inlandes. Ablenkung durch aussenpolitische Erfolge war schon immer das Erfolgsrezept für Regenten, um sich im Inneren Ruhe und Beruhigung zu sichern. Als Aussenpolitiker schaut man hoch und über Grenzen, als Innenpolitiker hat man den Blick nach unten zu richten und hinter Stadt- und Bezirksgrenzen zu schauen. Während der Kohlschen Zeit wurden die immer wirksamen alten Schlagwörter gegen die Linken und die Aufrüher in den damals noch nicht korrumpierten Gewerkschaften ins Land getrommelt, vor allem wurden Adenauers und Erhards christlich-soziale Aussprüche und Slogans exhumiert. Und der politische Großwildjäger aus München, der – logo – die Reichen, nicht nur die Revierbesitzer im Lande, zu pflegen beliebte, von Jahr zu Jahr offensichtlicher – leitete die innenpolitische materielle Entsolidarisierung in Deutschland ein, die dann unter Kohls Nachfolger Schröder perfektioniert wurde.

An der Basis wirkte Norbert Blüm als zweibeinige, quicklebendige Beruhigungsinstanz und plakatierte Rentensicherheit und war mit anderen sozialen Themen oft auf den Titelseiten. Zur gleichen Zeit übten sich Kohl und Mitterand in mannhafter Traulichkeitsgestik, die ihrerseits beklascht und auf den Titelseiten zu bewundern war.

Weil im deutschen Inland gut Geld da war, konnten Rentenreserven unauffällig für den Aufbau der schon erwähnten „blühenden Landschaften“ abgezweigt werden, nachdem der westliche Kapitalismus und die herrschaftlich uneingeschränkte Treuhand den bestehenden ostdeutschen Rasen bis zur Unkenntlichkeit abrasiert hatten zwischen der Wartburg und dem Ostseestrand. Der immer wieder warnenden Opposition wurde in gewohnt deftiger Manier  mangelnde wirtschaftspolitische Kompetenz attestiert und alles blieb ruhig. Dass in der Nähe der Politiker die Lobbyisten immer einflussreicher wurden – Rezeptur à la USA -, nahm man als gegeben hin, falls man davon wusste. Deutschland sei ein reiches Land, Export-Weltmeister, jedes Kind wusste dies. Dass das reiche Deutschland ein Land reicher und immer reicherer  Deutscher wurde und diese Reichen zunehmend die Politik im In- und Ausland bestimmten, sofern sie sich nicht nach Art der reichen Amis wie in Beverly Hills und sonst wo in unsichtbaren Villen versteckten und von dort ihre Vasallen dirigierten, kriegten die einfachen Leute nicht mit. Die Zahl der Gewerkschafter, die sich zunehmend ohnmächtiger fühlten, wuchs. Und die Staatsverschuldung konnte ohne Störenfriede wachsen und wachsen.

Erst unter Schröder wurde man aufgeregt, aber die Reichen, insbesondere die, die Gläubiger Deutschlands waren und immer noch sind (Banken, Fonds, Versicherungen), wurden weiter gehätschelt und handwarm gehalten. Der Höchststeuersatz wurde weiter gesenkt, und damit das Volk ganz unten nicht aufmuckt und das Schicksal ihrer Kinder und Kindeskinder nicht von Zins- und sonstigen Schulden erstickt wird, begannen neue „Sozialmaßnahmen“ zur Bereinigung bestehender  Systeme. Man nahm den altgedienten Begriff „Agenda“ auf und nicht irgend jemand, sondern ein Spitzenmanager von VW, erarbeitete mit seinen Teams die Neuordnung für die da unten.

Die Reichen ignorierten, was da passierte, sie gratulierten sogar öffentlich dem mutigen SPD-Kanzler zum epochemachenden Reformwerk. Dass es Schröder kein zweites Mal schaffte, versteht sich. Also Neuauflage schwarz-gelb, mit der Frau Merkel an der Spitze. Anfangs unauffällig nach Kohlscher Art, seine Rezepturen aussitzend, anfänglichen Spott ignorierend wie seinerzeit Kohl – und dann die Finanz- und Wirtschaftskrise. Ganz andere Zeiten und Handlungszwänge. An der Seite ein  Aussenminister, der in diesem Amt zu leichtgewichtig und nur für Briefträgerdienste im Auftrag Deutschlands geeignet zu sein scheint.

Den (bisher) glaubhaftesten Pragmatiker im Kabinett brauchte die Chefin für Aufräumarbeiten in der Landesverteidigung, die an Deutschlands Grenzen glücklicherweise nichts zu verteidigen hat. Bei aller berechtigten Kritik an der Politikerin Merkel ist zu bewundern, was die Frau schultert. Und sie schultert beharrlich, taktiert aussenpolitisch ehrenhaft. Wenn in manchem Ausland Deutschland als unsicherer Kombattant gilt, dann sind das meist nur Ablenkungsversuche, die sich z.B. in den US-Medien gut machen.

Der Ziehvater aus Ludwigshafen sollte nicht nach Art der Schwiegermütter, die alles besser wissen als ihre Schwiegertöchter, sticheln. Wer als Denkmal eingehen will in die Geschichte, tut gut daran, sich in höflicher Zurückhaltung zu üben und zu bedenken, dass wir nicht mehr in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts leben.

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Blühende Landschaften – weltweit

Erinnern Sie sich an Helmut Kohls grandiosen Spruch über die „blühenden“ Landschaften der Ex-DDR? – Offenbar hatten er und sein Freund Mitterand ähnliche Euro(pa)-Träume… (von Aaron Rosenblattl)

Fallende Börsenkurse und Fußball sind die Themen der Saison. Kein Tag ohne Gejammer, Horrorvisionen und offene, hinterhältige bis gemeingefährliche Angstmeldungen. Die tägliche Bandbreite in sämtlichen Medien reicht von nüchternen Berichten bis zu Kommentaren selbst ernannter Propheten. Das Fernsehen tut so, als wären wir alle Aktionäre mit nennenswerten Aktienpaketen mit derzeit krank machenden Schlafstörungen und Wecker-Einstellungen zu den Öffnungszeiten asiatischer Börsen, die uns mit ihren „Eröffnungskursen“ mitten in der Nacht zum Betablocker greifen lassen, falls vorhanden. Tief bedrückt schleichen wir also ins Bad, zum Frühstück, zur Arbeit. Dort klicken wir uns diesmal nicht in irgend welche Pornoseiten, sondern auf die inländischen Kursangaben. Den Kollegen gegenüber hassen wir, denn er lacht hinterfotzig über uns, da er sich zur Jahrhundertwende rechtzeitig mit einigen Kilogramm Gold und einer Pilotentasche voller Kruger Rand- oder Wiener-Philharmoniker-Goldmünzen eingedeckt hat und nun happy sein kann inmitten zitternder Aktionärskollegen.

Auf hohem Niveau zu jammern, jede Talkshow mit Warnern wie Olaf Henkel auf dem Recorder zu speichern, sind wir hierzulande gewohnt. Auch wenn es darum geht, über andere, vornehmlich ausländische Regierungen und deren Volk zu lästern („Haben wir ja immer schon gewusst, wie es die Griechen, die Römer, die Spanier  und andere machen..!“), sind wir kompetente, wissende Wisser und Wisserinnen.

So, aber jetzt vergessen wir mal unsere eigenen Aktienpakete und die wahrscheinlich oder sicher sinkenden Dividenden auf den jeweiligen Hauptversammlungen und lassen mal die Hosen runter: Wer hat denn Aktien? – Wenn man den Extra-Kurzsendungen vor den Abendnachrichten glauben darf, dann muss es die Mehrheit der Bevölkerung sein. Ich denke, diejenigen, die Aktienpakete besitzen, haben ohnehin ihre eigenen Medien oder Stand-by-Berater und Finanzanalysten, aber doch nicht die Mehrheit etwa der Tagesschau-Seher. Zur Reizung meiner Gallenblase reichen mir – vor den Abendnachrichten – die meines Erachtens überflüssigen Wetterfrösche und -fröschinnen, die zuerst erzählen, wie der zu Ende gehende Tag wirklich oder angeblich war oder gewesen sein soll. Überflüssig. Und wenn diese sicherlich nicht schlecht honorierten TV-Meteorologen das Wetter des nächsten Tages voraussagen, dann werden locker-flockig Temperaturspannen eingeblendet, großzügigerweise zw. 18 und 30 Grad Celsius; aber wenn es schon den 28. Tag hintereinander schwül ist, ob warm-schwül oder kühl-schwül, dann fällt darüber kein Wort. Obwohl man – u.U. am eigenen Leib weiß, dass es nicht der Celsius ist, der uns plagt, sondern die Luftfeuchtigkeit. Hier sollte seitens der Sender, ob Radio oder TV, etwas präziser berichtet werden als bei den Aktienkursen, die sich ohnehin nicht so genau voraussagen lassen wie das Wetter. Meinen Sie nicht?

Doch zurück  zum Titel: Als die europäische Währungsunion mit dem Euro geschaffen wurde – das ist nun einige Jahre her – dürften dem damaligen Kanzler, seinen Freunden jenseits und seinen Untergebenen diesseits der deutsch-französischen Grenze ebenso „blühende Landschaften“ vorgeschwebt sein wie seinerzeit, als Kohl dieselben für die Ex-DDR prophezeit hat. Wie schön es in den Mittelmeerländern, in Portugal und im schon vor Jahren zurechtgefütterten Irland in den jeweiligen Staatskassen „blühte“, war offenbar drittrangig hinter dem – zweifellos ehrenhaften – Projekt eines ökonomisch und vielleicht bald auch politisch vereinigten Europa, von dem Kohls Vorgänger bisher nur zu träumen wagten. Kohl hat nicht geträumt, sondern realisiert. Wie seinerzeit nach dem Mauerfall: Wie viele Milliarden bzw. Billionen DM haben Abriss und Wiederaufbau der Ex-DDR gekostet? – Übertragen Sie das mal in die Euro(pa)-Dimension, bevor Sie sich wieder einmal eine italienische Opernaufführung gönnen!

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