Tag Archives: Gregor Straßer

P.S. zur ZDF-History: „Hitlers Gestank aus dem Maul!“ (Paul Hörbiger)

(gjw) Die beliebte alte Frage, ob Adolf Hitler während seiner „Regentschaft“ geistig gesund, geisteskrank, nicht bei Sinnen oder gar gedopt war, wurde am ersten Frühlingstag 2013 von ZDF-info wiedergekäut und im Schlussbild von einem kundigen Kundler der wissenschaftlichen Art eindeutig mit „Nein!“ beantwortet. Was ich ebenso eindeutig bezweifeln möchte. Als ich für mein Buch „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ (2012 im Verlag Kalwang & Eis erschienen) meine Aufzeichnungen über die Aussagen von Zeitzeugen (oral history) durchforstete, stieß ich u.a. auf Prof. Hans-Herloff Inhoffens Aussage, sein seinerzeitiger Chef und Leiter der Schering-Forschung,  Prof. Walter Schoeller, habe ihm und seinem Kollegen Dr. Hohlweg untersagt, mit Hitlers Leibarzt Morell (Hauptperson in der ZDF-Doku) Kontakt zu halten und über jeden Wunsch der medizinischen „Spione“ Morells (zit.) sofort zu berichten.
Der unbeugsame Nazi-Gegner Schoeller, der 1944 vorzeitig das Handtuch warf und sich aus seinem Berliner Hauptlaboratorium nach Konstanz am See zurückzog,  habe dem Schering-Forschungsleiter laut Inhoffen auf einem Abendempfang stolz eine ganze Liste von Wirkstoffen und Fertigmedikamenten für seinen Patienten Hitler gezeigt und das Scheringsche PROGYNON (1928), ein Östrogenpräparat gegen Menstruationsbeschwerden, besonders gelobt, weil es gegen die „Schüttellähmung“ Hitlers (heute: Morbus Parkinson genannt) gut wirke. Schoeller habe dem Leibarzt erklärt, mit einer Überdosis dieses und anderer Hormonpräparate, insbesondere des reinen Testosteron (Scherings PROVIRON), könne man jemanden auch umbringen.
Die Nebenwirkungen vieler Präparate waren damals nur selten präzise erforscht. Erst einige Fußballer der deutschen Nationalmannschaft („Wunder von Bern„, 1954), die nach Testo-Injektionen an schwerer Lungenzirrhose erkrankten, wobei einer der Spieler bald daran sterben musste, machten ihre bitteren Erfahrungen am eigenen Leib. Doch zurück zu Hitler:

Wenn jemand wie Hitler Jahre hindurch bis zu 28 verschiedene Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel  konsumiert, kann er wohl nicht gesund sein. Wie unverdächtig ist doch des lang verstorbenen Wiener (Burg-) Filmschauspielers Paul Hörbiger, Schwager der Paula Wessely, in seinen Memoiren geschilderte Beobachtung, der Führer habe widerlich aus dem Maul gestunken. Anlass für diese Festellung Hörbigers war ein Empfang von UFA-Schauspielern in der Reichskanzlei.

P.S. Das oben erwähnte Sachbuch über die Schering AG in der Nazizeit ist nicht nur im Buchhandel für 19,80 €, sondern – weitaus preisgünstiger – auch als E-book erhältlich (google, amazon u.a.).

Auch Hitler und Gregor Straßer sind nicht ausgespart...

Auch Hitler und Gregor Straßer bleiben nicht ausgespart…

 

 

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…ob Ernst Schering Jude war?

(hp) Weil ihr Wikipedia nicht reichte, fragte gestern eine Berliner Gymnasiastin hier im Verlagsbüro an und wollte wissen, weshalb unser Autor Gert J. Wlasich in seiner Ernst-Schering-Biografie die „jüdische Identität“ (Zitat) des Firmengründers verschwiegen habe. Sie frage im Auftrag ihrer Arbeitsgruppe, die sich im November zur Vorbereitung einer Gedenkveranstaltung zum „Auschwitz-Tag“ (27. Januar) gebildet habe.Nach meiner Erinnerung war diese Anfrage nicht die einzige in der letzten Zeit.

Leicht überrascht, fragte ich unter der von N.N. hinterlassenen Handy-Nummer zurück und erfuhr, Schering habe den Davidsstern auf seiner Firmenschutzmarke doch nicht aus „Jux und Tollerei“ (Zitat) verwendet. Nachdem ich die engagierte junge Dame kurz darüber aufgeklärt hatte, dass es sich bei der in Wlasichs Broschüre abgebildeten Scheringschen Schutzmarke um eine Zeichenkombination aus der Alchemie handle – Feuer, Säuren, Gase,  symbolisch übereinander gezeichnet – dankte die Schülerin recht unzufrieden und bat um einen weiteren „Beweis“. Diesen wird, allerdings nicht mehr rechtzeitig zum Holocaust-Gedenktag, unser Autor nachliefern. Die Scherings aus Prenzlau entstammten nämlich  schwedischen Ahnen, die sich noch Schäring schrieben, was die Herkunft von den schwedischen Inseln (Schären) vermuten lässt. Doch dies wird unser Autor für die gymnasiale Arbeitsgruppe fachlich einwandfrei aufbereiten.

Für mich bleibt ein fader Nachgeschmack. Gab es doch schon mal ein ähnliches, ebenfalls überhapsig recherchiertes Beispiel dafür, wie nach schlampiger Lektüre missverständliche Deutungen entstehen können. So wetterte im Herbst 2012 eine alte Dame in Basel, Wlasich habe den Ober-Nazi Gregor Straßer in seinem Buch „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ geschönt dargestellt. Er, Straßer, habe  doch auch..! – Welch Erstaunen, als spontan nachgewiesen werden konnte, dass Straßer am 30. Juni 1934 ermordet wurde und allein schon deshalb keine Holocaust-Schuld auf sich lud.

Wlasichs "Ernst-Schering, eine Biografie", € 6,00

„Ernst-Schering, eine Biografie“, € 6,00

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„Gregor Straßer war bei Schering doch nur eine Null!“

(hp) Bei Autorenlesungen ist es meistens ruhig bis feierlich, es sei den, ein schreibender Witzbold verwöhnt sein Publikum mit Scherzen. Als unser Autor G. Wlasich vorgestern nahe dem Berliner Moritzplatz (neben dem Aufbau-Verlag) über den „Oral history“-Abschnitt seines Buches „Die Schering AG in  der Zeit des Nationalsozialismus“ referierte, gebärdete sich ein Gast in  der zweiten Reihe auffällig, bevor er mit seiner Kritik herausplatzte: Wlasich habe viel zu viel Platz für den Abschnitt über den nur kurzfristig bei Schering untergebrachten „Obernazi Gregor Straßer“ vergeudet und „meinen Vater nicht einmal mit einer Zeile erwähnt.“ Einige Sekunden Stille im Saal, weil der Zwischenrufer seinen Namens nicht nennen wollte. Schließlich ermunterte Herrn J. Schwanitz die entstandene Unruhe samt Wlasich-Bitte um Namensnennung, seine Kritik auszubreiten.

Sein Vater sei 1944 von der Gestapo vor der Schering-Einfahrt Fennstraße 12 im Berliner Wedding „vom Fleck weg“ verhaftet worden, weil er es zugelassen habe, dass italienische Zwangsarbeiter am Sonnabend auf dem Bürgersteig ein Mandolinen-Konzert für Frauen aus der Nachbarschaft gaben. Schwanitz senior sei inhaftiert geblieben, bis ein Schering-Direktor (vermutlich Dr. R. Clerc) interveniert habe. Dazu muß man wissen, dass die zivilen italienischen Gastarbeiter nach dem „Verrat“ der italienischen Armee (1943, s. Badoglio) im Deutschen Reich automatisch zu Zwangsarbeitern degradiert wurden und daher nicht mehr die Rechte hatten, die sie vor der Absetzung Mussolinis genossen.

Wlasich entschuldigte sich mit dem Hinweis, dass er bei den Recherchen für sein Sachbuch nur auf schriftliche, möglichst beglaubigte Zeitzeugen-Aussagen zurückgegriffen habe, um die Seriosität der Darstellungen nicht zu gefährden. Der Vater von Schwanitz sei Anfang der 1950er Jahre gestorben und habe bei Schering leider nichts Schriftliches hinterlassen, wohl aber in der Familie und bei einem Verein. Der mittlerweile betagte Sohn will unserem Verlag Aufzeichnungen nachreichen, damit dieses Thema in einer Neuauflage berücksichtigt werden könnten.

Wie ein damals bereits pensionierter Optiker aus der Reinickendorfer Straße 1988 in einem Zeitzeugen-Meeting im Scheringianum erzählte, habe das Schering-Management „nicht erst seit Stalingrad gewisse Vorschriften der Nazi-Behörden ignoriert“. An die von Herrn Schwanitz in Erinnerung gerufenen sog. Mandolinenkonzerte der Italiener denke er, so Otto Reinke, der mittlerweile verstorbene Optiker, gern zurück: Es sollen nur traurige, von Heimweh strotzende Linder und Arien gewesen sein, die mitten im Krieg auf der Fennstraße erklangen und von den Frauen aus der gegenüber liegenden Häuserzeile geliebt worden seien. Die Spontankonzerte hätten aber nach der Bombardierung des Wedding im Herbst 1943 aufgehört.

Mit dem Hinweis, der bis Ende 1933 innerhalb der NSDAP mächtige Gregor Straßer sei nach seiner Abhalfterung durch Hitler bis zur Erschießung am 30. Juni 1934 („Röhm-Putsch“) als Frühstücksdirektor bei Schering „nur eine Null“ gewesen, hat Schwanitz übrigens Recht – dies nur der Vollständigkeit halber für jene Leser, die sich in der NSDAP-Geschichte nicht genau auskennen bzw. Wlasichs Buch nicht gelesen haben.

 

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Zeitgeschichte: Kleine Topografie Winterfeldtstraße, Berlin

Abgerissen:Winterfeldt 65

Abgerissen:Winterfeldt- Straße 65 in Berlin

(hp) Auf der Rückreise von der Friederisiko-Ausstellung in Potsdam erfahre ich aus dem Radio, Gad Beck, langjähriger Leiter der Jüdischen Volkshochschule, sei gestorben. Dieser liebenswerte Mensch, der die Nazizeit  im Berliner Untergrund überlebt hat, beschreibt sein Schicksal in einem lesenswerten Buch („Und Gad ging zu David„). Als er im traditionsreichen „Prinz Eisenherz„, damals Bleibtreustraße, heute ohne „Prinz“ in der Lietzenburger, aus seinen Erinnerungen las, begann ein loser, aber verlässlicher Kontakt. Gad versorgte mich mit einer Fülle von Infos aus seiner schwersten Zeit: Als klugem jungen Juden gelang es ihm, sich mit mancherlei Tricks aus hoffnungslos scheinenden Situationen zu retten. Lesen Sie Gads Buch!

Todeskandidat G. Straßer

Todeskandidat Gregor Straßer (1892-1934)

In einem unserer Gespräche erzählte ich ihm von meinem Buchprojekt („Schering in der Nazizeit„). Gad Beck wusste in einer Angelegenheit – es ging um den kurzfristigen Schering-Vorstand Gregor Straßer – zu helfen: Für mein Sachbuch war’s kein Thema, weil ich den heute noch lebenden Mitgliedern der Familie und mir keinen Ärger bereiten wollte. Aber als ich den Abbruch des Wohnhauses Winterfeldtstraße 65/Ecke Eisenacher ratenweise miterlebte und am Gehweg schräg gegenüber  Gedenktafeln zur Erinnerung an die offen lesbische Fotografin Hilde Radusch sah, kam mir folgende Anmerkung Gad Becks hoch, Gregor Straßer, den einstigen Mitkämpfer Adolf Hitlers betreffend. Dieser wurde bekanntlich am 30. Juni 1934 („Röhm-Putsch„) von der Gestapo aus seinem Schering-Büro an der Müllerstraße gezerrt und am selben Abend erschossen:

Kleine Topografie: Eldorado (blauer Punkt), Winterfeldt 65 (rot), Radusch (grün)

Kleine Topografie: Eldorado (blauer Punkt), Winterfeldt 65 (rot), Radusch (grün)

Zwei oder drei Tage vor seiner Ermordung sei Straßer, im Auftrag eines Nazi-Offiziers, der sich häufig in der Schwulenbar „Eldorado“ (heute der Bio-Laden „Speisekammer“ (Motz-/Ecke Kalkreuthstraße in Schöneberg) aufhielt, im Vorläufergebäude des am heutigen Tage bis zum Erdgeschoß abgerissenen Hauses Winterfeldtstr. 65  (Gad: „Genau ein halbes Hakenkreuz entfernt vom damaligen Eldorado!“) gewarnt worden. Auch er, Straßer, stünde auf der Liste der Todeskandidaten. In einem Bauernhof nördlich von Bernau könnte Straßer mit seiner Familie für mehrere Wochen untertauchen. Was Gregor, der einstige Reichsorganisationsleiter der NSDAP, bekanntlich nicht tat. Bei Udo Kissenkötter, der m.E. die bislang gehaltvollste Straßer-Biografie verfasste, ist davon nichts zu lesen. Vermutlich kannte er Gad Beck nicht. – Für mich ist es angesichts des 20-jährigen Jubiläums der wertvollen Institution „Topografie des Terrors“ zwar nur eine kleine Prise Zeitgeschichte an der Straßenecke Winterfeldt/Eisenacher im schwulen Kiez Berlin-Schöneberg, aber eine, die nicht verloren gehen sollte.

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Gregor Straßer – den kennen Sie ja!

Es mutet makaber an und erscheint auf den ersten Blick unglaublich, ist aber Tatsache: Bevor Gregor Straßer, bis zum 08.12.1932  mächtiger Reichsorganisationsleiter der NSDAP, abgehalftert und seiner Parteiämter enthoben wurde und eine Position als Frühstücksdirektor im Vorstand der Schering-Kahlbaum AG erhielt, war er vom Reichskanzler General v. Schleicher sogar als Vizekanzler des Deutschen Reiches vorgesehen und dem Reichspräsidenten v. Hindenburg als Garant einer seriösen Regierungskoalition mit den Nationalsozialisten präsentiert worden. Der greise, völlig überforderte Hindenburg soll den Vorschlag akzeptiert haben, wie der Historiker Udo Kissenkötter in seiner Arbeit „Gregor Straßer und die NSDAP“ (1978) ausführlich darstellt. Kundige Leser wissen, auf welche Weise dieses Vorhaben Schleichers scheiterte.

Titelseite von "Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus"

Gert J. Wlasich: Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus, ISBN 978-3-9814203-1-9

Weshalb Straßer bei der Schering-Kahlbaum AG landete, schildert Gert J. Wlasich in seinem Buch „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“, ohne Details zu Straßers Funktionen und Arbeitsgebieten bei Schering-Kahlbaum auszuführen. Der Grund: Straßers Präsenz hatte für die Entwicklung bei Schering keinerlei Auswirkungen, weder aktuelle noch nachhaltig wirksame. Der Begriff „Frühstücksdirektor“ genügt wohl, um seine „Aufgaben“ umfassend zu beschreiben. Im Schering-Archiv der Bayer AG finden sich nur nichtssagende Anweisungen mit der Unterschrift Straßers, wonach beim Anhören von Hitler-Reden, die für alle deutschen Werktätigen verpflichtend waren, die jüngeren Mitarbeiter vorne, also nahe an den Lautsprechern, sitzen sollten.  An sich ein biologischer Blödsinn, weil das Hörvermögen jüngerer Leute grundsätzlich besser ist als das älterer Menschen. Vermutlich hatte die Sitzordnung propagandistische Gründe, galt es doch, die Jungen zu begeistern. Sonst gibt es wenig, was auf eine Tätigkeit Straßers hinweisen würde. Ein aussagekräftigeres Dokument ist das im Firmenarchiv noch vorhandene Protokoll einer Sitzung firmeneigener Pharma-Vertreter. In seiner Begrüßungsansprache fand der Vorstandsvorsitzende Weltzien für den ebenfalls anwesenden Kollegen Gregor Straßer nur die Worte: „Den kennen Sie ja!“

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Die Brüder Otto und Gregor Straßer

Immer wieder werden die Brüder Straßer, seinerzeit Nazi-Größen von Format, verwechselt. Gert J. Wlasich hat in seinem Sachbuch Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus nur die letzten Lebensmonate Gregor Straßers beleuchtet, in denen dieser als abgehalfterter NS-Reichsorganisationsleiter, im Zivilberuf Apotheker, im Vorstand der Firma Schering untergebracht war.  Otto Straßer überlebte seinen am 30. April 1934 von der SS gemeuchelten Bruder um vierzig Jahre und konnte, anders als Gregor, seine politischen Vorstellungen im Exil weiter verfolgen.

Hitler-Gegner Otto Straßer

Kurz gefasst: Beide Brüder entstammten einer katholischen oberbayerischen Beamtenfamilie. Beide kamen als Oberleutnant aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Otto Straßer (geb. 1897) studierte Staatswissenschaften in Berlin und wurde Mitglied der SPD, aus der er nach der Niederwerfung der Arbeiteraufstände im Ruhrgebiet enttäuscht wieder austrat. Als politisch interessierter Akademiker, der sich in Berlin für radikalsozialistische ebenso wie für konservative Ideologien interessierte, wurde er 1923 Führungskraft in der Industrie.

Hitler-Fan Gregor Straßer

Anders der ältere Bruder Gregor Straßer (geb. 1892), der sich nach dem Pharmaziestudium in Landshut als Apotheker niederlässt und nach der Novemberrevolution einen völkischen Wehrverband gründet und eine Karriere in der NSDAP startet. Als Teilnehmer am Hitler-Putsch (1923) erntet er Festungshaft, kommt aber bereits im Mai 1924 frei – als gewählter Mandatsträger einer Nachfolgeorganisation der (verbotenen) NSDAP. Bis 1933 war er Mitglied des Reichstags. Wegen seines ausgeprägten Organisationstalents wird Gregor nach der Reorganisation der NSDAP „Parteileiter“ in Norddeutschland  und gründet die Berliner Abteilung der SA.

Die Straßers eckten bei Hitler an, weil sie  eine andere Nationalsozialistische Partei vor Augen hatten. In dem von den Brüdern gegründeten „Kampfverlag“ setzten sie sich mit einer russlandfreundlichen Politik und antikapitalistischen Zielsetzungen vom „Mainstream“ der NSDAP ab und gerieten als „linker Flügel“ in den Ruch von Partei-Spaltern. Vor allem in Norddeutschland schuf sich Gregor sowohl bei Industriellen wie auch bei Gewerkschaftern und Bauern ein anderes, zivilisierteres Image als Hitler und seine Paladine. Josef Goebbels, in der Frühzeit seines politischen Tuns noch den Straßers und ihren „linken“ Zielen zugewandt, war ihnen schon lange nicht mehr zugetan. Aber als Gregor Straßer 1932 ohne Rücksprache mit Adolf Hitler das Angebot des Reichskanzlers v. Schleicher annahm, in einer neuen Regierung das Amt des Vizekanzlers  zu bekleiden (um Hitler in dieser Funktion zu vermeiden), rastete Hitler aus: Am 8. Dezember 1932 zitierte Hitler Straßer zu einer rhetorischen Abstrafung, beschimpfte und verstieß ihn. Auch wenn es schwer verständlich erscheint: Straßer gab seine Parteiämter zurück und verzog sich wie ein geschlagener Hund. Weil diese Demontage nach außen unauffällig vor sich gehen und Gregor Straßer nicht zum Märtyrer werden sollte, wurde über Wirtschaftsfunktionäre seine Unterbringung in der Schering AG veranlasst, wohin er als studierter Pharmazeut gut passte. Dass seine Zeit bei Schering als Frühstücksdirektor im Vorstandsrang nicht lange währte, lesen Sie ab Seite 219 in Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus – Beiträge zur Unternehmenskultur in einem Berliner Konzern.

 

Titelseite von "Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus"

Gert J. Wlasich: Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus, ISBN 978-3-9814203-1-9

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