Tag Archives: Berliner Mauer

rbb: Nur nicht die Wahrheit sagen!

(hp) Raten Sie mal, wie sich der Berlin-Brandenburger Rundfunk 25 Jahre nach der Öffnung der Mauer mit seiner Internet-Präsentation verkauft? Er lässt Fakten weg. Weil’s der mainstream so verlangt. In einer an sich ehrenhaften Revue von Bildern, Bausteinen und Biografien über die Mauer-Ära beginnt’s, wie befürchtet, mit Ulbricht und seiner „Lüge“, an den Bau einer Mauer sei nicht gedacht. Kalter Krieg pur. Dass sich Chruschtschow erst nach dem Tipp des John F. Kennedy, zur Erhaltung des status quo und zur Vermeidung eines lästigen Krieges um Westberlin diese Teilstadt gegen die in Massen aus der DDR einströmenden Menschen einzumauern, nach Absprache mit den Warschauer-Pakt-Gremien zum Auftrag an Ulbricht entschloss, ist spätestens seit 2011 kein Geheimnis mehr. Doch die rbb Internet-Doku prolongiert die gewohnte Mär und ändert nichts am Heiligenstatus Kennedys, der bekanntlich erst zwei Jahre nach dem Mauerbau „Ich bin ein Berliner!“ ausrief und damit das Fußvolk vor dem Schöneberger Rathaus und – per TV – die ganze Welt beglückte.
Das erinnert mich an den Spielfilm „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ von John Ford. Darin wird ein Held (James Stewart) als Beseitiger eines Banditen gefeiert, obwohl dieser von einem anderen (Lee Marvin) erschossen wurde. Als Stewart, der gefeierte vermeintliche Todesschütze, einem Journalisten die Wahrheit – er sei nicht der befreiende Schütze gewesen – sagte, erklärte dieser in etwa: Das mag sein, aber an der Story wird nichts geändert.
Zur Klärung: Dieser Journalist war wohl noch keiner vom rbb, denn 1964 gab es diesen Regionalsender noch nicht.
Wenn Sie, liebe Leserschaft, Präzises über die Geburt der Berliner Mauer und – in einem Aufwasch – über das Doping der fußballerischen deutschen „Wunder-Kinder von Bern“ (1964) erfahren wollen, lesen Sie nach in Gerd Joachims Taschenbuch „Es liegt noch Gold im Halensee“!

Titelseite "Es liegt noch Gold im Halensee"

Gerd Joachim, Es liegt noch Gold im Halensee ISBN 978-3-9814203-0-2, € 14,90

 

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Kennedy ’63 in Berlin: Dank Phoenix mehr Wahrheit

(hp) Nicht die ganze Wahrheit, aber fast: Während die Massensender, allen voran ARD und ZDF, bis vor kurzem immer noch behaupteten, auch die USA seien vom Bau der Berliner Mauer (August 1961) überrascht worden, rütteln immer mehr Medien an dieser Legende. Das hat weniger mit dem auflagenschwachen Buch „Es liegt noch Gold im Halensee“ (2011) unseres Autors Gerd Joachim zu tun*), sondern mit Historikern, die – anders als ihre vom Kalte-Kriegs-Denken  geprägten Kollegen und Doktorväter – genauer recherchiert haben und in Sendungen auftreten, die auch Zeitzeugen in historische Diskussionen einbeziehen. Einer der Einbezogenen war in der gestrigen Phoenix-Runde Egon Bahr, zur Zeit des Kennedy-Deutschland-Besuchs 1963 engster Mitarbeiter des Berliner Bürgermeisters Willy Brandt.
Es ging u.a. um Kennedys Rede vor dem Schöneberger Rathaus, in der die bleibenden Präsidentenworte „Ich bin ein Berliner!“ fielen und einen epochemachenden Begeisterungssturm der Zuhörer auslösten. Wurde dieses Ereignis jahrzehntelang so interpretiert, als sei es direkt nach dem Mauerbau erfolgt, so ist man nun offen genug, den Hintergrund für diese massenwirksame „Liebeserklärung“ des jungen Präsidenten zu analysieren. Sie war für die West-Berliner eine euphorisch aufgenommene Sicherheitsgarantie der USA, vorrangig aber eine PR-starke Machtkundgebung gegenüber dem Ostblock, die für das amerikanische Publikum gedacht war. Insofern war die Westberliner Jubelmenge nur ein Werkzeug. Wie Kennedy mit deutschen Interessen umging, zeigte sich zum Beispiel, als er alle bereits unter Eisenhower in Auftrag gegebenen und von John Foster Dulles präsentierten Rückerstattungsakten –  betreffend deutsche Unternehmen,  die sich ebenso wie ihre US-Tochterfirmen während der Nazizeit nichts zuschulden hatten kommen lassen – in den Papierkorb werfen ließ.

 

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Ihr Fälscher, schämt euch!

50 Jahre nach dem Bau der Mauer betonieren vor allem die staatlichen Medien die einseitige Sichtweise. Opfer-Betrauerung – ja, Mitschuld des Westens verschweigen – nein! (von A. Rosenblattl)

Vollstes Verständnis dafür, dass die medialen Erinnerungen an den Bau der Berliner Mauer, der 1961 die endgültige Schließung des Eisernen Vorhangs bedeutete, auf die Todesopfer und das Leid ihrer rat- und trostlos zurückgebliebenen Angehörigen und Freunde konzentriert(e). Vollstes Verständnis für die Berichte, Reportagen und Features in den Massenmedien, in denen vornehmlich politische Unpersonen wie Ulbricht, Honecker & Co. berechtigterweise als Unmenschen angeklagt werden wie auch schon in den vergangenen Jahren. Kein Verständnis jedoch für die Einseitigkeit für das Ignorieren der „westlichen“ Seite. Ein Sebastian Haffner dürfte im Grab rotieren angesichts derartiger Manipulationen der heutigen Meinungsmacher.

Erinnerungskultur ist wichtig. Einseitigkeit ist – immer – schädlich. Und Theodor Fontanes Bemerkung, alles sei eine Frage der Beleuchtung, trifft es bei diesem Thema nicht: Es geht immerhin nicht nur um die DDR- und die Westberliner Geschichte, sondern um die Geschichte einer Ära der Weltpolitik. Obwohl ich, der Schreiber dieser Zeilen, weder Berliner noch deutscher Staatsbürger bin, interessierte es mich aufgrund meines Erstaunens über die historisierende bundesdeutsche Berichterstattung, was zum 50-jährigen „Jubiläum“ anno 2011 dem Publikum, dem älteren wie dem jüngeren, über das Zustandekommen des Schandbauwerks serviert werden würde. Doch siehe da: Trotz neuerer Erkenntnisse im letzten Jahrzehnt, in dem nicht nur sowjetische, sondern auch US-amerikanische Geheimakten geöffnet und für jeden Historiker zugänglich gemacht wurden, werden die alten Ansichten neu aufgekocht, wie bei Phönix mit Hinweisen auf das David-Bowie-Konzert 1987, das westseitig – was sonst – am Brandenburger Tor stattfand, um das Thema aufzulockern. Ab 13.15 Uhr fiel der Fernsehempfang (zumindest in Berlin-Schöneberg) total aus. Ich nehme an, dass auch ab dieser sendefreien Zeit keine wesentlichen „Details“, wie ich die folgenden Tatsachen nennen möchte, zur Sprache kamen:

Schon die Unperson Stalin weigerte sich, der Unperson Ulbricht zu gestatten, nach dem Arbeiteraufstand die DDR gegenüber dem Westen völlig abzusperren. Nach Stalins Tod, als die Unperson Ulbricht den Stalin-Nachfolger Chruschtschow mit denselben Wünschen und Forderungen nervte, gab es von Seiten des Kreml bis zum Juli 1961 keine Genehmigung für eine Absperrung der mittlerweile zum einzigen Fluchtpunkt gewordenen Teilstadt Berlin (West).

Erst als der junge Präsident John F. Kennedy nach der missglückten Kuba-Invasion der USA gefordert war, Profil in der Berlin-Frage zu zeigen und mit einem Kompromiss zur Erhaltung des Status quo (ohne Imageverlust für die westlichen Verbündeten) spekulierte, wobei ihm eine Reihe von Beratern, darunter kurzfristig auch der junge Henry Kissinger, zur Verfügung standen, kam Bewegung auf. Da laut damals gültigem Völkerrecht einer Absperrung der DDR inkl. Ostberlin nichts entgegenstand, ließ der genervte Kennedy bei Chruschtschow anrufen, um ihm dies mitzuteilen. Der damaligen Anrufer war Senator William S. Fulbright.

Für den Kreml-Chef, der seit dem Berlin-Ultimatum 1958 immer wieder spektakuläre Drohungen von sich gegeben hatte, um den Westen einzuschüchtern, war diese Erlaubnis direkt aus dem Weißen Haus der Zeitpunkt, den Forderungen des lästigen Spitzbarts nachzugeben. Danach setzte sich die Maschinerie in Gang – heimlich, still und leise, wie wir wissen.

Weshalb das Wissen über die wirklichen Fakten, die zum 13. August 1961 führten, hierzulande nicht an die Bevölkerung weiter vermittelt wird, mag man sich unwillkürlich fragen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Journalisten zu faul sind oder sogar absichtlich Geschichtsfälschung betreiben. Der bewährte Journalisten-Grundsatz „altera pars audiator“ („Auch die andere Seite muss gehört werden“) ist doch nicht abhanden gekommen, denke ich. Oder ist z.B. John F. Kennedy vielleicht doch heimlich heilig gesprochen worden, quäkt mir ein Mitleser im Gedenk-Café in den Laptop. Blöder Scherz, denke ich. Viel eher kommt mir ein Satz in Erinnerung, welcher da lautet: „De mortuis nil nisi bene!“ („Über Tote nichts außer Gutes!“). Mir fehlen nach diesem Jubiläumstag die Worte. Bin gespannt, ob nach dem heutigen Sonnabend in nachträglichen Kommentaren in der Presse endlich eine etwas erneuerte Sichtweise zum Tragen kommt.

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John F. Kennedy ein Heiliger?

Das Versagen des US-Präsidenten 1961 wird endlich entlarvt – Berliner sind entsetzt, dass sie ihm völlig egal waren.

Wer hätte das gedacht? – Der Jahrestag zum Jubiläum „50 Jahre Mauerbau“ steht vor der Tür und –  quasi in letzer Minute – räumen ausländische Historiker mit fehlerhaften Halbwahrheiten und Legenden über die Vaterschaft der Berliner Mauer auf. Der im westlichen Berlin wie ein Heiliger verehrte John F. Kennedy habe seinem Kontrahenten in der UdSSR grünes Licht für den Befehl an Ulbricht gegeben, „eine Mauer zu errichten“. Ob das stimmt?

Etablierte deutsche Historiker mit „West-Brille“ beschuldigten jahrzehntelang allein Ulbricht und Chruschtschow wegen der Errichtung des europäischen Schandwerkes. Die Ost-Historiker pflegten mangels Detailwissen die Hauptschuld bei Nikita zu platzieren, während ihre Kollegen aus dem alten West-Deutschland eher im „Spitzbart“ Ulbricht des Schandbuben sahen, womit sie durchaus richtig lagen, weil es doch dieser Ulbricht war, der schon seit dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 immer wieder eine definitive Schließung der DDR-Grenze forderte. Aber alle hiesigen Buchschreiber unterließen es, aus welchen Gründen auch immer, die Rolle Kennedys näher zu untersuchen. An Kennedy durfte oder sollte man wohl aus (westlicher) Staatsraison nichts Negatives suchen oder gar finden. Nun sind es – ehrenhafterweise – amerikanische Autoren selbst, die die Mitschuld der USA, repräsentiert durch ihren damaligen Präsidenten und auslandspolitischen „Amateur“ (F. Kempe), jüngst unter die Lupe nahmen.  Wie ausgerechnet der österreichische Autor Gerd Joachim in seiner zu Ostern 2011 erschienen Romanbiographie „Es liegt noch Gold im Halensee“ schrieb, hätte es mehrere Möglichkeiten gegeben und geeignete Anlässe, einen Mauerbau – und damit für 28 Jahre betonierte Trennung Deutschlands – zu verhindern.

Da es sich beim „Halensee-Buch“ vordergründig um Schilderungen aus dem Leben eines Berliner Homosexuellen handelt, ist es nicht unbedingt „kinderzimmertauglich“, aber immerhin so rücksichtsvoll verfasst, dass die 320 Seiten in katholisch-neutralem Umschlag durchaus neben dem Sofa liegen können, ohne auch nur einen Hauch von Anstoß zu erregen. Apropos „Anstoß“:

Wie sich jüngst bei einer Autoren-Lesung in Berlin zeigte, sind Berliner jeden Alters trotz besseren Wissens über Zahlen, Daten und Fakten nicht bereit (oder dazu nicht fähig) zu akzeptieren, dass es der Stadtheilige JFK war, der kurz vor dem 20. Juli 1961 durch seinen außenpolitischen Berater, Senator William S. Fulbright, Nikita Chruschtschow telefonisch anraten ließ, eine Mauer bauen zu lassen, damit in Berlin endlich Ruhe sei. Kennedy nahm in Kauf, dass er damit unter anderem den Berlin-Status verletzte, indem er auch auf Ostteil Berlins verzichtete (Statusverletzung). Die Nichtanerkennung der DDR durch die USA sollte völkerrechtlich Faustpfand genug sein. Dem Pragmatiker Kennedy – und damit gaben ihm alle westlichen Staatschefs Recht – reichte die Erhaltung des Status quo aus, also der freie Zugang der West-Alliierten zur solcherart entstehenden Insel „West-Berlin“, die noch dazu bewohnt (!) war.

Anzunehmen ist, dass ein Sebastian Haffner („Anmerkungen zu Hitler“), hätte er nicht just am 13. August 1961 seine Journalisten-Tätigkeit beim seriösen britischen Observer gekündigt, Klarheit und damit sachliche Aufklärung über die tatsächliche Vorgeschichte der Entscheidung zum Bau der Berliner Mauer hinterlassen hätte. Er hat es leider nicht. Somit sind wir heute aufgrund der Einseitigkeit der deutschen Mainstream-Autoren darauf angewiesen, uns bei Hope Harrisson, Frederick Kempe und Gerd Joachim über die Wahrheit zu informieren.

John F. Kennedy, der sich erst zwei Jahre nach dem Mauerbau publicityträchtig als „Berliner“ outete, darf bzw. muss wohl ein Berliner Heiliger bleiben, sind doch Straßen und Schulen und eine wunderbare Bibliothek nach ihm benannt…

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Wer suchet, findet – zweitklassige Entlarvungen

Schon wieder einer entlarvt, der abgeschrieben hat – Plagiatssucher sollten sich lieber auf die Aufdeckung von Geschichtslügen und Halbwahrheiten stürzen!

Nun haben sie den Althusmann in der Zange. Hat er abgeschrieben oder nicht? – Einem Chef der deutschen Kultusministerkonferenz stünde dies nicht zu, heißt es. Wie wahr. Aber die Neuauflage der unterhaltsamen Hetze, in deren Verlauf wir an die ungute Guttenbergsche Plagiatsaffäre erinnert werden, ist nicht mehr so so interessant wie es noch das peinliche Herumgespiele um die FDP-Politikerin war, die sich angeblich – so hab ich es in Erinnerung – auf dem Gerichtsweg gegen ihre Diskreditierung wehrt. Weit wesentlicher scheint mir, und dies an die Adresse der Plagiatsfinder, eine eher fruchtbringende Zielausrichtung ihres Entlarvungs-Steckenpferdes.

Wenn einer für seine Dissertation etwas Gescheites abschreibt und dies nicht vermerkt, dann ist dies sträflich. Aber es schadet keinem Dritten. Wenn jemand allerdings – und hier nehme ich die naturwissenschaftlichen Doktorarbeiten nicht aus – eine matte, schwache, überflüssige, niemandem, nicht einmal einer mausetoten Wissenschaft nutzende Diss. verfasst, die weder Neues bietet noch Altes aktualisiert oder gar nützlich ist für die Menschheit, dann finde ich das weitaus gravierender als irgend welchen Gedankenklau.

Wer wie ich, teils zwangsweise, teils freiwillig, mit Wissenschaftlern und mit solchen, die sich dank ihres Titels als solche ausgeben, zu tun hatte und hat, kommt zuweilen auf seltsame Gedanken. Drastisch und beispielhaft und deshalb keiner konkreten Person aus meinem Bekanntenkreis zuzurechnen: Wie kam dieser Volltrottel  zu seinem Doktor? (Gegen Trotteligkeit hab ich, dies ganz nebenbei, überhaupt nichts einzuwenden!) – Ich weiß, worüber ich meckere. Ich machte mir nämlich einmal das zweifelhafte Vergnügen, die Dissertation einiger Politiker und einiger Historiker zu lesen. Ganz selten bemerkenswerte Gedanken, fundierte Erörterungen, Ideen, Interpretationen oder (blödes Wort, pardon:) „hinterfragende“ Forschung oder gar handfeste Analysen. Häufig bloße Berichterstattungen und Beweise, was und wie viele andere Fachliteratur vom Doktorarbeitsverfasser verschlungen worden sind und Literaturangaben mit Werken, darunter das Alte und das Neue Testament incl. Psalmenbücher oder juristische Kommentare, für deren Lektüre jedermann Jahre gebraucht hätte. Nun ja, mit langen Aufzählungen konnte man bei diesem und jenem Doktorvater, der vielleicht lieber im eigenen Rosengarten kreativ gewesen wäre als in lanweilenden Texten zu lesen und dies noch dazu mit kritischem Blick, Eindruck schinden. So weit, so gut. Das alles ist, wie der geduldige Leser erkennt, nicht so wichtig und auch gar nicht interessant.

Heftiger wird es – und wir erleben gerade anschauliche Beispiele in dieser causa -, wenn Thesen und Darstellungen etablierter Autoren (z.B. Historiker), die aus ihrer eigenen Zeit (Beispiel Kalter Krieg)  kritiklos übernommen und weiterverbreitet werden, die vor Einseitigkeit nur so strotzen. Wenn historische Themen nach Gusto nur leicht variiert und wiedergekäut werden, um ja nicht irgend ein habilitiertes Denkmal zu erschüttern oder gar einen in der gleichen Angelegenheit publiziert habenden Doktorvater zu beleidigen. Da muss man ja schon mal den Hut heben, wenn in der Frage „Wem verdanken wir die Berliner Mauer?“ eine Historikerin (richtigerweise!) behauptet, nicht der (selbstverständlich böse) Chruschtschow, sondern der (selbstverständlich noch fürchterlichere) Spitzbart Ulbricht seien „Verursacher“ und Verantwortliche des Mauerbaues. – Schade nur, dass es auch die erwähnte, etwas freier denkende amerikanische Historikerin  unterlassen hat, in US-Akten einen etwas tieferen Einblick zu nehmen, als sie es – jedenfalls in ihrem empfehlenswerten Buch „Ulbrichts Mauer“ – niedergeschrieben hat. Wie gesagt, nur ein kleines Beispiel und die Einladung an meine Leserschaft, im Netz bei Senator William S. Fulbright zu stöbern und Dinge aufzudecken, die bislang noch in (fast) keiner einheimischen Publikation zu lesen sind.

P.S. Vermutlich wird am bevorstehenden 13. August, wenn Bundespräsident und Bundeskanzlerin am Berliner Mauerdenkmal an der Bernauer Straße in einer Gedenkveranstaltung zum Bundesvolk sprechen werden (ARD überträgt live!), auch nur die gewohnten Alt-Darstellungen zu hören sein – mit der gedenkstättenüblichen Aufforderung, der vielen Opfer zu gedenken.

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An einem Vormittag im Sommer

Mein Tagebuch sträubt sich vor Wut – Aber alles ist gut – Erschreckende Gefälligkeiten im Buchladen – Hat A. Merkel ihren Bauch verloren? – Blöd sein hält warm! (von Aaron Rosenblattl)

War wieder mal in einem edlen Berliner Buchladen. Nach drei Minuten sträubt sich mein Restgefieder. Was da alles als „Bestseller“ aufliegt! Eine Wilmersdorfer Witwe pirscht sich an: Ob ich ein BILD-Journalist sei, sie kenne mich. Ich verneine. „Aber ich kenn‘ Sie trotzdem“, bleibt sie hart. Leider weiss ich nicht, wo die von der Frau gewünschten Pilcher-Schinken stehen, also schicke ich sie zur Abteilung Garten & Blumen.

Meine detektivische Durchsicht aktueller Bücher über den Bau der Berliner Mauer ist erwartungsgemäß missraten: Keiner der etablierten Historiker behandelt die Vorgeschichte der Chruschtschow-Entscheidung, dem Spitzbart in Ostberlin die Absperrung der DDR und damit die Umzingelung von Berlin (West) zu erlauben. Ist also nach wie vor Gerd Joachim („Es liegt noch Gold im Halensee“, Verlag Kalwang & Eis) der einzige Autor, der sich dem Thema wahrheitsgetreu genähert hat. Am 14. Juli soll ein von BILD-Chef Diekmann herausgegebenes Mauer-Buch erscheinen. Naja, soll’s sein.

Auf dem Reuter-Platz diskutieren an der Busstation zwei Herren über den Merkel’schen Verlust an physikalischen Qualitäten, die seinerzeit an der Dame gelobt wurden. Heute sei sie, ihr eigenes Bauchgefühl offenbar werktäglich beim Pförtner deponierend, bedingungslos dem demoskopischen Wetterfrosch und ihrem Berater Josef A. ergeben. Kann ich nur zustimmen, was ich an der Busstation aber nicht tat, um nicht in ein Gespräch über Gott und die Welt verwickelt zu werden.

Im Fahrzeug schnalle ich mir mein kleines Radio um und höre folgendes: Der oberste EU-Kapitalistenvertreter aus Luxemburg, Jean-Claude Juncker, der sich vor jedem Mikrofon so gibt, als hätte er nicht nur Kaviar und Mousse, sondern auch die finanzielle Weisheit mit Löffeln gefressen, habe einen denkwürdigen Vorschlag zur Rettung Griechenlands gemacht. Juncker plauderte von der deutschen Treuhand, nach deren Muster den Griechen und ihrer Wirtschaft geholfen werden sollte. Falls der gütige Leser weiß, wie es einem geht, wenn sich einem der (eigene) Magen umdreht, wird er mich wohl verstehen. War doch die Treuhand mit ihrer Übermutter Birgit Breugel jene ungeheuerliche Abwicklungsbehörde, die während ihres Bestehens beinahe täglich DDR-Firmen Todesstöße versetzte, westdeutsche und ausländische Investoren zu ausufernden Orgien grenzenlosen kapitalistischen Handelns veranlasste und auf diese Weise Platz für neue „blühenden Landschaften“ machte.

Gruselig auch die Erklärung des FDP-Parlamentariers Ahrendt, seine Partei sei leider „in eine Falle“ geraten, als sie glaubte, die Koalitionspartner CDU und CSU seien modern und „fortschrittlich“. Herr A., nehmen Sie zur Kenntnis: glauben tut man in der Kirche, wenn schon.

Im Stammcafé in der Eisenacher Straße sitzen mir drei junge Damen gegenüber. Alle drei schauen eigentlich gleich aus. Machen den Eindruck, als seien sie denkfähig. Zwei der drei blonden Geschöpfe, die ich aus anderen Gründen nicht von der Bettkante stoßen würde, hätte ich noch mehr Feuer im Leib, haben ihr Notebook  geöffnet und tippen was auch immer in die Tastatur. Neugier vorschützend frage ich die eine, ob und in welchem Netzwerk sie vernetzt sei. Sie schaut mich kurz und verständlicherweise genervt an, lässt ihr Auge jedoch feinsinnig an meinen grauen Schläfen entlang streifen und antwortet brav: „Wissen Sie, man muss heute vernetzt sein. Sonst steht man daneben…“ Aha. Die Dritte in der Mitte lehnt sich zurück und kramt aus ihrer schicken Tasche ein Taschenbuch. Das Mädchen hat schöne Augen, ist nicht überschminkt wie die beiden Kolleginnen, und während sie noch am letzten Zipfel ihres Sandwichs kaut, legt sie einen Pilcher-Roman demonstrativ auf den Tisch. Sie buhlt um mein zustimmendes Nicken und äußert nach Abschluss ihrer Kautätigkeit folgende Frage: „Und was tun Sie gegen die tägliche Verblödung?“ – Ihre Erklärung, als Studentin der Kommunikationswissenschaften müsse sie sich zuweilen mit Trivialliteratur ablenken von den täglichen Phrasen. Die Dame war mir sympathisch. Unser darauf folgendes Gespräch über Gott und die Welt endete mit ihrer Behauptung, die Fußballfrauen trügen – trotz der Gefahr der Busenzerschmetterung durch einen scharfen Schuss – keinerlei schützendes Brustgeschirr, wie es Männer im Kampfsport und beim Turnen an der Reckstange weiter unten zur Bewahrung eines unversehrten Gemächts zu tragen pflegen. – Trotz Landregens ein schöner Vormittag!

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