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Stolpersteine: Alleinanspruch für ermordete Juden? Graz will’s anders!

Berliner "Stolpersteine"

Berliner „Stolpersteine“

(silv) Zwei schwule Paare aus Graz zu Besuch in Berlin. Ich treffe sie im neuen Kaffeehaus BUNA in der Eisenacherstraße. Als steirischer Landsmann suche und finde ich das Gespräch mit den Vieren. Der Dialekt war’s, nicht meine Aufdringlichkeit als alter Zeitungsschreiber, der die Leute zum Reden brachte. Wir kommen, weil sich Erich aus Graz-Andritz nach dem Spaziergang durch die Nollendorfstraße, wo Isherwood Anfang der 1930er Jahre Untermieter war und mit einer Gedenktafel an der Hausfassade (Nr. 17) geehrt wurde,  auf die Frage, ob es in Berlin nur ermordete Juden gegeben habe. Und keine Homos, keine Politischen, keine Zigeuner, keine Mormonen, keine Behinderten. Manfred aus Graz-Wetzelsdorf belehrt von der Seite, seine Kaffeetasse aufs Holzbankerl stellend: „Die Zigeuner waren und sind fahrendes Volk, mein Lieber, deshalb hatten sie keine Wohnadresse und heute auch keine Stolpersteine im Straßenpflaster…“

Robby outet sich als steirischer Schwulen-Aktivist („Obwohl ich ein Landei aus Köflach bin!“) und erzählt mir, dass nun auch in Graz von einem gewissen Künstler – „Demnrig heißt der Mann, der in ganz Europa seine Messingwürfel einpflastert!“ – bestimmte Gehwege verziert werden sollen, um eine ewige Mahnung und Erinnerung an die von den Nazis umgebrachten Juden in den Boden zu rammen. Im Gegensatz zu Berlin werde in Graz aber ein „jüdischer Alleinanspruch“ heftig kritisiert. Wahrscheinlich aber erfolglos, weil in der „Stadt der Volkserhebung“ (NS-Titel für die steirische Hauptstadt) kaum mehr Daten und Unterlagen über die „warmen Brüder“ (Ronny) existierten. Die habe man ganz einfach weggeworfen, was die Grünen-Gemeinderätin Daniela Grabe veranlasst habe, mit den (lesbischen) „Rosalia Pantherinnen“ ein eigenes Rechercheprojekt zu starten.
Wie ich das finde: TOLL. Wenn schon die Berliner Schwulen geschlafen haben, dann wenigstens frischer Wind aus der Steiermark.

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Berliner Schlamp incl. Feigheit der lästernden Hauptstadt-Journaille

Welche Firmen haben gepfuscht?

Welche Firmen haben gepfuscht?

(hp) Sie sitzen auf fetter werdendem Gesäß, manche in den RBB-„Sterbezimmern“ ihrer SFB-Vorgänger und freuen sich ihres Gehalts, das dank der Neuregelung der Rundfunksteuer gesichert ist: Hier geht es – der kluge Leser hat’s geschnallt – um Berliner Journalisten. Insbesondere um jene, die sich immer wieder gern oder aus Routine dem verworrenen Bauprojekt BER-Flugplatz widmen. Die Aufgabe, das Projekt  journalistisch zu begleiten, ist eine der leichtesten, vor allem seit der Aufsichtsratsvorsitz von Bürgermeister Wowereit auf den Brandenburger Ministerpräsidenten Platzek gewechselt ist. Dessen Regime ist bedächtiger als es das des Berliner Oberhauptes war. Der Primitiv-Anfrage gewisser Journalisten nach einem Eröffnungsdatum begegnet man heute ohne Geschwafel, sondern mit Schweigen. Alles andere, was unter Wowereits AR-Vorsitz gelästert, phantasiert und ohne realistischen Hintergrund skandalisiert wurde, wäre Chimäre. Denn aufgrund des Saustalls, den bisher beschäftigt gewesene Bau- und Installationsfirmen hinterlassen haben, müsste man Hellseher sein.
Erhebt sich deshalb meine Anfrage an die Vielschreiber: Weshalb fragt ihr nicht endlich mal nach den Firmen, die an der Baustelle Berlin-Schönefeld zugange waren? –  Um den (gesetzlichen) Datenschutz bzw. um Geschäftsgeheimnisse kann es nicht gehen. Es muß wohl dem Senior der deutschen Kabarettisten, Dieter Hildebrandt, vorbehalten bleiben, endlich öffentlich die Namen der Firmen zu erfragen, die selber oder durch ihre Subunternehmen den milliardenschweren Kuddelmuddel angerichtet haben!

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BER: Platzeck wird’s schon richten

(hp) Man kann es nicht mehr hören geschweige denn lesen: Die Skandalisierung des Langzeit-Projektes Berliner Zentralflughafens (BER) feiert nach wie vor fröhliche Urständ‘ und verwässert das unter Wowereit spielerisch national und international aufgebesserte Image von Berlin. Und was tun die Medien? – Sie haben nichts anderes zu tun als den bisherigen Saustall während der ersten Phase der Projektrealisierung tagtäglich zu verurteilen und mit verschobenen Eröffnungsterminen zu kokettieren. Speziell Wowereit, an dem man vielerlei kritisieren kann, steht im Fokus. Von allen Seiten nicht nur der Berliner Opposition und der hiesigen Medien trommelt es auf ihn und auf seine angeblich schlampige Amtsführung (nicht nur der) staatlichen Flughafengesellschaft ein. Berechtigt oder nicht, dies ist eine Frage, die jetzt hoffentlich  in die Archive gelegt wird, da seit gestern Matthias Platzeck den verfahreren Karren aus dem Brandenburgischen Morast ziehen wird.

Ich kenne Matthias Platzeck schon lange Zeit. Einige M0nate nach Öffung der Mauer war er einer der Organisatoren einer Umweltschutz-Veranstaltung des ZDF in Magdeburg. Als Westberliner befand ich mich unter ostdeutschen Referenten und Mitgliedern der DDR-Akademie der Wissenschaften und einigen hasadeurartig wirkenden jungen Leuten. Diese wandten sich insbesondere gegen jene Verniedlichung des Wismut-Uran- Skandals. Mittendrin der junge Matthias Platzeck.

Mit pragmatischer Ruhe griff er unauffällig ins Geschehen ein, wies den Referenten und dem ZDF-Kamerateam die Plätze zu und vergaß zwischendurch nicht, einen älteren unbekannten Herren zu fragen, ob er ein Glas Wasser wünsche. Die Veranstaltung begann und verlief störungsfrei. Nach dem Ende – es war sehr spät geworden -, entschuldigte er sich dezent bei auswärtigen Gästen dafür, dass für die Übernachtung nur ein früher als Stasiunterkunft genutzer Wohnblock zur Verfügung stünde. Das alles ist wie gesagt lange her. Mein Begleiter sagte damals: „Der wird noch einmal was!“ – Heute ist er Brandenburgs Ministerpräsident, allseits beliebt und vornehmlich menschlich geblieben. Seiner Zwischenkarriere als „Deichgraf“ hätte es nicht gar bedurft, um sein Image zu schärfen. Dass Herr Platzeck nun dazu berufen ist, die Weiterführung und Beendigung des Flughafenprojektes zu organisieren und zu verantworten, stimmt ich hoffnungsvoll. Zuförderst hoffe ich, dass er jedermann/-frau in seiner dienstlichen Umgebung eine Kopfnuss erteilen wird, der/die mit Eröffnungsprognosen jongliert.

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Endlich: Berliner Spionagemuseum wird im Preußenjahr 2012 eröffnet!

Es wurde Zeit. Ein Alliiertenmuseum gibt es schon lange, ein Verkehrsmuseum auch. Aber ein Spionagemuseum, das zwischen dem Checkpoint Charlie und dem Springer-Hochaus und dem Redaktionsgebäude der „taz“ eröffnet werden soll, wird „bedarfserfüllend“ sein, wie es im Pressetext des Organisationskomitees heißt. Dass FBI und CIA mit Ausstellungsstücken und „69 Arten von Handfeuerwaffen“ sponsern werden, wird sicher auch die bundesdeutschen Verfassungsschutz-Mitarbeiter interessieren.

Ein Spionagemuseum im Preußenjahr? Das mag sich mancher aufrichtige Bürger glaubhaft fragen. Die Organisatoren bejahen und freuen sich, dass auch „Bayern mit Unterlagen aus dem Spionage-Skandal namens Lola Montez“ einen Beitrag plant. Ungeklärt ist allerdings, inwieweit sich die Stasi-Aufarbeiter beteiligen wird. Da tröstet es, dass aus den ehemals Geheimen Staatsarchiven speziell aus der Bismarck-Zeit manch bisher Unbekanntes mehrere Vitrinen füllen wird. Nazi-Stücke sind nicht vorgesehen, „weil keine neue Wallfahrtsstätte für Rechtsradikale“ entstehen soll.

Pädagogischer Beitrag für Kinder

Pädagogischer Beitrag für Kinder

Auch das Berliner Naturkundemuseum werde sich beteiligen, heißt es. Man denke an die Kinder und an die in Sachen Spurensuche und -findung unbegabten Flachlandbewohner sowie an extern tätige Verfassungsschutz- und andere V-Organe. Selbstverständlich soll die richtige Auflösung des Spuren-Quiz nicht mit Preisen für die lieben Kleinen belohnt werden. Man denke eher an nicht materielle Urkunden oder Farbstifte. In der Kantine sollen James-Bond-Filme über der Cheeseburger-Theke laufen, damit Soziologie-Doktoranden ein wichtiges Arbeitsfeld akademisch beackern können.

Man darf gespannt sein auf die Eröffnung des Kulturprojekts und darauf hoffen, dass den vielen ausländischen Touristen endlich etwas Interessanteres geboten werden kann als etwa die blaue Box auf dem Schlossplatz, die lediglich auf eine spionagearme Zeit hinweist…

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Uschis Memorial im Einstein: Koks im Dollarschein

Eine Line für Uschi, eine für Toni, eine für Gerd: Im ältesten der Einstein-Cafés in der Berliner Kurfürstenstraße saßen wir gestern zu fünft und gedachten der leider nicht mehr unter den Lebenden weilenden Uschi aus der Steiermark, die Ende der 1970er Jahre in der ehemaligen Villa des Stummfilmstars Henny Porten, die heute nur mehr Kulturbürger kennen, das Kaffeehaus eröffnete. Am Vorabend des steirischen Feiertages „Mariae Unbefleckte Empfängnis“ gedachte unsere Runde der reschen Uschi Bachauer, unserer ersten Kokainparty und der Entstungsgeschichte  von Gerd Joachims „Es liegt noch Gold im Halensee„, das in diesem Frühjahr in unserem Verlag Kalwang & Eis erschienen ist. Nicht aus Gründen der Sucht, sondern aus reiner Nostalgie, wurde im Souterrain je eine Linie Kokain gezogen, stilgerecht in einem bankfrischen Zehn-Dollar-Schein. Schniff und aus. Uschi soll leben! Hat mir gar nicht gut getan, gestehe ich. 1979 war’s anders. Da wurde ein Privatraum im Untergeschoß aufgesperrt.

EINSTEIN - das Stammhaus

Café EINSTEIN, das Stammhaus

Simon & Garfunkel sangen „Bridge over troubled water“, die Sonne war im Untergehen, und der PR-Mann und spätere Autor des Buches „Es liegt noch Gold im Halensee“ verfasste für die Chefin ein Ansuchen an den damaligen Berliner Kultursenator Hassemer. Es ging um einen finanziellen Zuschuss für den Bau eines Podiums im Sitzgarten. Das Podium wurde gebaut. Und der Steinway-Flügel im großen Gastraum wurde gestimmt. 1980 lieferte dort, behängt mit einer steirischen Ziehharmonika an der Klavierbank, Gerd Joachim, der Buchautor, politisch-literarisches Kabarett: „Von die Mörda und die Hausmaster“. Als neuer Pressereferent einer bekannten  Berliner Großfirma nannte er sich Franz-Josef Grinzinger und gab sich in einem Artikel der Berliner „Mottenpost“ als gefeuerter Wiener Geografieprofessor aus.

Seltsamerweise saß auch eine Art Staatspolizist im Saal, weil sich eine der angekündigten Kabarettnummern über den damaligen Berliner Innensenator Heinrich Lummer, den die Hausbesetzer fürchteten, lustig machte. Der Stapo-Mann hatte keinen Grund für ein amtliches Handeln. Uschi war happy. Das Einstein war voll. Die Autogrammkarten waren im Nu weg. Nur eine minderjährige Emanze erregte sich nachträglich ganz fürchterlich über Grinzingers Couplet „Die Stellung des Weibes im alten Prag“. Zum Schampus um Mitternacht gab es noch die eine oder andere Prise. Das waren noch Zeiten.

Uschi ist tot. Auch Toni, der alles eingefädelt hatte, lebt schon lange nicht mehr. Gerds Romanheld, der an diesem Abend auch zugegen war, ist seit 2009 im Himmel. Aber das Stammhaus Einstein gibt es immer noch. Und rings im Lande wuchsen Einstein-Cafés aus dem Boden. Der Tafelspitz soll meistens sehr zart sein, wahrscheinlich weil er von Jungochsen stammt, und der Kaffee schmeckt. Nur: In der Mischkulanz des heutigen Publikums fühlt sich jemand, der die „alte“ Kaffeehausgemütlichkeit liebte und genoss, nicht mehr so wohl.

Ich selber bevorzuge neuerdings das meiner Wohnung fünf Gehminuten näher gelegene Café Berio in der Maaßenstraße am Winterfeldtplatz. Hier hat sich einiges geändert, was dem Lokal zum Vorteil gereicht: immer noch ein Treff für Schwule und Lesben, aber auch für Leute, die – in Ermangelung einer Kaffeehauskultur à la Wien (neuerdings Weltkulturerbe!) – auch in Berlin ihren Kaffee „nicht zu Hause, aber daheim“ zu genießen wünschen. – Hans-Peter Eis

Titelseite "Es liegt noch Gold im Halensee"

Es liegt noch Gold im Halensee

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Die Morgenhure Anna ist alt geworden…

C. Ribbe, Berlin. – Die Anna aus Bratislava ist wieder da. Vor gut 30 Jahren gehörte die geschmeidige Prostituierte zu den Stammgästen einer Kneipe Potsdamer-/Ecke Pohlstraße in Berlin-Schöneberg. Unter ihresgleichen war Anna, die damals ganz anders hieß, die Schönste und auch die Klügste. Bei Laszlo, der die heute noch existierende Atelierwohnung in der Pohlstraße bewohnte (was Gerd Joachim in seinem Buch „Es liegt noch Gold im Halensee“  beschrieben hat), versteckte sich die junge Anna vor einem ihrer Zuhälter, der darunter zu leiden pflegte, nicht mehr als sechs Flaschen Bier zu vertragen, ohne anschließend mörderische Gewalttätigkeiten bis hin zum Wangenaufschlitzen seiner „Pferdchen“ zu entwickeln.

Anna aus Bratislava

Anna aus Bratislava

Anna hat keine Narben im Gesicht. Doch die Jahre gingen an ihr nicht spurlos vorbei. Nun steht sie also wieder in der Kurfürstenstraße, ihrer stets sommerlichen Aufmachung wegen nicht unbedingt unauffällig. Weder ihr vorwinterliches Dekolleté noch die Länge ihres Röckchens sind jugendfrei, aber in Berlin ist man bekanntlich tolerant gegenüber Ausländerinnen. Auf meine Frage, weshalb sie bereits am späten Vormittag „anschaffe“, sagte sie mir vertraulich, ihre polnischen und ukrainischen Kolleginnen würden auf ihre Stammplätze ungern verzichten. Ausserdem sei der Kundenandrang nicht mehr so groß wie in den guten Jahren, als noch die Mauer stand. Dass Laczlo schon lange tot sei und nun auf ihrem Heimatfriedhof in Bratislava als „Dr. Laszlo Fekete“ vermodere, tue ihr leid, aber: „Noja, hat er’s hinter sich. I mecht kein‘ Stein iber mir; a paar Grasbischl mechtn gnug sein fir mir als Hur‘.“

Bei Woolworth kaufe ich ihr für alle Fälle einen Poncho zur Vermeidung einer Lungenentzündung. Ihre Raucherbronchitis hat sie im Griff, denke ich und betrachte nostalgisch die Atelierwohnung um die Ecke. Schade, dass der Joachim in seiner Romanbiografie dem Treiben in diesem Berliner Kiez relativ wenig Platz gewidmet hat, wo sich doch hier weit mehr abspielt als im gutbürgerlichen Halensee-Viertel..

Titelseite "Es liegt noch Gold im Halensee"

Der jugendfreie Umschlag ist unserem Verlag offensichtlich zu brav geraten. Kein Neukunde dürfte vermuten, dass es sich um ein skurriles Leben handelt, das hier beschrieben wird. Es sei denn, er informiert sich auf unserer Verlages-Plattform...

 

 

 

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Erzogenere Kinder gebären?

Im rbb, dem Regionalsender für Berlin und Brandenburg, gibt es – live – eine Barometer-Sendung im „Kulturradio“: den so benannten „Hörerstreit“ zur Mittagszeit. Es sind, allein schon wegen des Sendetermins, vornehmlich pensionierte Hörer, die sich beteiligen. Heute ging’s ums Alkoholverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln, wie es in Hamburg an der Elbe kürzlich klaglos eingeführt wurde. Ob es die Berliner Verkehrsbetriebe den Hamburgern nachmachen sollten, lautete die heutige Frage. Ich war gerade beim Kochen.

Ein gutes Dutzend Menschen kam zu Wort. Alles Mögliche hatte laut Hörerschaft Schuld an der Verschlampung vornehmlich der männlichen Menschheit, auf offener Straße und in öffentlichen Verkehrsmitteln mit offener Bierflasche zu verkehren und gelegentlich einen Schluck zu tun, mit oder ohne Rülpser. Die Wirtschaft sei es, der Staat tue nichts. Ein Verbot, an unter 18-jährige Alkohol zu verkaufen, sei nicht kontrollierbar. Die Schule müsste mehr tun usw. Endlich: Die letzte der teilnehmenden Hörerstreiterinnen, eine alte Dame, brachte es auf den Punkt, während ich meine thailändische Soße kostete. Das Elternhaus, so die Hörein, versage. Heute stärker als gestern und morgen stärker als heute.

Recht hat die Frau. Der Frauenfeind Johann W. Goethe brachte es schon zu seiner Zeit auf den Punkt: „Die Mütter würden erzogenere Kinder gebären, wenn sie selber erzogener wären.“ Mütter sind mit „Eltern“ auszutauschen, finde ich. Alles in allem stimmt’s, dass Verluderungen in der Gesellschaft in gewissen, an Zahl zunehmenden Elternhäusern und solchen, die sich fälschlicherweise so nennen, ausgehen. Fiele mir nur noch ein aktueller Nach-Goethe-Spruch ein: „Früher lehrten die Mütter ihre Töchter das Kochen; heute lehren sie die Väter das Saufen!“ Nun ja, Prosit! -H.-P.Eis

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Urlaub vorbei – wieder in Berlin

Vom Wohlgefühl, wieder in Berlin zu sein – Von echten Früchten und von Grausbirnen. Und dann noch Dieter Nuhr bei Guido Knopp! (von Evi B.) )

Das waren zwei wunderbare Wochen: Wenn du aus Berlin in Richtung Süden ziehst, wird so vieles anders. Schon bald nach der Stadtgrenze. Weniger sexy, weniger arm. Die Leute sind sauberer, gepflegter gekleidet und benehmen sich auch so. Grantler, Verbissene, Rüpel, Rüpelinen und Möchtegerne hab ich nicht vermisst. Und das Verhalten im Straßenverkehr: höfliche Fahrweise, kaum Raser oder verschmierte Hauswände und Denkmäler. Bis nach Südtirol hab ich’s geschafft und mich in den Dolomiten bei einem Bauern einquartiert, den Langkofel erklommen und viel mit einer Obstbäurin geplaudert. Über Gott und die Welt und über die behördliche Ausrottung alter Apfelsorten. Bekommen Sie noch den mürben Jonathan, der heute als Jonagold mit etwas härterer Schale noch hie und da zu finden ist und wegen seiner geringen Haltbarkeit als völlig unreifes Zweikilo-Paket beim Discounter auf dem Boden steht?

Und wie das Brot schmeckte! Was anderswo Routine ist – nämlich die Beimischung von feinem Fenchel-, Kümmel- oder Anismehl im Hefeteig -, fehlt beim Berliner Normalbäcker; von der Industriebrotfertigung möchte ich gar nicht reden. Da schmeckt Brot meistens auf faszinierende Weise nach nichts. Fast so wie seinerzeit in den USA. Martin Luther wird die Frage zugeschrieben: „Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?“ – Die reichhaltigen Blähgeräusche, die manche Rolltreppenbenutzung zum Klangfest werden lassen hier im glücklicherweise mauerlosen Moloch Berlin, dürften auf die mangelnde bis schäbige Backkunst zurückzuführen sein.

Als ich auf der innerstädtischen Bülowstraße in Schöneberg und der Kreuzberger Gneisenaustraße mit rasendem Gedonner à la Nürburgring überholt wurde, als ich Zeugin eines Hupkonzertes vor einem Zebrastreifen wurde, weil ein Rentner mit Krücke nicht schnell genug auf die andere Seite humpelte, wusste ich: Ich war wieder zu Hause. Dass mir eine Jungglatze heimischer Prägung mitten im Einparken den freien Platz stahl, indem sich der ungezogene Knabe schräg in die Lücke zwängte und mir das Zeichen gab, ich solle mich verziehen, war ich endgültig in meinem Berlin angekommen.

Zum Abendbrot erschien meine Nichte, die sich um die Balkonblumen gekümmert hatte und verwies mich auf die ZDF-Mediathek. Am Sonntag lief dort in der Serie „History“, eine nach der üblichen Knopp-Masche konzipierte Sendung über sieben politische Lügen der Weltgeschichte. Ein optisch sympathischer Dauerlächler der Kabarettszene namens Dieter Nuhr war neben zwei kompetenten Experten als Hobby-Kommentator eingeschleust, um dem werten Publikum seine solide Halbbildung vorzuführen. Bekannte Klischees und noch eins drauf: Nicht bedenkend, dass es in den 1930er Jahren noch kein Fernsehen für die Massen gab und dass die Hitler-Reden für das breite Volk via Radio und Zeitung bei den Leuten ankamen und inhaltlich raffiniert und einprägsam waren im damaligen Stil der Zeit, machte sich Herr Nuhr lustig über die Menschen von damals, die den Wahnsinnigen nicht durchschaut hätten.

Von solcherlei Kurzsicht verärgert, gönnte ich mir zur Genesung ein Gläschen selbstgebrannten Wacholderschnaps und dachte nostalgisch an meinen schönen, viel zu kurzen Urlaub zurück.

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Kaisers neue Kleider: Berliner Architektur

Millionen für den „Wiederaufbau“ des hässlichsten Stadtschlosses von Europa sind reserviert – Potemkinsches Modell für ein sog. Humboldt-Forum – Motz über Protz

Was Sie hier drunter sehen, meine Damen und Herren, war einmal eines der wenigen gelungenen Neuberliner Bauwerke der 1970er Jahre. Es nannte sich Palast der Republik und stand unangenehmerweise im Osten des heutigen Gesamt-Berlin. In diesem Gebäude, das – im Vergleich zum Westberliner ICC – „menschenfreundlich“ gestaltet war, haben Tausende von Ostdeutschen mit ihren Familien Sternstunden erlebt: von Chorwettbewerben und Bezirkstreffen über Theater, Kabarett („tip“) bis hin zu ausgesprochen ordentlicher Gastronomie. Das Gebäude hatte nur drei Nachteile, die Westdeutschland als solche erkannte: Erstens beherbergte der „Palazzo prozzo“ die Volkskammer der DDR –  genau gegenüber dem seinerseits protzigen Berliner Dom, der das neugotische Gotteshaus von Schinkel, dem preussischen Herzeigebaumeister, schlicht und elegant, aber für den größenwahnsinnigen Kaiser zu unscheinbar gestaltet war, ablöste und sich in den broncefarbenen Fenstern des gegenüber stehenden Palastes spiegelte. Zweiter Nachteil: DDR at its best. Dritter (Alibi-) Nachteil: Asbest, nicht anders und nicht schlampiger aufgetragen als in den entsprechenden Gebäuden auf Westberliner Boden. Es kam, der politischen Flurbereinigung und der geplanten Auslöschung der DDR-Identität wegen, zum jahrelang andauernden, sauteuren  Abriss. Ach ja, irgendwelche (West-) Fachleute erkannten auch, dass die Statik des direkt an der Spree stehenden Palastes nicht ganz okay sei. Wie auch immer…

Als der Beschluss gefallen war, das DDR-Relikt zu beseitigen, meldete sich ein mittlerweile prominent gewordener Exponent aus Hamburg und forcierte die Idee, das Berliner Schloss (1950 gesprengt, weil ruinös, politisch unangenehm und ein urbaner Schandfleck) wieder zu errichten: jenes Schloss, das zu den langweiligsten europäischen Hauptstadtschlössern zählte und – unabhängig von den prominenten Baumeistern, welche an anderen Orten andere, liebenswerte Schlösser und was sonst noch entwarfen… – Das Schloss verfügte übrigens nicht einmal über ein kaiserliches Badezimmer. Es war halt ganz auf preußischen Kasernenstil getrimmt. Nicht nur Friedrich II., der gekrönte Raubgeselle (Stichwort Schlesien) und Held zahlreicher, größtenteils posthum erfundener Anekdoten, wohnte nur in Sanssouci, wenn er nicht gerade völkerrechtswidrige Kriege führte, ebenso wie seine Nachfolger größtenteils auch in anderen Gefielden (Potsdam). Erst die beiden kaiserlichen Wilhelme samt Beweibung nutzten die hässliche Berliner Schlafstätte, weil ihr Weg zu den Exerzierplätzen an der Berliner Peripherie kürzer waren und der Bevölkerung längere, gerade Strecken zum Zweck der militärischen und paramilitärischen Salutierung zur Verfügung standen. Es ist überliefert, dass das obrigkeitshörige Volk sogar vor der leeren schwarzen Marmorbadewanne, die vom Hotel Kaiserhof auf glatt gehobelten Baumstämmen in das Schloss gerollt wurde, wenn Majestät ein Bad zu nehmen geruhte, gehorsam salutierte – damals im alten Preußen. Heute wird nicht mehr salutiert. Heute wird diskutiert. Denn kaum sind die Altneubauten auf der Museumsinsel fertiggestellt, kommt wieder die Schloss-Debatte hoch. Getarnt als Potemkinsche Teilfassade mit oder ohne Kuppel. Das Geld für den Neubau, den man prophylaktisch Humboldt-Forum benamst, bevor ein Stahlpfeiler in den Boden gerammt ist, liege bereit: Das Ganze soll nicht schlampig ausschauen. 350 Millionen Euro sind geplant, und zur Beruhigung der stürmenden Volksmassen, die das Schloss „wiederhaben“ wollen, obwohl sie es nie hatten, erklärte der Kulturstaatsminister jüngst, man werde trotz der verständlichen Erhöhung der Gesamtbaukosten schon zurecht kommen – mit der Erhöhung, die durch die zeitliche Verzögerung unweigerlich entstehen werde. Schön. Aber da können einem schon hässliche Gedanken aufsteigen in Berlin, wo rund ums historische Zentrum architektonische Grauenhaftigkeiten am laufenden Band aus dem Boden gestampft werden. Wenn man von der Chausseestraße aus gen Süden blickt, muss man die Angst vor akutem Brechreiz unterdrücken. Nicht nur hier, dies ganz nebenbei. – Zur Abhilfe empfehle ich, und einige meiner Kameraden demonstrieren es nackt und offen und aus Jugendschutzgründen „ärschlings“, dass der nachstehende Entwurf doch ein preisgünstigerer und dank des Wiener Vorbilds, flott zu realisierender Bau wäre. Nicht nur Potemkinsche Fassaden mit oder ohne Kuppel, sondern ein Schloss, das man dann auch als solches bezeichnen und mit Kultur vollstopfen kann. Ich denke, Humboldt würde dann aufhören können, in seiner Gruft zu rotieren.

Fast hätte ich doch grad etwas vergessen: unsere schöpferischen Kindlein als Hobby-Architekten. Da unsere heutigen Kleinen mit einem schlossartigen Bauwerk leben müssen, wenn wir Heutigen längst im Pflegeheim alzheimern und gewindelt werden, schlage ich für ein originelles Humboldt-Forum einen Jugendwettbewerb vor, fern jeder beieinflussenden Architektur-Politik. Das umgebende Grün, Berlins glücklicherweise gepflegtes Manna der Straßenbäume, können die Kinder mit Buntstiften ergänzen. Was meinen Sie – als Neuberliner, Altberliner oder als einer der hier ansässig geworden Provinzler (die bekanntlich den Großteil der heutigen Einwohner innerhalb des Stadtgebietes ausmachen)?

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Toleranz oder Akzeptanz?

Vom seltsamen Verständnis emanzipiert sein wollender Minderheiten – Beispiel: Schwules Schöneberger Straßenfest 2011 – Impressionen, die mich zum Nachdenken anregten

Mit gespitzten Ohren schlendere ich unauffällig hinter ein paar Leuten, die ich für mich als biedere Berliner geoutet habe. Es ist Sonnabend, der 18. Juni. Schöneberger Straßenfest des Regenbogen-Fonds, einer Vereinigung schwuler Gastwirte. Mitten in deren Einzugsgebiet sind einige Straßen gesperrt. An jeder Haustür klebt ein Zettel mit dem Hinweis auf das bezirksamtlich verordnete Parkverbot bis Montag. Wie in Berlin (und wohl auch anderswo) üblich, drittelt sich die Art der beteiligten Marktstände in solche, die Getränke und Gegrilltes anbieten und in solche, bei denen nach Kirmes-Art Modeschmuck, exotischer Kitsch und hübsche Überflüssigkeiten gekauft werden können. Und natürlich Vereins- und Verbands- und Parteien-Präsenz mit engagiertem Standpersonal, das den Unbilden des Wochehendwetters stand halten muss und dies mit mehr oder weniger Humor.

An einer Schweinefleisch-Bude halten meine offensichtlich heterosexuellen Opfer. Ich halte auch. Die Ohren immer noch gespitzt. Der ältere der beiden Männer, offenbar der Ehemann seiner postklimakterischen Ehefrau, schmatzt laut. Da tritt mit Getöse ein kräftiger Kerl, halbnackt und sonst völlig in schwares Leder gepresst, von hinten hinzu und busselt die drei Schweinespießesser herzhaft ab. Die drei busseln zurück.

Ich entnehme der Szene, dass der Ledermann so was wie ein Nachbar der beiden sein könnte. Er fordert ungeschmickt dazu auf, sich die perversen Schwulen anzuschauen, die Lesben auch, und was die so treiben bei Tag und in der Nacht. Die Frau: „Mir kann da nix passieren, ich bin tolerant. Und du?“ fragt sie ihren Mann, der sich gerade den Mund abwischt und mit dem Handrücken Semmelkrümel von seiner neuköllnbraunen Jacke abräumt, während er, von einem Berliner Rülpser unterbrochen, murmelt: „Ich akzeptiere alle, die mir nichts tun. Soll jeder machen, was er will.“

Ein alter Bekannter, der im Vorstand eines Berliner Interessensverbandes sitzt, spricht mich an. Fragt, ob ich schon den Marktstand mit den jüdischen Gays gesehen hätte, vor dem Stricherlokal „Tabasco“, zwei Ecken weiter. Wir verlassen den Schweinespießstand. Claus begleitet mich die Strecke zwischen Kalkreuth und Fugger. Tatsächlich! Ein kleiner, aber feiner Marktstand, davor ein Sympathie-Transparent, der auch von einem Reisebüro für Gays stammen könnte. Eine junge Dame davor, ein charmanter junger Mann dahinter. Sofort entsteht eine lockere Plauderei, bis ein älterer Mann mit Käppi von der Straßenmitte aus mit einer Kamera ein Foto nach dem anderen schießt und dabei freundlich schmunzelt wie ein gütiger Opa. Ob ich ein Problem hätte, wenn ich auf dem Foto drauf sei. Ich verneine, und der Fotograf wechselt seine Position und schießt weiter. „Ist ja nur für unsere private Dokumentation“, sagt er, und erst da fällt mir auf, dass die allermeisten Vorbeischlenderer ihre Schritte während der paar Meter Marktstand beschleunigen. Für Minuten bin ich der einzige Gast bei den jewish gays und dazu noch der einzige Goi.

„Bei uns in Israel sind wir staatlich akzeptiert, bei den religiösen Juden nicht. Nur die Jüngeren tolerieren uns zunehmend. Aber nur in Tel Aviv.“ – Aufdringliche, überschminkte Tunten würden zwar gelegentlich gepiesakt oder vertrieben oder, falls stur auf ihren Daseins- und So-seins-Rechten beharrend, verdroschen – aber sonst sei man tolerant, speziell am Strand.

War nett bei den freundlichen Leuten. Weiter geht’s um die Ecke zum HuK-Stand: „Homosexuelle und Kirche“ und ihre Probleme mit besonders intoleranten Vertretern der katholischen Amtskirche, die zu Ostern Fleisch und Eier segnen lässt, auch Waffen und Soldaten, Häuser und Autos. Aber bei der Segnung von gleichgeschlechtlichen Männern, die sich verpartnern wollen, hakt es immer noch enorm. Nicht nur im Süddeutschen. Nun ja, bei diesen diktatorisch bemächtigten Oberhäuptern unter Gottes Bodenpersonal, ist die Gegenwart noch nicht ausgebrochen. Muss man wohl noch hundert Jahre warten, bis zwischen Vatikan und St. Blasen in der Steiermark Toleranz verordnet wird. „Bei den Evangelischen gibt es wenigstens ein Toleranzgefälle zwischen Süd und Nord“, vernehme ich von einem aufklärenden Herrn am Stand. Und während ich Ausschau halte nach einem Eisverkäufer, tanzen zum eigenen Vergnügen und zum freudigen Erstaunen umstehender Straßenfestbesucher drei üppig komstümierte schlanke Männer in anmutigen, kurzen Frauenkleidern in der Mitte zwischen den bunten Reihen der Marktstände.

Beim Straßenfest vor fünf Jahren hörte ich aus Spießbürgermündern noch böse Bemerkungen. Diesmal nichts davon. Eine ältere Dame klatschte sogar begeistert in die Hände.

Kurz vor dem Ende meines Rundgangs treffe ich noch Gerd Joachim, den Autor der schrillen Romanbiografie „Es liegt noch Gold im Halensee“, die ich jüngst mit Genuss „verspeist“ habe, weil neben dem Fleischlichen viel Politisches in diesem Buch stattfindet: dass J. F. Kennedy dem Nikita Chruschtschow den Bau der Berliner Mauer ausdrücklich angeraten und erlaubt hat und – last not least – dass die deutsche Fußball-WM-Mannschaft 1954 mit dem Testo-Medikament Proviron von Schering gedopt war, damit das „Wunder von Bern“ eintreten konnte. Von den Goldbarren im See redeten wir diesmal nicht, weil ich auf dem Kuchentisch der Berliner Aids-Hilfe einen Bierdeckel liegen sah, auf dem über der weltweit verwendeten Aids-Schleife die Worte „Akzeptanz statt Toleranz“ gedruckt standen. – Wohl noch ein langer Weg, bis aus dem Tolerieren (dulden, erdulden) ein Akzeptieren (zur Kenntnis nehmen, anerkennen, annehmen) wird. Nicht nur in fremden Ländern, in Israel und im Vatikan, sondern auch bei uns im Lande.

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