Tag Archives: Antisemitismus

Südenböcke: Schwule als Juden-Ersatz?

(silv) Da es heute für Hierarchen und Aktivisten der katholischen Kirchen speziell der orthodoxen Spezies nicht mehr in ist, religionsimmanenten Antisemitismus zu pflegen und in den Juden, die seinerzeit ihren revolutionären Landsmann Jesus Christus ans Kreuz schlagen ließen,  müssen andere Sündenböcke als „apolyptisches Symptom“ (Patriarch Kyrill, Russland) herhalten. Phantasieverdorben und primitiv, aber fürs gläubige Untertanenvolk geschickt nach klassischem PR-Rezept aufbereitet, hetzen die kirchlichen Machthaber und ihre geistlichen Vasallen mit unglaublich deftigen Methoden gegen Homosexuelle in ihren Ländern und Machtbereichen. Der serbisch-orthodoxe Pfarrer aus Montengero, die nach einer behördlich genehmigten Homo-Demo den Platz der Veranstaltung nachträglich segnete, als hätten sich Pest- und Leprakranke dort aufgehalten und den Boden vergiftet. Früher einmal hätte man Juden als Brunnenvergifter verdächtigt. So etwas ist aber heute sogar auf dem Balkan und  weiter östlich nicht mehr in, daher müssen Homosexuelle  als Sündenböcke herhalten.

Hätte ich’s nicht selber miterlebt, würde ich es nicht glauben: Äusserte doch ein äußerlich vernünftig aussehender jüngerer Geistlicher aus Serbien jüngst in einem Berliner Sitzgarten am Winterfeldtplatz, mit dem Ende eines Schwulenverbots in seiner Heimat würde sich die Zahl jener, die dem Staat (und damit der Kirche) Nachwuchs und damit neue „Gotteskinder“ auf sündhafte Weise vorenthielten (!), enorm vermehren. Denn Schwulsein sei ansteckend wie die Grippe. Was – auch wegen anderer Äußerungen des gebildet aussehenden Ortho-Priesters – einen älteren Sitznachbarn in aller sonnigen Öffentlichkeit  des Cafés zur nicht ganz geschmackvollen Bemerkung reizte: „Wär‘ ich schwul, würde ich dich hier und jetzt durchorgeln, dass dir Hören und Sehen vergeht, du Pharisäer!“ – Erblasst knallte der homophobe Youngster daraufhin ein bereitgehaltenes 2-Euro-Stück auf die Marmorplatte des Kaffeetischchens und verließ hurtig die Szene – Richtung Schwulenbars in der Motzstraße. Es ist mir nicht bekannt, ob der Priester diese Berliner Straße der Unzucht gegen apokalyptische Folgen segnete.

 

 

 

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Shoa-Gedenken: Berlusconi war gestern gar nicht so außergewöhnlich…..

…wie es nach seiner Gedenkrede im Mailänder Bahnhof, von dem 1944 mehr als sechshundert italienische Juden nach Auschwitz verschickt wurden, klang. Der skandalreiche Berlusconi hielt, bevor der amtierende Ministerpräsident Monti ans Mikrofon trat, eine Ansprache. Darin sprach B. zwar von Mussolinis Schuld, sich an der von der SS inszenierten Judenverfolgung beteiligt zu haben, doch nicht ohne schon im nächsten Satz zu erklären, Mussolini habe auch viel Gutes getan. Berechtigter Protest gegen die geschmacklose Relativierung folgte. Am Abend gab sich der Ex-Premier als Gegner der Diktatur, Freund der Demokratie und des Staates Israel – wieder eine indirekte Relativierung von Stammtischformat. Da gilt es, einen Blick in die stark verbreitete und offensichtlich durch nichts zu erschütternde Denkweise hierzulande zu werfen. Nicht nur bei den älteren Leuten, sondern – weit gefährlicher – auch bei den neuen, den Jung-Nazis ist diese Relativierung, die in Mailand vor großem Publikum ausgesprochen wurde, gang und gebe:

Dass man Hitler den Autobahnbau, den Abbau der Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich und vieles andere verdanke (wobei –  Stichwort Autobahnbau – die meisten „Verdienste“ nicht den Nazis gutzusprechen sind!), wird gern erwähnt, um die Ausrottung des europäischen „Judentums“ zu relativieren. Völlig Unbelehrbare verlieren sich sogar immer noch in grenzdebile Sprüche wie „…das hat der Führer gar nicht gewusst!“ – Die Anti-Antisemitismus-Kämpfer haben noch viel zu tun.hp.

 

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Wie man Antisemiten rekrutiert

(silv) „Schauen Sie, das geht nur noch so lang“, sagte mir vor Jahrzehnten der ehemalige österreichische Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky angesichts der beleidigenden Kritik, die Ing. Simon Wiesenthal gegen ihn losgetreten hatte, nach einem Auftritt im Stahlwerk Kapfenberg, „das hört sich auf, sobald alle Naziverbrecher tot oder verhaftet sind.“ – Das ist nun lange her: Kreisky und Wiesenthal, beide Juden, sind lange tot. Die letzten Naziverbrecher sind auch tot oder abgeurteilt. Die österreichischen Historiker haben es den deutschen nachgemacht und die NS-Geschichte ihrer jeweiligen Bevölkerung aufbereitet. Dennoch agiert Wiesenthal in Gestalt „seines“ Instituts, das heute von den USA aus dirigiert wird, weiter. Und weil es keine Eichmänner und Konsorten mehr zu fassen gibt, sind nun prominente „Antisemiten“ die aktuelle Zielgruppe der Wiesenthaler Rechercheure. An Zulieferern fehlt es nicht: Henryk Broder ist einer von ihnen, und weil Broder den  Journalisten Jakob Augstein (u.a. „der freitag„-Herausgeber) nicht leiden kann, da sich dieser erkeckte, die heutige Regierung des Staates Israel wegen ihrer Innenpolitik zu kritisieren, landete sein Name im Antisemitismus-Ranking des Instituts an prominenter Stelle. Kein faux-pas, keine berlin-typische Schlamperei, sondern Absicht.

So etwas ist an sich zwar unappetitlich und bösartig und für Broder sicherlich straffrei, weil er sich auf die Meinungsfreiheit berufen kann, aber es ist auch Verleumdung und Rufmord zugleich. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Und die andere: Wer in der deutschen Gesellschaft, welcher Politiker, hat seine protestierende Stimme erhoben? – Der beschwichtigende Kommentar des Herrn Korn vom Zentralrat erfolgte zwar prompt, doch er blieb einer von wenigen. Nun hat sich wenigstens das ZDF in der gestrigen „aspekte„-Sendung des Themas angenommen: Der israelische Historiker Moshe Zuckermann verurteilte des Wiesenthal-Zentrum und forderte indirekt seine Abschaffung, was Michel Friedmann, Ex-Funktionär des Zentralrats, dahingehend umfunktionierte, indem er über den latenten Antisemitismus („20% der in Deutschland Lebenden“) schwadronierte. Zur Bekämpfung…gäbe es noch viel zu tun. Als ob man Antisemitismus bekämpfen könnte. – Also weiter so auf diese Tour?  Damit das überflüssig gewordene W.-Zentrum samt seinen Zuträgern weiterhin daran arbeiten kann, israelkritische Meinungen als antisemitisch umzufärben?

 

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Nicht jeder ist ein Barenboim: Hausverbot für Ali oder Daniel?

(hp) Silvia hat abgeräumt. Unser Kaffeekränzchen ging voll daneben. Es hat gekracht:  Ali, bisher zumindest bei uns nie zuvor ausgeflippt, knallte seine Zwiebelmustertasse zu Boden und danach die Zimmertür ins Schloss. Was war passiert?
Nichts. Außer dass auf dem Couchtisch ein Weltalmanach 2011 nicht ganz zufällig auf jener Seite aufgeschlagen da lag, die die Entwicklung des palästinensischen Staatsgebietes innerhalb der Grenzen Israels seit der Staatsgründung 1948 zeigte. Auch die flächenmäßige Verkleinerung bis heute. Von den Palästinenser-Gebieten gibt es heute nur mehr einen völlig zerstückelten Flickenteppich, der jede Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung auf einen tragischen Witz reduziert. Obwohl der Begleittext ohne Lesebrille bzw. Lupe gar nicht zu lesen war, raunzte Daniel, der sich, sobald er jemand Neuen kennen lernt, mit „Ich bin Jude!“ vorstellt, angewidert: „Geht’s schon wieder los, ihr Antisemiten?“ – Das war eine unmissverständliche Anspielung auf eine mehrere Tage zurückliegende Diskussion über das Nahost-Problem, in der Jan blöderweise den Namen des Historikers Ilan Pappe erwähnt hatte. – Sie, lieber Leser, kennen den 1954 als Sohn deutscher Juden in Haifa geborenen Historiker nicht? – Ihm wurde, weil er sich ehrenhaft und wahrheitsgetreu der Gründungsgeschichte des Staates Israel widmete (Titel seines Buches: „Die ethnische Säuberung Palästinas“, 2007 bei Zweitausendeins erschienen) und nichts unterschlug oder uminterpretierte, in Israel die Hölle heiss gemacht, sodass er nach Großbritannien emigrierte, wo er sofort eine Professur erhielt. Zurück zu unserer abgebrochenen Party:

Unser offen schwuler Freund Hans-Peter hatte Daniel, geboren als Arztsohn in Tel Aviv, laut eigener Aussage von den Eltern zum „Geiger“ dressiert, aber leider kein Wunderkind geworden, „aufgerissen“. Dany studiert an der Universität Potsdam. Auf dem schwul-lesbischen Berliner Straßenfest outete sich Dany im Juni als moderner, schwuler und toleranter Israeli. Die Auszeichnung seines Vornamensvetters Barenboim sahen wir jüngst gemeinsam im Fernsehen. Aus Danys Bemerkungen glaubten wir,  es mit einem modernen Menschen in unserer Runde zu tun zu haben…

Silvia: „Vielleicht hat ihn jemand aufgehetzt.“ Ansonsten hätte er den ebenfalls schwulen Libanesen Ali nicht derart provoziert. – Die Entscheidung, welchen der beiden jungen Leute wir vorläufig nicht mehr zu unserem jour fixe einladen werden, haben wir bis Neujahr verschoben. Silvia wird ihm seine Videocassette „Exodus“ (Kinofilm von Otto Preminger, mit dem bisexuellen Paul Newman, 1960) mit der Post zurückschicken.

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„Antisemitismus wird es immer geben!“

(hp) Das sagt Juliane Wetzel, Antisemitismus-Forscherin an der Technischen Universität Berlin, in der „Berliner Zeitung“ vom 31. August 2012 ihrer Interviewerin Mira Gajevic. Frau Wetzel hat ebenso Recht wie Andreas Kopietz und Elmar Schütze in ihrem ehrenhaften Dreispalter „Gefühlter Hass“ des selben Blattes. Auf der Seite 2 beschreibt Silvia Perdoni  den Anlaß: Rabbiner Daniel Alter wurde vor seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg von Jugendlichen wegen seiner Kippa als Jude erkannt und als solcher beleidigt und anschließend unter Beisein seines Kindes krankenhausreif geschlagen. Die Journalisten der „Berliner Zeitung“ haben seriös recherchiert und geschrieben. So weit, so gut.

Die Reaktionen von Externen dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Nachträglich äußerte sich im Rundfunk auch noch der evangelische Bischof mit einem Plädoyer für den Beibehalt des interreligiösen Dialogs. An sich überflüssig und auch nicht sachbezogen, aber sei’s drum. Verwunderlich nur, dass kein Katholik befragt wurde, egal, ob prominent oder nur Passant.  Mag sein, dass es in Berlin trotz Erzbischofs zu wenige Katholen gibt, deren Stellungnahme als nützlich betrachtet werden sollte. Aber es wurde auch kein prominenter Muslim interviewt. Weshalb mir dies auffällt: Sowohl in den meisten katholischen wie in muslimischen Familien wird die Abneigung bzw. der Hass gegenüber Juden mit der Muttermilch an den Nachwuchs weitergegeben – je nach Bildungsgrad des Elternhauses in unterschiedlicher Dosis. Aber es ist unbestrittenes Faktum, dass der latente Antiseminitismus in der Bevölkerung (zurzeit sollen es zwischen 15 und 20 Prozent sein) aus diesen Quellen stammt. Und dass bei den Muslimen das Nahost-Problem (Palästina) eine forcierende Rolle spielt, weiß auch jeder. „Jude“ ist ein gängiges Schimpfwort geworden, nicht nur auf Schulhof und Fußballplatz. Und zwar unabhängig davon, ob der Beschimpfte wirklich Jude ist oder nicht. Ich bezweifle stark, dass Juliane Wetzels Hoffnung auf Verringerung des latenten Antisemitismus durch finanzintensive Projekt-Maßnahmen hilfreich sein könnte.

 

 

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Bayreuth: Heuchlerei und andere Feigenblättchen

(hp) Der grandiose Bariton Nikitin, Multitalent mit Punk-Vergangenheit und entsprechenden Tattoos, darunter das unter russischen Halbstarken übliche Hakenkreuz, hat seine „Holländer„-Rolle verloren. Denn die Festspielleitung will sich von der Geschichte – Sie wissen, welche Ära ich meine! – distanzieren. Anstatt dem Sänger eine saisonale Maskenbildnerin angedeihen zu lassen, die die rechte Brust während der Dauer seines Auftritts „keimfrei“ übermalt, gab’s mit der erwünschten Absage des Russen einen kleine Skandal als Vorab-Ouverture dieser Festspielzeit.

Ich bin sehr gespannt, ob das Festival künftig auch von Schwulen – ich denke da nicht nur an den Herrn Aussenminister der Bundesrepublik Deutschland! – „verlassen“ bzw. gemieden wird in Anbetracht der historischen correctness der Bayreuther Chefinnen. War doch die Urmutter des Festivals, Richard Wagners zweite Frau Cosima (Liszt-Tochter) erstens Ehebrecherin, die ihren Gatten (Dirigent Bülow) zugunsten des rothaarigen, kleinwüchsigen, vom lieben Gott nicht mit Schönheit gestraften, aber begnadeten Richard W. verließ, was seinerzeit in den katholischen Kreisen als Skandal gewertet wurde, wie ihr Gatte nicht nur mainstreamig antisemitisch bis zum Gehtnichtmehr, sondern auch eine herrische Schwulenmama und -feindin zugleich. Denn ihr und Richards Sohn, Siegfried Helferich Wagner, der – siehe Gerichtsakten – nachweislich in (damals verbotenen) Homosexuellen-Zirkeln  verkehrte und mehrmals in Schwierigkeiten steckte, wurde von der Cosima umgehend zwangsverheiratet mit einer aufgeschlossenen englischen Pflegetochter, bekannt als späterer Hitler-Fan Winifred.

Cosima sorgte sich akribisch darum, dass in ihrer Villa kein Schwuler einen Fuß unter ihren Tisch setzte, egal, ob jemand prominent war wie Friedrich Nietzsche oder unauffälliger als dieser Wagnermusik-Verehrer, der unter Cosimas intrigantisch inszeniertem Hausverbot elendiglich litt. Dabei hatte Nietzsche zu keiner Zeit seiner Beziehung zu Richard Hand an dessen Hosenschlitz gelegt. So meine Fußnote zur Geschichte des Bayreuther Hügels, auf den dieser Tage außer Bundeskanzlerin Dr. Merkel samt Personenschützern eine Schar festiv gekleideter Menschen pilgern werden. Israelische „Pilger“ werden wohl nicht darunter sein. Lasst uns also nur die Schwulen zählen, die sich trotz der oben geschilderten Bayreuther Familienhistorie vom grandiosesten Getöse der Weltmusik und von hakenkreuzfreien SängerInnen berauschen lassen werden…

P.S. Näheres zu dieser causa findet der tolerante Leser und seine neugierige Gattin/Frau auch im Buch „Es liegt noch Gold  im Halensee“ – siehe diese website. Falls Sie homophob wie Cosima sein sollten, lesen Sie nur von Seite 150 bis 170. Dieser Teil ist ziemlich „keimfrei“.

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Grass-Echo: Unnötige Förderung des Antisemitismus

(hp/jutta) Nun auch noch das Einreiseverbot für G. Grass, erlassen von der Regierung des Staates Israel. Ich glaube, jetzt reicht’s. Der Vorwurf, Grass habe nicht die derzeitige Regierung, sondern das israelische Volk beleidigt, sprengt alle Dimensionen des Zumutbaren. Wäre ich die frisch ernannte persona non grata, also Grass, würde ich gegen das Einreiseverbot klagen und in einer Sammelklage gegen alle, die mir für die jüngste Prosagedicht-Veröffentlichung pauschal Antisemitismus vorwarfen, vorgehen. Die Begründung des Einreiseverbotes ist übrigens lächerlich bis blamabel: Als er eine Waffen-SS-Uniform tragen musste, war Grass kein SS-Gewaltiger, sondern ein unbedeutender Jugendlicher fern jeder Tyrannei gegenüber Juden. Grass und andere kamen deshalb zur Waffen-SS, weil diese Organisation gegen Ende des Weltkrieges die einzige war, die noch exakt funktionierte. Dutzende Bauernburschen der damaligen Ostmark wurden ebenfalls in eine Uniform der Waffen-SS gesteckt, ohne sich dagegen wehren zu können oder zu wollen. Soweit das Kapitel Einreiseverbot. Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, nannte das Vorgehen des entsprechenden israelischen Ministeriums in den „Tagesthemen“ „überzogen bis hysterisch“, und damit sollte es gut sein.

In meinem WC hängt seit langem ein nur mehr von meinen Gästen beachteter amerikanischer Poster. Es geht ums Scheissen (polit. korrekt: Entkoten!) und um die Reaktion von Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit. Buddhisten und die Christen nehmen die Entleerung verdauter Speisereste als völlig normal hin, naturgegeben sozusagen. Moslems konstatieren, das sei so von oben vorgesehen. Nur bei Juden heisst es: „Warum ausgerechnet wir?“ Der Poster stammt aus Los Angeles, Copyright-Datum 1988.

Um das Thema vom Trivialen auf die Aktualität in Sachen „Atommacht Israel“, wie von G. Grass festgestellt, herunterzubrechen: Wie kann es sein, dass es gerade die Regierung(en) Israels unterlassen, den Staat als Atommacht zu deklarieren und internationale Abkommen aktiv zu akzeptieren? Sind Atomwaffen auf dem Boden Israels etwas anderes als solche, die in Indien, Rußland, den USA usw. in Bereitschaft stehen? Ich will gar nicht auf die Frage eingehen, ob der Iran Atommacht ist oder demnächst werden wird. Ich will nur, und darin bestärken mich eine Reihe langjähriger jüdischer Freundinnen und Freunde in Amerika, England, Schweden und Deutschland, dass sich Israel an international vereinbarte Konventionen hält – egal, ob es sich um ignorierte UNO-Noten oder die ignorierte Aufforderung, den „merkwürdigen“ Siedlungs- und Wohnungsbau auf palästinensischem Gelände zu stoppen, handelt.

Ich werde das – auch auf diesem eigenen Blog – vorsichtig geäußerte Gefühl nicht los, die Handlungsweise der israelischen Politik sorgt für weitaus schwerwiegendere Schübe von Antisemitismus als ein „Prosagedicht“ eines berühmten alten Mannes, der seine Besorgnisse schon immer offen auszusprechen oder hinzuschreiben pflegte. Genau genommen bin auch ich „besorgt“ über die Beifallskundgebungen aus der falschen Richtung. Wie immer der Leser dieser Zeilen dazu stehen mag.

 

 

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Antisemitischer Nachwuchs dank der katholischen Lithurgie?

(hp) Vor 40 Jahren, es war während meines Schi-Urlaubs im Südtiroler Grödnertal, wurde ich zu einer  katholischen  Abendmesse in einer romantisch gelegenen Dorfkirche eingeladen und erlebte dort einen begeisterten Landpfarrer, der an alten Leuten die „Fußwaschung“ vornahm, wie sie laut biblischer Geschichte Jesus Christus seinen Jüngern angedeihen ließ. Das war alles sehr ergreifend. Als sog. lauer Katholik fühlte ich mich richtig wohl. Die Atmosphäre tat mir gut. Meine Freundin erwies sich als sattelfest im Kirchenliedtext. Von der kleinen Orgel, die in den nächsten Tagen bis zur Auferstehungsfeier in der Osternacht zu schweigen hatte, ertönte zischendurch manch sanftes Larghetto. Dann die für den Gründonnerstag vorgesehene Stelle aus dem Neuen Testament. Ein älterer Herr mit weißem Vollbart las. Schließlich ergriff der Pfarrer das Wort und mit aufgeregter Stimme erzählte er, eigenwillig interpretiert und mit zunehmend empörtem Unterton, die Vorgänge um den Verrat am Herrn, den sich Judas Iskariot für 30 Silberlinge  leistete. „Ja, die Juden, so sind sie!“ hechelte eine durchaus normal aussehende Frau mittleren Alters neben ihrem kauernden Söhnchen.

Titian: Der Zinsgroschen

Titian: Der Zinsgroschen

Dass auch Jesus Christus und seine Jünger Juden waren, sagte der Priester nicht. Er sagte auch nicht, dass der Verrat von ganz oben gewollt, also vorbestimmt war, um es dem Gottesssohn zu ermöglichen, seinen Opfertod und anschließend mit seiner Auferstehung die Erlösung der Welt als Gnadengeschenk für die gesamte Christenheit abzuleisten.

Nach der Abendmesse hatte ich, ich gesteh’s, richtiggehend Angst: Wäre vor dem Kirchentor ein leicht zu erkennender orthodoxer Jude gestanden, ganz zufällig im Schein der Friedhofslampe -, sein Leben wäre in großer Gefahr gewesen. So sehr hatte der Landpfarrer gegen die „verräterischen Juden“ gewettert. Als ich diese kleine Geschichte kürzlich meiner polnischen Nachbarin in Schöneberg erzählte, lächelte sie bitter: So etwas kannst Du auch heute noch erleben. Meine Nachbarin Maria stammt aus einem Dorf bei Krakau.

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Preußenjahr 2012: Lesen Sie Haffner!

Glaubt man den Verlagsankündigungen, wird 2012 ein Preußenjahr. Denn 300 Jahre nach der Geburt des Großen Friedrich II wird es sich kein einschlägiger Autor entgehen lassen, seinen Senf auf das preußische Tableau zu streichen. Man darf gespannt sein, was aus der Ikone Fridericus Rex gemacht werden wird.

Als gebürtiger Süddeutscher werde ich mich in dieser Angelegenheit vernünftigerweise zurückhalten. Die Herrscherfiguren der Wittelsbacher sind mir für meine laufende Arbeit weitaus näher als die Interpretationsversuche von Kollegen, von denen einige es nicht verkraften, dass der Journalist Sebastian Haffner vor Jahrzehnten mit seinen Darstellungen bereits weit ausgeholt hat in Sachen Preußen, Herrscher und Kanzler (Bismarck) bis hin zu Preußen-Identität und Mentalität. Am brisantesten schien mir und scheint mir bis heute der rote Faden von Friedrich II über Bismarck bis Hitler – weniger personenbezogen, sondern was Denke, Disziplin, Diplomatie und räuberische Politik angeht.

F., erster Diener seines Staates

Friedrich II., erster Diener seines Staates

Sehr interessieren wird mich, wie jüdische Autoren jüngerer Denkungsart Friedrich beurteilen werden. Denn dass das immer wieder zitierte „Jeder nach seiner Façon“ eindeutig abgegriffen und für die breite Bevölkerung reine Theorie geblieben ist, wissen wir zur Genüge. Insbesondere der Antisemitismus, der im Preußen Friedrichs Staatsraison war, wurde bislang noch nie seriös austariert:

Dass sich der Herrscher weigerte, den großen Moses Mendelssohn in die Akademie aufzunehmen, angeblich nur deshalb, weil Mendelssohn Jude war, reicht mir nicht aus. Die Historiker, die sich mit der katholischen Antisemitin Maria Theresia beschäftigten, waren hinsichtlich der österreichisch-ungarischen Landesmutter weniger zurückhaltend. Bekannt ist, dass sie zwar von Juden Geld lieh und wegen der kriegerischen Spitzbübereien Friedrich des II. oft genug Geld leihen musste, nach Vertragsabschluss mit den jeweiligen jüdischen Kreditgebern ihr Händchen allerdings nur hinter einer dunklen Wolldecke reichte, um den Geldverleiher ja nicht sehen zu müssen. Bekannt ist auch, dass sie als Königin von Ungarn und Böhmen von Juden bewohnte Kaffs abfackeln ließ, aus Wut über die widerspenstigen dortigen Juden, die keine Kriegssteuer zahlen wollten.

Von Friedrich II ist in der causa Abfackeln eigentlich nur bekannt, dass er „katholische Dörfer“ an der Oder abbrennen ließ, was sogar sein Marschall, der alte Dessauer, in seinen Memoiren als verbrecherische Untat des Herrschers geißelte. Ansonsten gibt es wenig über die „dunkle“ Seite des Preußenherrschers, dem – von seinen Frechheiten (Diebstahl Schlesiens u.a.m.) abgesehen – natürlich viel Huld und viel Ehr‘ gebühren.

Der SPIEGEL nahm sich des bevorstehenden Preußen-Jubiläums bereits in einer ausgewogenen Titelstory an.

Haffner - immer empfehlenswert!

Haffner - immer empfehlenswert!

Andere Publikationen werden folgen. Man darf gespannt sein. Für Unbeleckte, deren Zahl von Tag zu Tag wächst: Sebastian Haffner ist immer ein Gewinn, auch wenn er nicht immer schmecken mag! H.-P.Eis

P.S. Das rbb Kulturradio, feinsinniger Förderer des Absatzes feinsinniger CDs, hat für die laufende Woche ein neues Produkt als „CD der Woche“ gekürt: Flötenkonzerte des Kompositeurs Friedrich II. und komponierender Verwandtschaft…

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