Category Archives: Geschichte

Nicht nur Türken-Politiker üben sich in Verleugnung

(hp) Berlin. Sitzen drei Männer, die man in einem Wiener Kaffeehaus als Baron angesprochen hätte, weil sie optisch eindeutige Zeichen ihres Standes aufweisen (Glatze, zeitgemäß mit Brille anstatt Kneifer, Schnauzer) und halten eine Replik auf des Bundespräsidenten Rede im Berliner Dom, wo Gauck nicht nur vom osmanischen Völkermord an den Armeniern sprach, sondern auch von „deutscher Mitschuld“ durch Wegschauen. Ansonsten, so einer der Runde, sei Gauck schwammig geblieben. Da wirft der Glatzenträger ein: „Über die Vernichtung der Hereros durch die Kolonialarmee des Deutschen Reiches anno 1904 durfte er nämlich nichts sagen!“ – Skepsis vom Gegenüber: „Das war damals  doch kein Völkermord wie in Anatolien, oder?“ – Es ist immer von Vorteil, einen pensionierten Geschichtsprofessor am Tisch zu haben. Der öffnet den Mund weit: „Deutschland ist 1948 von der frisch gegründeten UNO des Völkermordes an über 80.000 Hereros bezichtigt worden. Das hat die 1949 gegründete Nachkriegs-Republik Deutschland nicht akzeptiert – bis heute nicht.“ Eine Entschädigung gegenüber dem südwestafrikanischen Staat Namibia gab es deshalb auch nie; es blieb bei forcierter Entwicklungshilfe wie gegenüber anderen Ländern auch. Ja nichts zugeben, lautet bis heute die Devise des deutschen Michl. Da sollten wir uns etwas zurückhalten, wenn es um die Empörung gegenüber der heutigen Türkei geht, die – wie die Deutschen – nur von Massakern und Grausamkeiten gegenüber anderen Volksgruppen spricht und Kränze unter Denkmäler legt, aber von Völkermord nichts wissen will.

P. S.

An Dokumenten, die die Vernichtungsabsicht der Deutschen beweisen, mangelt es nicht. In den seriösen Geschichtsbüchern wird folgendes  Zitat des Südwestafrika-Befehlshabers Lothar von Trotha wiedergegeben:

„Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen.“

P. P. S.
Die Familie derer von Trotha hat übrigens öffentlich für ihren unsäglichen Verwandten um Entschuldigung gebeten.

Kommentare deaktiviert für Nicht nur Türken-Politiker üben sich in Verleugnung

Filed under Allgemein, Geschichte

1915 – 2015: Auch Verbrechen haben ein Jubiläum: Ypern und Türkei

Giftgas

(gg) Sagt Ihnen nichts, Ypern in Flandern (Belgien)? – Vor genau einhundert Jahren begann dort ein Kriegsverbrechen, das bis gestern mindestens so stark relativiert wurde wie die Ausrottung der Armenier durch die damaligen türkischen Machthaber. Während die Verbrechen der sog. Jungtürken des zerfallenden Osmanischen Reiches gegenüber den christlichen Bewohnern als Genozid („Völkermord“) in die Geschichte eingehen werden – nach der Ära Erdogan vermutlich auch ganz offiziell in der heutigen Türkei -, wird der Einsatz von Chlorgas und anderen Chemikalien während des Ersten Weltkrieges an der Westfront von Politik und Wissenschaft immer noch als nüchterne Tatsache zur Kenntnis genommen:

Von Dr. Fritz Haber, dem ehrgeizigen deutsch-jüdischen Spitzenchemiker, der für die Ammoniak-Synthese den nach dem WK1 den Nobelpreis erhielt, stammt folgendes Wort: „Im Frieden dient der Forscher der Wissenschaft, im Krieg dem Vaterland.“ Nach diesem Motto verhielt er sich und diente sich der Militärregierung mit dem Vorschlag an, den Feind auf dem Schlachtfeld mit Chlorgas zu bekämpfen. Die Wehrmacht unter Hindenburg nahm Habers Idee gern an. An der Westfront (Stichwort: Ypern) wurde das Gas erfolgreich gegen den Feind geblasen, doch weil sich der Wind zuweilen drehte, kriegten auch die deutschen Soldaten das ätzende Gas ab. Nicht alle in der deutschen Armee kämpfenden Männer waren nur durch Gasmasken geschützt. Etliche verloren das Augenlicht, andere erlitten schwere Verätzungen und landeten im Lazarett. Fritz Habers Ehefrau wurde mit den Gas-Intentionen ihres Gatten nicht fertig und nahm sich das Leben. Sehr bald landete auch diese private Tragödie in der Literatur.

Lebendig blieb der 1915 begonnene Völkermord der fanatisierten Türken, die mit der Vernichtung von mehr als einer Million Armeniern die Serie der Menscheitsverbrechen des XX. Jahrhunderts eröffneten. Die deutsche Wehrmacht wusste von dem Verbrechen, doch weil es von Verbündeten begangen wurde, nahm man die Massaker gegen die Armenier ohne Reaktion zur Kenntnis.  In der Türkei ist es nach wie vor ein Tabu, darüber zu reden. Als gestern der österreichische Nationalrat an den Völkermord erinnerte, rief die türkische Regierung ihren Botschafter aus Wien nach Ankara zurück. Ob ein solcher Befehl auch den Botschafter der Türkei nach der Sitzung des Deutschen Bundestages (24.04.2015) treffen wird, ist zur Stunde noch nicht bekannt.

Kommentare deaktiviert für 1915 – 2015: Auch Verbrechen haben ein Jubiläum: Ypern und Türkei

Filed under Allgemein, Geschichte

Fremde Scheiße fressen?!

(hp) SPIEGEL online unterhält seine LeserInnen heute mit medizinisch-wissenschaftlichen News. Bostoner Wissenschaftler haben angeblich, so SPIEGEL online, ermittelt, dass Patienten, denen das Darmbakterium Clostridium difficile das Leben zur Hölle macht oder es auf die Dauer gar auslöscht, durch Implantation des Stuhls gesunder Patienten von ihrem Leiden geheilt werden können. Und das soll eine neue Erkenntnis sein, liebe SPIEGEL-Redaktion?
Wie unser in der Steiermark geborener Romanheld Martinus (1494 – 1546), Famulus bei Paracelsus, bereits in früher Neuzeit berichtet, habe er mit vielen verachteten Dingen „fast alle, auch die schwersten, gifftigsten Kranckheiten und Schäden vom Haupt biß zu den Füssen in- und äusserlich glücklich curirt“. Es ging damals darum, magen- und darmgeschwächte Männer mit dem Kot gesunder, jüngerer Mitmenschen zu behandeln, und weil fremde Scheiße zu schlucken nichts besonders Angenehmes war und ist, wurde der menschliche Kot mit allerlei Gewürzen, derer man damals im schweizerischen Basel habhaft wurde, verfeinert. Bevor die Zensurmaßnahmen der Kirche(n) das Treiben der damals so genannten Dreck-Apotheker einschränkte, waren solche Heilmittel, so abstrus sie uns Heutigen vorkommen mögen, für reiche Patienten gang und gäbe. Im Taschenbuch „Leobner Geplärr“ (Verlag Kalwang & Eis; Erscheinungstermin Sept. 2014, siehe Titelbild unten!) wird von einer weiteren  biologisch gut erklärbaren Heilmethode berichtet:
In nicht bigotten Familien, denen Zwingli, Calvin & Co. noch keine zwingenden Vorbilder waren, gab es zur Erleichterung für schwer Gebärende eine unterleibische Methode der Linderung: Martinus berichtet über eine Nachbarsfamilie des berühmten Baseler Verlegers Frobenius, bei dem etliche Schriften des Erasmus von Rotterdam produziert wurden. Deren Schwiegertochter stand eine komplizierte Geburt bevor. Da wurden, wie Martinus ohne zensorische Skrupel beschreibt,  fünf junge Männer aus der Nachbarschaft in ein Nebenzimmer vergattert, um dort in ihre hohle Hand zu ejakulieren. Mit schweinischen Liedern waren die Jungmannen „scharff gemacht“ worden (da Pornofilme kurz nach der Entdeckung Amerikas noch nicht vorrätig waren). Danach wurde der gesamte Unterleib der Gebärenden damit eingerieben, worauf eine reguläre Niederkunft erfolgen konnte. Der Grund für diese geburtshilfliche Maßnahme: Im Sperma ist Oxytocin enthalten. Dieser hormonale Wirkstoff wird heute unter hohen Kosten chemisch hergestellt und sauteuer verkauft.

Fazit: Angesichts der heute hohen Gesundheitskosten wäre die Erinnerung an uralte Heilmethoden und Rezepte angezeigt. Meinen Sie nicht? „Bio“ ist einem großen Teil der Bevölkerung ohnehin sympathischer als „Chemie“!

Cover "Leobner Geplärr". Das Buch kommt im Sept. 2014 in den Handel.

Cover „Leobner Geplärr“. Das Buch kommt am 1. Oktober. 2014 in den Handel.

 

Kommentare deaktiviert für Fremde Scheiße fressen?!

Filed under Allgemein, Geschichte, Verlagsmitteilungen

Vorwarnung: 3sat tut wieder was für eine solide Halbbildung!

(hp) Alles sei eine Frage der Beleuchtung, soll Theodor Fontane einmal geschrieben haben. Recht hatte er. Das staatliche Bildungsfernsehen „3sat“ wird am kommenden Montag ab 20.15 Uhr eine Dokumentation über den angeblichen „Untergang Österreichs“ ausstrahlen, womit, wie es im Programmheft heißt, der „Anschluss“ an das Deutsche Reich im März 1938 gemeint ist. Was da kommen wird, ist abzusehen, auch, wie die Tendenz der Doku sein wird:
Nach der Rezeptur, die speziell vom ZDF mit ihrem Historienpapst Guido Knopp noch immer gepflegt wird, lässt diese Art medien- und quotensüffiger Geschichtsdarstellung („Hitlers Schäferhund“) gezielt weg, was ein „Warum“ bzw. „Wie es dazu kommen konnte“ erklären würde. So sicherlich auch am Montag auf 3sat.

Die Fakten:
Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg war das alte Österreich zerbrochen. Der seit 1918 und nach 1945 existierende Blinddarm „Österreich“, zwischen Boden- und Neusiedlersee gelegen, wurde von den österreichischen Politikern der 1. Republik als wirtschaftlich nicht überlebensfähig betrachtet. Deshalb nannte man dieses Restland der Monarchie aufgrund der Muttersprache der Bewohner Deutschösterreich und legte in einstimmigem Regierungsbeschluss den Anschluss an das Deutsche Reich fest. Dieser vorgesehene  Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich (Weimarer Republik) wurde von den alliierten Siegermächten 1919 im Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye ausgeschlossen, indem in Art. 88 ein förmliches Unabhängigkeitsgebot für Österreich bestimmt wurde. In Österreich und Deutschland wurde der Artikel als Anschlussverbot bezeichnet. Gemäß dem Vertrag wurde erzwungenermaßen auch der Staatsname „Republik Österreich“ festgelegt.
Diese wirtschaftlich nicht lebensfähige Republik erlebte, weit drastischer als die benachbarte „Weimarer Republik“, zwei problematische Jahrzehnte. Nach dem Bürgerkrieg vom Februar 1934, wo die klerikal verseuchte Regierung unter Kanzler Dollfuss sogar die Beseitigung standhaft streikender Arbeiter durch Vergasung erwog (lange vertuscht!), folgte eine faschistische, also eine Ständediktatur nach italienischem Muster. Dollfuss und sein Nachfolger, der Tiroler Halbadelige Schuschnigg, versuchten erfolglos, den verständlichen Wunsch der Mehrheit der Österreicher zu unterdrücken, endlich dem prosperierenden Deutschen Reich beizutreten, damit die gewaltige Arbeitslosigkeit und vor allem die Zweiteilung der österreichischen Gesellschaft beendet würde. Die Sehnsucht nach einer Zukunft war so gewaltig, dass sich speziell in den westlichen Bundesländern bis zu 98 Prozent der Bevölkerung für einen Anschluss aussprachen.

Die lächerlichen Annäherungsversuche an Mussolini, der sich als Schutzheiliger eines selbständigen Österreich gab, verärgerten nicht nur Adolf Hitler und den in Mauterndorf (Salzburg) aufgewachsenen Hermann Göring, so dass es, als man in Berlin die Zeit als reif empfand, zum widerstandslosen Einmarsch der Deutschen Wehrmacht und zur von allen möglichen Leuten lächerlich gemachten jubelnden Menge auf dem Wiener Heldenplatz kam.  Das war, bitte, lang vor der Zeit des Holocaust.

In der 3sat-Doku werden Zeitzeugen auftreten. Bin gespannt, welche Zeugen das sein werden. Die Großspekulanten und Witschaftsbarone, die sich in der Dollfuss- und Schuschnigg-Zeit besonders wohl fühlten, sind heute alle tot.

 

 

 

 

Kommentare deaktiviert für Vorwarnung: 3sat tut wieder was für eine solide Halbbildung!

Filed under Allgemein, Geschichte, Politik

3sat und arte: Solide Halbbildung nicht nur durch Häppchen anreichern!

(ho) Seit sich endlich auch Österreich intensiver mit seiner jüngeren Geschichte beschäftigt und den Austrofaschismus inklusive Bürgerkrieg 1934 durchforstet, stellen auch die 3sat-Macher den einen oder anderen Bericht, vornehmlich Features, ins Programm. Jüngstes Beispiel: Gestern gab es, sozusagen zur Einführung, einen schmalzreichen Film über den Wiener Großspekunlaten  Bosel („Trillionär“) und sein grauenhaftes Ende durch die Brutalitäten des SS-Mannes Brunner. Es menschelte, wenn auch sehr seriös, die gesamte Dokumentation hindurch. Es folgte eine durchaus ausgewogene Doku über den österreichischen Bundeskanzler Dollfuss, die im Titel die Begriffe ‚Arbeitermörder‘ und ‚Märtyrer‘ führte. Das Angenehme an dieser Dokumentation war die Ausgewogenheit: Zeitzeugen wie der ehemalige SPÖ-Innenminister Olah und der frühere Nationalbankpräsident Kienzl kamen zu Wort. Sie hatten als Kind den Bürgerkrieg von 1934 erlebt. Der brach als Arbeiteraufstand gegen die von Dollfuss inszenierte Ständediktatur in den Industriegebieten Wien, Oberösterreich und Steiermark aus und forderte mehrere hundert Tote. Prompt vollzogene Todesurteile folgten und die Wut unter den von der klerikal gestützten „Regierung“ verbotenen  sozialdemokratischen Organisationen (Schutzbund u.a.) wuchs sich zum Hass aus. Die wichtigste Nebenwirkung: Die in Österreich unterschiedlich stark vorhandene Sympathie für die NSDAP wuchs enorm, und als der Kanzler in seinem Arbeitszimmer in der Hofburg von radikalen Nazis umgebracht worden war, gab es in Teilen der Bevölkerung, die von der Regierung ihrer demokratischen Rechte beraubt waren, ein im ganzen Land spürbares Aufatmen. In ihrer Hilflosigkeit und der Verblendung, gegen Hitlers Aggression würden notfalls Mussolini und die ungarische Regierung dem wirtschaftlich nicht lebensfähigen Österreich helfen, machte die Dollfuss-Nachfolge unter Kanzler Schuschnigg weiter wie bisher. Der Rest darf als bekannt vorausgesetzt werden: Hitler demütigte Schuschnigg und setzte, über den mächtigen Anschluss-Willen der österreichischen Bevölkerung gut informiert, den kampflosen Anschluß seiner Heimat an das Deutsche Reich durch.

Da 3sat nicht nur für Historiker und gut gebildete Konsumenten sendet, bleibt es bei dieser Darstellung einer kurzen Epoche der österreichischen Geschichte um ein Häppchen. Aha, sagt der interessierte heutige Deutsche, in Österreich hat es 1934 – also vor genau 80 Jahren – einen Bürgerkrieg gegeben. Und: Nicht nur beim Führer-Auftritt (Heldenplatz, 1938) haben ihm mehr als hunderttausend Österreicher zugejubelt, sondern auch bei Massenveranstaltungen unter Dollfuss (1933/34) waren es mindestens so viele. Und: Dass es dazu kam, hat viele Wurzeln, zuvörderst das Alliiertendiktat nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, wonach sich der von der Donaumonarchie übrig gebliebene Bilddarm des deutschspendenden Österreich trotz des Wiener Parlamentsbeschusses nicht dem Deutschen Reich anschließen durfte.

Wird es nicht endlich Zeit, im Bildungsfernsehen nicht nur Ausschnitte und Häppchen zu präsentieren, sondern Zusammenhänge? – 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wäre es hoch an der Zeit. Nicht nur für österreichische Zuschauer, sondern für das gesamte Sendegebiet der Sender 3sat und arte.

Kommentare deaktiviert für 3sat und arte: Solide Halbbildung nicht nur durch Häppchen anreichern!

Filed under Geschichte, Morgengalle

Das Österreich-Syndrom ist nicht fugendicht

(hp) Was muß in in den Köpfen der österreichischen Journaille passieren, dass das Thema „Heldenplatz“ (13. März 1938) endlich aus der Skandalisierung verschwindet? – Der sogenannte Akademikerball, der unter schrecklichen Begleiterscheiungen (Straßensperren, übermäßiger Polizei-Einsatz) in der bekanntlich nicht mehr vom Kaiser bewohnten Wiener Hofburg stattfand, schaffte wie schon im Vorjahr zu einem Aufreger, weil die Tatsache bekrittelt wurde, dass unter den Gästen Alt- und Neunazis aus dem In- und Ausland anwesend waren. Wien blamiere sich vor der ganzen Welt, heisst es in einem Zeitungs-Videoclip und kaum irgendwo wurde das FPÖ-Spektakel ignoriert. So unappetitlich viele Äußerungen mancher FPÖ-Politiker sein mögen -, sie sind nun einmal da, und die Partei ist auch nicht verboten. Dis nur nebenbei bemerkt. Vergleiche mit der bundesdeutschen Verbotskandidation NPD erscheinen mir unangebracht.

Das Mea-culpa-Retro-Gelaber angesichts des Jubels der Österreicher, als Adolf Hitler die „Heimkehr ins Reich“ vom Balkon auf die Menge hinunterbrüllte, wird immer wieder aufgewärmt wie eine alte braune Suppe am Herd. Doch nirgendwo lese oder höre ich, warum die Begeisterung damals so groß war. Nirgendwo ist die Rede vom österreichischen Bürgerkrieg 1934 und der nachfolgenden austrofaschistischen Diktatur, unter der Hunderttausende litten, weil die Machthaber von Dollfuß bis Schuschnigg nicht in der Lage waren, die sozialen Misstände und Ungleichgewichte zu beseitigen. Nirgendwo wird darüber berichtet, dass direkt nach dem Ende des Ersten Weltkrieges der Anschluss ans Deutsche Reich, parlamentarisch von allen damaligen Parteien abgesichert, beschlossen, von den Alliierten jedoch verboten wurde. Obwohl man wusste, dass der übrig gebliebene deutschsprachige Blinddarm der Donaumonarchie wirtschaftlich nicht lebensfähig war usw.usf.

Es wird Zeit, dass die Vorgeschichte der Hitler-Bejubelung durch die Wiener anno 1938 ebenso in den Blickpunkt gerichtet wird wie die grauenhafte Zeit nach dem Heldenplatz-Jubel schon bisher . Oder soll es noch eine Generation dauern, die in dieser Hinsicht halbgebildet bleiben mag? – Gerade die Jugend hat es m. E. verdient, die ganze Wahrheit zu erfahren, damit das – im Ausland schon lange – belächelte Österreich-Syndrom durch Wissen ums Ganze fugendicht objektiviert wird.

Kommentare deaktiviert für Das Österreich-Syndrom ist nicht fugendicht

Filed under Geschichte, Gesellschaft

Affentanz um Freigabe von Hitlers „Mein Kampf“

(hp) Während sich Minister Guido Westerwelle vom Jüdischen Weltkongress, der zurzeit in Budapest seine Jahrestagung abhält, standing ovations, also Lorbeeren holt, beginnen – wieder einmal – rings im Heimatland zwischen Emden und Berchtesgaden Runzelstirngespräche. Thema: Was passiert, wenn der Bayerische Freistaat die Urheberrechte an Adolf Hitlers „Mein Kampf“ verlieren wird? Wenn nicht nur Zitate, sondern das ganze opus freigegeben werden für den Nachdruck?  – Gemeinsam mit der Leibniz-Gemeinschaft begann schon mal das „Inforadio“ vom Berlin-Brandenburgischen Rundfunk die Diskussion mit einem Podium, das der universal einsetzbare rbb-Journalist Harald Asel  auf sympathische Weise moderierte.

Ein Clown war Hitler bestimmt nicht!

Ein Clown war Hitler bestimmt nicht!

Wie zu erwarten, kam es zu einer bunten Mischung von Statements auf  teilweise hohem Niveau. Es gab viel Wie und Was, aber wenig Warum.  Weder der Zeitgeschichtler Dr. Magnus Brechtken, noch der pensionierte Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Professor Dr. Wolfgang Benz, erklärten, warum und auf Grund welcher Zeiterscheinungen (nach Versailles und in Angst vor dem Bolschewismus ) Hitler während und nach seiner stark verkürzten Festungshaft nach gescheitertem Putsch dieses nationalsozialistisch programmatische Buch schrieb und weshalb es damals auf Interesse stieß (nicht unähnlich Nietzsches „Zarathustra“ und, viel später, Maos „Bibel“); warum Hitlers Einschätzungen und Zielvorstellungen zum Dogma seiner nationalen Bewegung gemacht wurden; warum nach dem Erscheinen von „Mein Kampf“ in bürgerlichen wie sogar in sozialistischen Kreisen der Gesellschaft nicht erkannt wurde, welche Wirkungen solch ein Buch haben könnte, das derart deutliche Auskünfte darüber gibt, womit die „Bewegung“, wenn sie an die Macht kommen sollte, Deutschland umkrempeln würde.
Als peinlich empfand ich den Schlenker, der den Buchator von „Er ist wieder da“, Timur Vermes, zu Wort kommen ließ. Abwechselnd mit der Professorin Heidrun Kämper  (Institut für Deutsche Sprache, Mannheim) wurde erwogen, ob Hitlers Sprachstil für uns Heutige nicht etwa makaber bis unlesbar sei, ob „man“ der heutigen jungen Generation zumuten könne, einen unkommentierten „Kampf“ zu lesen. Als ein Disput darüber anhob, ob der spätere Verbrecher Adolf H. ein Irrer, gar ein Clown gewesen sei, schaltete ich das Autoradio ab.
Fazit: Die Fokussierung jüngerer deutscher Rückblicke ausschließlich auf die Nazizeit (Musterbeispiel Knopps ZDF-Darbietungen) ohne ausführliche Beschäftigung der politischen und sozialen Zustände zwischen 1918 und 1933 zeigt allerorten – leider auch im Schulunterricht – ihre negativen Wirkungen. Ob da etwas nachgeholt werden kann, noch dazu angesichts der aktuellen Retrospektive „80 Jahre Machtergreifung„, die in diesem Kalenderjahr in Berlin unter dem Titel „Zerstörte Vielfalt“ abgefeiert wird?

 

Kommentare deaktiviert für Affentanz um Freigabe von Hitlers „Mein Kampf“

Filed under Geschichte, Gesellschaft

P.S. zur ZDF-History: „Hitlers Gestank aus dem Maul!“ (Paul Hörbiger)

(gjw) Die beliebte alte Frage, ob Adolf Hitler während seiner „Regentschaft“ geistig gesund, geisteskrank, nicht bei Sinnen oder gar gedopt war, wurde am ersten Frühlingstag 2013 von ZDF-info wiedergekäut und im Schlussbild von einem kundigen Kundler der wissenschaftlichen Art eindeutig mit „Nein!“ beantwortet. Was ich ebenso eindeutig bezweifeln möchte. Als ich für mein Buch „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ (2012 im Verlag Kalwang & Eis erschienen) meine Aufzeichnungen über die Aussagen von Zeitzeugen (oral history) durchforstete, stieß ich u.a. auf Prof. Hans-Herloff Inhoffens Aussage, sein seinerzeitiger Chef und Leiter der Schering-Forschung,  Prof. Walter Schoeller, habe ihm und seinem Kollegen Dr. Hohlweg untersagt, mit Hitlers Leibarzt Morell (Hauptperson in der ZDF-Doku) Kontakt zu halten und über jeden Wunsch der medizinischen „Spione“ Morells (zit.) sofort zu berichten.
Der unbeugsame Nazi-Gegner Schoeller, der 1944 vorzeitig das Handtuch warf und sich aus seinem Berliner Hauptlaboratorium nach Konstanz am See zurückzog,  habe dem Schering-Forschungsleiter laut Inhoffen auf einem Abendempfang stolz eine ganze Liste von Wirkstoffen und Fertigmedikamenten für seinen Patienten Hitler gezeigt und das Scheringsche PROGYNON (1928), ein Östrogenpräparat gegen Menstruationsbeschwerden, besonders gelobt, weil es gegen die „Schüttellähmung“ Hitlers (heute: Morbus Parkinson genannt) gut wirke. Schoeller habe dem Leibarzt erklärt, mit einer Überdosis dieses und anderer Hormonpräparate, insbesondere des reinen Testosteron (Scherings PROVIRON), könne man jemanden auch umbringen.
Die Nebenwirkungen vieler Präparate waren damals nur selten präzise erforscht. Erst einige Fußballer der deutschen Nationalmannschaft („Wunder von Bern„, 1954), die nach Testo-Injektionen an schwerer Lungenzirrhose erkrankten, wobei einer der Spieler bald daran sterben musste, machten ihre bitteren Erfahrungen am eigenen Leib. Doch zurück zu Hitler:

Wenn jemand wie Hitler Jahre hindurch bis zu 28 verschiedene Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel  konsumiert, kann er wohl nicht gesund sein. Wie unverdächtig ist doch des lang verstorbenen Wiener (Burg-) Filmschauspielers Paul Hörbiger, Schwager der Paula Wessely, in seinen Memoiren geschilderte Beobachtung, der Führer habe widerlich aus dem Maul gestunken. Anlass für diese Festellung Hörbigers war ein Empfang von UFA-Schauspielern in der Reichskanzlei.

P.S. Das oben erwähnte Sachbuch über die Schering AG in der Nazizeit ist nicht nur im Buchhandel für 19,80 €, sondern – weitaus preisgünstiger – auch als E-book erhältlich (google, amazon u.a.).

Auch Hitler und Gregor Straßer sind nicht ausgespart...

Auch Hitler und Gregor Straßer bleiben nicht ausgespart…

 

 

Kommentare deaktiviert für P.S. zur ZDF-History: „Hitlers Gestank aus dem Maul!“ (Paul Hörbiger)

Filed under Geschichte

Götz Aly entdeckt Morbus gedenkeritis berlinae

(rg) In seiner Kolumne in der Berliner Zeitung beschäftigt sich Götz Aly, der Unerbittliche,  jüngst mit „galoppierender Gedenkeritis“, die er in Berlin erlebt.  Die „Stadt ist dabei, ihre Geschichte und ihren Stolz zu verlieren“.  Dabei geht es ihm nicht um die während der Nazizeit gedemütigten, vertriebenen und ermordeten Juden, sondern um die Bemühungen einiger Initiatoren eines „zentralen Ortes des Gedenkens“ an Opfer des Kommunismus, vornehmlich jener Opfer, die „unter der SED-Herrschaft berufliche Nachteile erlitten haben“ (Aly). Der Autor spricht den Geschädigten das Recht ab, den Alleinanspruch der Juden auf Gedenk- und Erinnerungsstätten zu relativieren. Auch Erika Steinbach, die ein Vertriebenen-Denkmal fordert, kriegt ihr Fett ab.

Als „widerwärtig“ bezeichnet Aly die Ideen und nennt in seiner Kolumne namentlich Hubertus Knabe, den Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, der seit langem ein zentrales Denkmal fordert.

Mir geht die „Gedenkeritis“ auch seit langem auf die Nerven. Noch stärker nervt mich jedoch der latente Alleinvertretungsanspruch der Juden, Opfer gewesen zu sein. Allein die verzogenen Mundwinkel gewisser jüdischer Funktionäre immer dann, wenn von dem nach x verzögerten Jahren endlich eröffneten und von der hiesigen Bevölkerung ignorierten Denkmal für die ermordeten Zigeuner (Sinti und Roma) die Rede war, sind mir in unguter Erinnerung.

P. S.

Bin gespannt, welchen Morbus Götz Aly demnächst beschreiben wird. Sein Buch über die Vernichtung „unwerten Lebens“ (Nazi-Diktion) ist gerade erschienen, als hätte Ernst Klee, der wohl engagierteste Aufklärer über die Untaten der Nazis (siehe S. Fischer, „Schwarze Reihe“) nicht ausführlich über dieses schreckliche Thema geschrieben.
Was wohl Herr Dr. Götz Aly über den zur Zeit ausgestrahlten ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ schreiben wird? – In diesem TV-Film wird, wie ich finde, sehr ordentlich und zugleich glaubhaft beschrieben, wie fünf junge Leute den Zweiten Weltkrieg erlebten. Von den Fünfen ist nur einer Jude, sympathisch gezeichnet und auf dramatische Weise der Vernichtung in Auschwitz entgangen. Also kein Holocaust-Revival, vor allem kein Alleinvertretungsanspruch jüdischer Opfer, sondern nur das Schicksal von Leuten, die unsere Eltern gewesen sein könnten.

Gedenke der Opfer, und zwar a l l e r, die Qualen erleiden mussten!  - Dieses  Denkmal steht in Leoben, Österreich
Gedenke der Opfer, und zwar a l l e r, die Qualen erleiden mussten! – Dieses Denkmal steht übrigens in Leoben, Österreich

 

 

 

 

 

Kommentare deaktiviert für Götz Aly entdeckt Morbus gedenkeritis berlinae

Filed under Geschichte, Gesellschaft

Ösis über die Nazizeit: Die Berliner taz macht sich’s zu leicht!

(hp) Genüsslich macht sich die wunderbare Berliner „Tageszeitung“, schon vor ihrer ersten Ausgabe liebevoll „taz“ genannt, wieder einmal über die Österreicher her. Diesmal geht es um eine Umfrage (anlässlich des ‚Jubiläums‘ 75 Jahre nach dem Anschluss ans Deutsche Reich) unter der alpenländischen Bevölkerung im Auftrag der Wiener Zeitung „Der Standard“. Die Ergebnisse der Befragung sind „erschreckend“ (taz). Weshalb? Weil „42 Prozent sagen, „es gab gute Seiten“(taz); gab’s diese nicht, liebe taz?

Mein Vorwurf an die lässige Schreibe des lockeren Berliner Linksblattes, das ich, s.o.,  grundsätzlich sehr schätze:
– dass der/die SchreiberIn, der/die zumindest über ein solides  zeitgeschichtliches  Halbwissen verfügen dürfte, mit keinem Wort erwähnt, dass das kleine, wirtschaftlich nicht lebensfähige Österreich zum Zeitpunkt des Hitler-Einmarsches anno 1938 eine klerikalfaschistische Diktatur war, deren Bevölkerung 1934 einen –  wenn auch kurzen – Bürgerkrieg zu überstehen hatte und alles andere als befriedet war. Die militant ausgebrochene Feindschaft zwischen Bürgerlichen sowie Bauern und der unter Kuratel gehaltenen Arbeiterschaft wurde mit der Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich beendet, wenn auch zwangsweise. Mit einem Schlag waren auch Arbeiter und Arbeitslose nicht mehr Staatsbürger zweiter bzw. der Unterklasse.

Während im Deutschen Reich dank demokratiefeindlicher bzw. unfähiger Politiker der „Weimarer“ Zeit die Hoffnung auf einen „starken Mann“, der endlich Ordnung schaffen sollte, die treibende Kraft für den Erfolg der Nazis waren (die bereits in Meyers „Konversationslexikon“ von 1925-28 nachweislich abgedruckte NS-Planung „Bekämpfung des Judentums“  sowie die „Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich“ wurde von der Mehrheit der Deutschen ignoriert!) -, wollte die Hälfte der damaligen Österreicher endlich frei aufatmen, Arbeit haben und „dazugehören“. Viele weitere Gründe dafür, dass die Ösis ehrlicherweise nicht in (gelogenen) hochprozentigen Werten ausschließlich schlechte Seiten an der Nazizeit fanden, könnten noch aufgeführt werden. Das hier Gesagt sollte für den Anfang ausreichen.

P.S. Ein Großonkel unseres Blog-Autors wurde übrigens 1934 als lokaler Arbeiterführer gehenkt. Der Vater des Autors saß 16 Monate im Zuchthaus Graz-Karlau, weil er trotz der Nazi-Verbote weiterhin sozialdemokratische  Vereinskultur im Untergrund betrieb.
P.P.S. Noch ein Tipp für interessierte Leser, die sich – eingebettet in eine aktuelle schwule Romanbiografie – für das Entrée der Nationalsozialisten in der österreichischen Provinz interessieren sollten: Zurzeit nur beim üblen Händler „amazon“ ist Gerd Joachims „Es liegt noch Gold im Halensee“ erhältlich. Darin erfahren Sie u.a. auch, womit die Stürmer der Deutschen Nationalmannschaft („Wunder von Bern“, 1954) gedopt waren u.a.m.

 

 

 

 

Kommentare deaktiviert für Ösis über die Nazizeit: Die Berliner taz macht sich’s zu leicht!

Filed under Geschichte