Monthly Archives: Juli 2016

Auf ins neue Biedermeier!

(md) Das Wiener profil befasst sich in seiner aktuellen Ausgabe mit der „verrückten Welt“. Ich wundere mich, dass die Autoren nicht von der „verrückter gewordenen Welt“ schreiben. Denn das, was sich heute in dieser Welt tut, im Kleinen wie im Großen, ist doch eigentlich nichts Neues, sondern nur anders, will heißen: Es geht heute um neue, ungewohnte Verrücktheiten. Die äußeren Merkmale sind schlicht anders. Beispiel: Kalter Krieg. Gab es vor 1989 offene Drohungen à la Atomkrieg zwischen den Weltmächten, so gibt es heute, da man sich nicht gegenseitig ausrotten will, andere Formen, sich das Leben möglichst schwer zu machen. Die heutigen Transportmittel zur Austragung von Zwistigkeiten sind andere geworden, raffinierter sozusagen. Wurden seinerzeit Leute wie Chruschtschow von den Amerikanern gedemütigt und reagierten mit Aggression, so läuft es heute per Cyberkrieg, Sanktionen und Reiseverboten. Vom Westen früher gehätschelte Diktatoren wurden in der Erwartung, aus Diktaturen seien umgehend Demokratien herzustellen, beseitigt, was blutige Scherbenhaufen, Chaos incl. Terror zur Folge hat. Früher war’s anders. Und wir, hierzulande? – Wir nehmen’s zur Kenntnis, dass alles „verrückt“ ist, jammern und beschuldigen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, schotten uns ab und verhalten uns wie in der Biedermeierzeit – nur eben anders als damals im originalen Biedermeier.

Keine Grund, sich zu ängstigen: die Welt ist zwar "verrückt", aber eben nur anders...

Keine Grund, sich zu ängstigen: die Welt ist zwar „verrückt“, aber eben nur anders als sie es bisher war…

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Es wird zu viel geschnackselt

(e) Als die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis vor Jahren in einer Talkrunde darüber plauderte, dass Eingeborene in der Dritten Welt gern „schnackseln“, wurde über ihre Volkstümlichkeit gelästert. Die lästernden Journalisten fanden es damals nicht wichtig, das Fürstinnenwort zu hinterfragen. Der Frau Gloria ging es darum, auf ihre Art den Zusammenhang zwischen Überbevölkerung und Ernährungsmangel und Armut zu beschreiben, wozu sie aber dank des Moderators keine Gelegenheit bekam. Nur das köstliche Wort schnackseln ist geblieben, wohl deshalb, weil es außerhalb der bayerischen Mundart nicht bekannt war.

Über das Zuviel des Schnackselns hat sich bereits vor mehr als 200 Jahren der Brite Thomas Malthus Gedanken gemacht, weiterführende Überlegungen, ohne dazu die Dritte Welt zu benötigen. In den Elendsbezirken englischer Städte verhungerten damals Kinder, weil es deren zu viele gab angesichts der geringen Einkommen ihrer Eltern, die keine Empfängnisverhütung betrieben und offensichtlich auch, soweit es die Männer betraf, von der „natürlichen“ Methode des coitus interruptus zu wenig Gebrauch machten. Als wären sie zu ungebildet, um den Zusammenhang von Überbevölkerung und Geschlechtsverkehr zu erkennen.

In vielen Ländern Afrikas und Asiens, wo die Wurzeln der heutigen Überbevölkerung und der damit verbundenen Armut liegen, mag – nach den Verhütungsverboten der christlichen Religionen – dank UNICEF & Co. noch so viel von Bildung und Emanzipation der Frauen die Rede sein -, allein die Denke und der traditionelle Zwang, nur viele Kinder würden die Alten ernähren können, verhindert jegliche Drosselung des Kinderreichtums. Eine Frau in Ruanda, die nicht mindestens 6 Kinder  geboren hat, gilt nichts in diesem und in anderen Ländern, wo es weder eine Kranken-, noch eine Altersversicherung gibt. Das Problem ist als nicht das ungezügelte Schnackseln, sondern die soziale Rückständigkeit.

P.S.: Als die Berliner Firma Schering 1961 mit ANOVLAR die erste Antibabypille auf den Markt brachte, hatte Ägypten nur halb so viele Einwohner wie heute. Nach dem in Sachen Geburtenplanung aufgeschlossenen Diktator Abdel Nasser, der den Einsatz von ANOVLAR erlaubt und Aufklärungsprogramm für die Frauen in den ägyptischen Städten gefördert hatte, wurde es – dank der traditionskonservativen Männer – still um das Thema Geburtendrosselung. Aber in Ägypten ist es vergleichsweise humaner in Sachen Altersversorgung als in anderen Ländern der Erde…

 

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