Monthly Archives: September 2013

Trittin trat ab – wer noch?

(hp) Fast so unerträglich wie vor der Wahl ist nach der Gründung der (west-) deutschen Einheitspartei  (Führung: Dr. A. Merkel) das mediale Gequatsche – bis hin zum heutigen Journalistenstammtisch der ARD. Kein politischer Aperitif am Berliner Marathonsonntag, eher ausgekühlter politischer Lindenblütentee, ungezuckert. Da kommt niemand ins Schwitzen. Da hätte ich mir lieber die x-te Würdigung des weltberühmten Literatur-Methusalems, den der liebe Gott jüngst zu sich erfugen hat, angeschaut. Selbstverständlich ohne Ton. Da ja stets das Eine gesagt wird: „Er hat die deutsche Literatur geliebt!“ Worauf schließlich alle professionellen Würdiger bei offenem Vorhang betroffen auf die Tischplatte schauen.
Ich hab mich heute während der überflüssigen ARD-Presseclubs eingelesen in ein interessantes Buch. Titel „Lieber Marcel – Briefe an Reich-Ranitzki“, DVA, 2. Auflage 2000, herausgegeben von Jochen Hieber, der sich bei Autoren und Rechteinhabern für die Abdruck-Genehmigung bedankt. Bevor Sie sich, lieber Leser,  durch die über 500 Seiten quälen, empfehle ich vorab die Briefe von Peter Bichsel und Maxim Biller. Den Rest an freundlichen, freundschaftlichen wie auch devoten, masochistisch intentierten, unappetitlich schleimerischen Schriftstellerbriefen können Sie getrost überfliegen. Insgesamt gewinnen Sie aber fabelhafte Einblicke in die Welt einer Literatur , die der Meister – um den Begriff Despot zu vermeiden -wie ein Dompteur im Griff hatte. Wem die Briefsammlung zu teuer ist, werde ich demnächst einen neuen Blog liefern. Für heute nur ein Appell an die noch lebenden Chefkritiker deutscher Literatur und dessen, was sich so nennt: Lasst keinen von euch zum Diktator und Untertanenzuchtmeister werden! Was Trittin & KonsortInnen angeht: Ich hätte da noch einige Namen anzubieten, außerhalb der Grünen. Demnächst in diesem Theater. Denn jetzt muß ich vors Haus, um mir weitere Marathonisten anzuschauen, die garantiert das Ziel verpassen werden. Ja, heute bin ich bös.

 

k

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Chemie-Exporte nach Syrien erst heute als gefährlich erkannt?

(silv) Deutsche Gutmenschen regen sich heute darüber auf, dass bis zuletzt Chemikalien mit Regierungsgenehmigung nach Syrien exportiert wurden. Wie heuchlerisch die Behauptung mancher Exporteure, man habe bis vor einigen Jahren nicht wissen können, dass in Syrien nicht nur Düngemittel und andere unproblematische Produkte hergestellt würden. Da fällt mir eine Bemerkung eines Managers der Schering AG aus den 1980er Jahren ein: Bei der Leitung der Chemikaliensparte des Konzerns (der 2006 an die Bayer AG verkauft wurde) war eine Bestellung eingegangen, die beim ersten Hinschauen Luftsprünge in der Spartenleitung ausgelöst haben würde. Zinnalkyle, die zur Herstellung von Antifoulingfarben zur Reinigung von Schiffsrümpfen nötig sind, sollten in großer Menge zu einem guten Preis in den Irak verkauft werden. Die Sparte, der es nicht besonders gut ging, wäre eine ganze Jahresproduktion losgeworden und hätte damit schwarze Zahlen schreiben können. Doch dazu kam es nicht. Das ökonomische Grundrezept ‚Geschäft ist Geschäft‘ wurde ohne große Diskussion außer Kraft gesetzt. Es war den Schering-Verantwortlichen verdächtig. Noch dazu sollte über bislang unbekannte deutsche Vermittlerfirmen geliefert werden. Schering lehnte die Bestellung ab. Weil man ahnte, dass die zyanidhaltige und deshalb hochtoxische Chemikalie nicht (nur) gegen den Muschelbefall von Schiffsrümpfen eingesetzt werden würde. Bleibt nur, sozusagen post mortem, dem damaligen Schering-Management ein Kompliment auszusprechen!

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Zeh & Co: Lachhaft, die USA zu rügen!

Sagen Sie, preisgekrönte Frau Zeh,
wussten Sie nicht, dass Deutschland
der 51. Bundesstaat der USA ist –
nicht theoretisch, sondern praktisch?!
Wussten Sie nicht, dass wir ein
Bruderstaat von Puerto Rico sind –
US-Absatzgebiet, aber ohne Stimmrecht?!
Weshalb protestierten Sie bei Mutti?
(Und das erst jetzt?)
Warum haben Sie nicht schon gestern
gegen den Schwachsinn und
gegen die Dummitäten protestiert,
die zollfrei und allseits bejubelt
in unsere Gesellschaft eingeflossen sind –
von unserer Kapitalistenregierung begrüßt,
da dank US-Klimbim und von allerlei Netzwerken
abgelenkte Bürger ihr Ego an der Ladenkasse
abgeben, ihre Sedierung
nicht erkennen und deshalb brav
und für die Macher ignorabel werden?!
Da ist es nur logisch,
dass wir auch zu akzetieren haben,
vollzeitlich belauscht zu werden.

 

(sv)

 

 

 

 

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Karstadt: Zerschlagung mit Schönheitsfehler

(hp) Die Karstadt-Torte wird aufgeschnitten, solange sie noch frisch ist: Investor Nicolas Berggruen, 2010 als Retter des Konzerns gefeiert und dafür von Ministerin von der Laien herzlich bedankt, verkaufte das Berliner KaDeWe, das Münchener Warenhaus Oberpollinger und das Hamburger Alsterhaus an einen noch jüngeren Investorenkollegen aus Tirol, der schon einige Schlagzeilen gemacht hat. Ein Jahr Haft auf Bewährung erhielt der 36-jährige Tiroler Immobilien-Karrierist in Wien in einem Korruptionsprozess. Dabei ging es um die illegale Beeinflussung örtlicher Politiker durch einen Benko-Berater. Das Urteil soll mittlerweile rechtskräftig geworden sein. 300 Mio. Euro habe der aktuelle Kaufhaus-Deal gekostet. Soweit nichts Ungewöhnliches in dieser Zeit.
Verkäufer Berggruen will die 300 Millionen angeblich in die Modernisierung verbliebener Karstadt-Wahrenhäuser stecken, was hoch an der Zeit ist. Denn von seinem Versprechen aus dem Jahr 2010, den Inhalt der Kaufhäuser auf Vordermann zu bringen, war bisher wenig zu bemerken. Auffälliger war da der Ausstieg aus der „Tarifbindung“ mit dem Ziel, künftigen Tariferhöhungen für die Mitarbeiter einen Riegel vorzuschieben. Das ist die eine Seite der Zukunft für das Personal. Die andere Seite der Medaille: Wie soll die Attraktivierung des Waren- und Serviceangebotes von Karstadt aussehen? Ein Beispiel: Die Berliner Karstadt-Häuser sind umzingelt von Billigkonkurrenten, allesamt zu großen Ketten gehörig. Wo sich z.B. bei H&M und Zara die Kunden drängeln, sind die Etagen bei Karstadt (vorm. Wertheim) gähnend leer. Da nützt es nichts, dass das Personal vergleichsweise chick gekleidet ist und mit gutem Benehmen aufwartet. Dazu kommt, dass der in rasantem Wachstum begriffene Online-Handel mit seiner Wirkung auf den der ortsfesten Warenhausfilialen noch nicht abschätzbar ist usw. Jedenfalls ist die Vermutung einer Berliner Zeitung, der Tiroler Investor wolle durch den spektakulären Kauf der Karstadt-Filetstücke seine persönliche Vorstrafe unkenntlich machen, eine vielleicht sogar gut gemeinte Fehlspekulation. Da hat offenbar ein TV-Journalist im schönen Land Tirol einen schönen Urlaub verbracht oder gar einen der prächtigen Empfänge bei Benko genossen…

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Alles Gute der Mutti zum Muttitag!

(hp) Über allen Wipfeln ist Ruh. Wie vor jeder Bundeswahl wurde von den Medien den Nicht-CDU/CSU-Parteien eine oder mehrere Klatschen verpasst, zum Teil aus deren eigener Schuld. Der geborene Bankierssohn Peer Steinbrück und aktueller SPD-Kandidat wurde zuletzt Opfer eines lächerlichen Fingerzeiges, der hochgespielt wurde – nicht nur von der Springer-Presse. Den Herrn Trittin holte die Jugendsünde unkontrollierter Toleranz während der Gründungsphase seiner Partei ein. Gregor Gysi, einer der wenigen aus der Gruppe der sieben Aufrechten, wurde – und dies ist das Erbärmlichste während der gesamten Vorwahlzeit – von jedermann auf erbärmliche Weise abgekanzelt oder ignoriert, als wäre er Honeckers Sekretär gewesen. Für eine Demokratie erscheint es mir skandalös, wie die SPD-Granden DIE LINKE ignorativ beschimpfen, als seien sie für die Todesschüsse an der Mauer direkt verantwortlich.
Die CDU ist gleichgeschaltet und hält sich folgsam an der Kittelschürze der Mutti fest. Altmaier bleibt brav hinterm Busch und Bosbach lächelt mit geschlossenen Lippen. Die aktuellen Sturgesteine der CDU, der granterlische Herr Schäuble und der immer bissiger und schmaläugiger werdende Faktionschef Kauder, vermeiden jegliche Stellungnahme zu SPD-Kritiken, worauf die Roten das während des im Wahlkampf kaum gezückte Oppositionsmesser resigniert weglegen und stattdessen Blumen an Wohnungstüren verteilen. Herr Brüderle darf poltern und als Koalitionsparasit um Zweitstimmen betteln. Ansonsten Schweigen im Walde. Bleibt also nur, sich auf die Umjubelungen der Beschwichtigungskanzlerin am Sonntag einzustellen.
Die Steuerbetrüger, Geldwäscher, Bänker und Spekulanten dürfen ihren Schampus einkühlen. Und die Hartz-Vierer, die dank Mutti nicht hungern müssen, können an der Ladenkasse ein Jägermeisterchen zusätzlich aufs Fließband legen…

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Schulrecht, Wahlpflicht: Wer definiert die Grenzen der Demokratie?

(silv) Darf man Nichtwähler beschimpfen? – Kollege Niedermayer nennt sie „demokratisches Gesindel“ und „Parasiten der Demokratie“, in der sie recht gut leben. Nach meinem jüngsten Besuch in meiner Stammkneipe, die von zwei jungen türkischen Frauen bewirtschaftet wird, stimme ich dem Kollegen nicht nur 78-prozentig zu, sondern zur Gänze. Denn da haben sich einige jugendliche Wahlberechtigte mit dem falschen Argument zu Wort gemeldet, ihr Kreuz auf dem Stimmzettel würde ja nichts ändern, deshalb müsse man auch nicht zur Wahl gehen. Schwachsinn, du stirbst nicht aus! Ich plädiere für eine gesetzlich festgeschriebene Wahlpflicht, ohne dies hier nicht weiter begründen zu müssen.

Genau umgekehrt verhält es sich mit dem Recht auf kostenlose Schulbildung. Der Begriff „Schulpflicht“ ist mir, seit ich in Berlin lebe, unsympathisch. Denn das „Recht“ auf Schulunterricht sei alles andere als eine Selbstverständlichkeit, sagt die junge deutsch-türkische Mamsell, die mir den Latte serviert. Ihre Vorfahren, väter- und vor allem mütterlicherseits, sind bzw. waren Analphabeten vom Lande, die ihren Kindern keine gute Zukunft ermöglichen konnten, worunter sie als Aufstocker und Hartz-4-Nutznießer leiden – in einer satten, zunehmend verludernden Gesellschaft, die sich Bürger leistet, die sich politisch passive Analphabeten erlaubt.

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