Monthly Archives: März 2012

Karl May und seine Neider: unappetitlich und armselig!

(hp) Da hat einer eine unbändige Phantasie, kann schreiben, Millionen Leser faszinieren, hat vielerlei, auch existentielle Schwierigkeiten überwunden, in seiner spießigen Heimat Hindernisse auf Indianerpfaden bewältigt und einen Doktortitel vor seinen Namen gesetzt. Solch ein Scharlatan, dieser Karl May, dieser Trickser. Offensichtlich muss auch der unbedeutendste Besserwisser aus der Feuilletonistenbranche an Wert und Würde dieses Erfolgsautors kratzen, um mitzuspielen im Dissonanzensumpf der posthumen Neider.

Bei SPIEGEL online lese ich heute eine „kritische“ Würdigung der Person Karl May, die eine gewisse Karin Seethaler verfasst hat: eine Entlarvung, fein recherchiert und als Report maskiert. Kein Wort über Karl Mays Bücher und ihre Wirkung auf Generationen begeisterter Leser. Ich vermute, dass Frau Seethaler keine Ahnung von diesem phänomenalen Werk hat und sich keine Gedanken über die Erzählerkraft Karl Mays gemacht hat. Ob sie je Faszination gespürt hat…

Gestern lud sogar der sonst so gut wie calvinistisch programmierte Sender rbb-Kulturradio zu einem Hörerstreit über „Winnetou und sein Image“. Sofort wurden Besserwisserinnen und -wisser, die sich über die persönlichen Missetaten der Person Karl May ausließen, bis ein gütiger Moderator die Sozialkiste öffnete und das s.g. Publikum wissen ließ, dass May aus armseligen Verhältnissen einer mehrkindrigen Weberfamilie stammte usf.

Es gab glücklicherweise Medien, die sich dem Phänomen des phantasiebegabten Autors anders näherten – ohne mit dem Zeigefinger selbstgefällig auf den Menschen Karl May zu zeigen.

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Ein gutes Titelfoto sagt alles

(hp) Es hat viele Jahre gedauert, bis sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung der chinesischen Weisheit, wonach manches Bild mehr sagt als tausend Worte, zur Illustrierung ihrer Titelseite entschlossen hat. Nach zaghaften Schwarz-Weiß-Versuchen ist nunmehr farbig, was die Seiten auflockert. Gemäß der chinesischen Weisheit zeigt die FAZ vom Montag in einem Schnappschuss von Frank Ossenbrink ein Farbfoto in wahrer  Tiefenschärfe: Es zeigt die saarländische Wahlsiegerin Annegret Kramp-Karrenbauer und den SPD-Langzeitkandidaten Heiko Maas bei einem halbherzigen Händedruck, wobei die beiden Personen in seltsamer Distanz zu-, besser: voneinander entfernt stehen.

Mama K. schaut ihren SPD-Vize an, während dieser an der Ministerpräsidentin vorbeiblickt. Das mag ein Zufall sein, ein Schnappschuss halt, doch auch der Händedruck der beiden ist nur eine Andeutung verlegener Verbindlichkeit. Ein FAZ-Titelfoto, das der Bildzeile „Miteinander?“ gar nicht bedurft hätte.

Ginge es nicht um die Spitzenpolitiker des merkwürdigerweise immer noch selbständigen Bundesländchens an der Saar, könnten man weiterführende Überlegungen anstellen. Im vorliegenden Fall ist es nicht bedeutungsvoll genug. Das Bild zeigt nur, was Verbindlichkeit in der Politik bedeutet. Mich erinnert es an eine zwangseheliche Szene, die ich als Gast einer türkischen Hochzeit erlebt habe. Nur dass es damals hinter Izmir auch noch Tränen der Braut gab. Die Frau Kramp-Karrenberger macht mir eher den Eindruck einer modernen Hausfrau, die ihrem Gegenüber nicht traut und ihm daher nur ihre spitzen Finger in die Hand drückt.

Dass sich die beiden nicht um den Hals fallen und Sympathie heucheln, wie wir es bei Mme. Merkel so oft erleben, tut hier trotzdem wohl.

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Daniela Schadt: Die neue First Lady könnte Anstöße geben

(hp) Ausschlaggebende Mitverursacher der stattlich angewachsenen bundesweiten Wurstigkeit gegenüber brennenden sozialen Problemen in unserem Lande sind  Journalisten. Frei nach Neil Postman („Wir amüsieren uns zu Tode!“) hat sich in fast allen Medien ein Infotainment breit gemacht, das nur mehr wenig mit engagiertem Journalismus zu tun hat. Ausnahme: Geld und Börse. Allseits herrscht Showtime in TV, Radio und in den Printmedien. Mag ein Thema noch so uninteressant sein – Beispiel „von Wulff zu Gauck“ -, es dominiert alles andere, wenn es der Medienmarkt will. Das Publikum will unterhalten und nicht mit Problemen belästigt werden. Ausnahme: vom bayerischen Finanzminister Söder, der das totale Rauchverbot auch auf bayerischen Ausflugsschiffen durchsetzen will, was einer gewissen Lächerlichkeit nicht entbehrt.

Dieses Durchs-Dorf-Treiben einer publikumswirksamen Frühlingssau (s.o.) wird Schlagzeilen produzieren, auch außerhalb des Freistaates. Von den Sorgen der „Arche„, die viele tausend unterversorgte Kinder betreut und füttert, weil deren  größtenteils „bildungsferne“ Eltern dazu entweder unfähig oder unwillig oder einfach nur desinteressiert sind (Arche-Chef und Pfarrer Büscher heute im Deutschlandfunk), liest man selten und meist gar nichts. Desillusionierte, vernachlässigte, verluderte Kinder werfen ja weder Molotow-Coctails oder Pflastersteine, sondern dulden eher im Dunklen oder auf dem Schulhof hinter dem Busch, um der Verspottung durch besser versorgte Mitschüler zu entgehen.

Der neue, noch wenig bekannte Oberbürgermeister der Bankenstadt Frankfurt am Main, Peter Feldmann, will nicht, dass „Vorstädte brennen“. Feldmann will den Fokus auf die Jugend richten und aktiv werden nach dem Erich-Kästner-Gebot „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“. Dies könnte doch, meine ich, eine Einladung an die Lebensgefährtin des neuen Bundespräsidenten sein, sich als Schutzherrin und Promotion Lady zu profilieren, während ihr Lebensgefährte (vorläufig noch) über Freiheit und Verantwortung predigt. Frau Daniela Schadt ist nämlich Journalistin und hoffentlich mit jenen journalistischen Tugenden vertraut, die sich insbesondere ums Soziale kümmern. Die Ausweitung der Sonntagsspaziergänge des Paares Schadt & Gauck in Berliner Kieze rund um den schönen Schöneberger Volkspark könnte gute Anstöße geben für die First Lady, der ich für ihr höchst notwendiges soziales Tun alles Gute wünsche. Ein schöner Nebeneffekt wäre die Ausweitung des sozialen Gedankens auf die Themen ihres Mannes. Dies hier nur grundsätzlich vermerkt, denn die Details liegen auf der Straße.

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Zugegauckt, sediert, frustverfressen

(hp) Früher, als die heutigen Opas noch nicht im Pflegeheim darbten, wehrten sich junge Leute gegen die Stasatsraison „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“. Heute, da die Jungen noch nicht in Pflegeheim vertrocknen und/oder wund liegen müssen, heißt die Staatsraison „Wir sind zuversichtlich“. Glücklicherweise gibt es nun Störenfriede dieser Zuversichts-Mentalität: die Piraten. So nennen sie sich  heute und sind eine zusammengewürfelte Truppe, der die etablierten Politiker nichts anderes entgegen bringen als Bemerkungen wie „chaotisch, unkoordiniert und vorübergehend“. Wenn sich die Etablierten nur nicht täuschen!

Wer noch die Zeiten erlebt hat, als ein Vorstandsdirektor als unmoralisch galt, wenn sein Gehalt mehr als die Lohnsumme von 40 (in W.: vierzig) Facharbeitern betrug, hat sich längst damit abgefunden, dass Vorstandsdirektoren außer ihrem bereits hohen Gehalt weitere – manchmal sogar höhere – Vergütungen und Erfolgsprämien (Boni) erhalten. Auch das höhere Management wird über das bereits hohe Gehalt belohnt, wenn eine Aktion oder das ganze Geschäftsjahr gut lief. Von Abfindungen in zuweilen astronomischer Höhen gar nicht zu reden. Ich dachte früher, ein Vorstand habe – dank seines an sich bereits hohen Gehalts – grundsätzlich die Aufgabe, eine möglichst gute Bilanz zu erzielen. Ein Gewinn sei dazu da, investiert zu werden und damit die Zukunftschancen des Unternehmens zu mehren. So war’s manchmal. Lang, lang ist’s her bei den meisten Großen.

Früher, so erinnere mich (noch außerhalb eines Pflegeheimes), war es eine Ehre, in den Aufsichtsrat eines Unternehmens berufen zu werden. Selbstverständlich gab es Aufwandsentschädigungen. Heute sind vielerorts ganze Aufsichtsratsgehälter üblich, parallel zur Vorstandspension. Das sind dann weitere Reiche, die zwischen Bürgersteig und Villa neue mannshohe Stauden pflanzen lassen. Okay, sagen Sie, nur keine Neiddebatte. Diagnosen sind eher gefragt. Gern.

Wie sehr das Gebot „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“ heute, wo außer einigen ver.di-Streiks nichts passiert in der Bundesrepublik, weiterhin Gültigkeit hat, ist an den Themen zu erkennen, die von der Politik dank trivialer Ablenkungen (Beispiel Wulff) auf Koma-Niveau gehalten werden: Leiharbeit, Pflege-Missstand, Präkariat, Bankenarroganz, an Korruption erinnerndes Abnicken von Freiheiten, die sich „die da oben“ nehmen, durch die Politik und vieles andere mehr.

Das Volk wird zwar nicht für dumm, aber für gesättigt, zufriedengestellt (nicht nur im Pflegeheim), sediert und damit berechenbar brav gehalten. Ein neuer Bundespräsident, beruflich Pfarrer und bisher (durchaus berechtigt) als Autorität begrüßt, beruhigt sedierend das Volk mit Appellen, die Freiheit zu verteidigen und Verantwortung zu übernehmen etc. Wunderbar besonders die pastorale Art des Gauckschen Vortrags. Ach so: Integration, ja, und Phantasie der Politik in Sachen Finanzausgleich inklusive. Wie interessant. Wirkungslose Kanzelreden habe ich aber noch nie gemocht.

Verstärkt durch die Medien erfolgt diese Massenberuhigung. Ein bissl Angst machen als Beruhigungsgewürz in feiner Dosierung vermeidet alibihalber das Gefühl des Eingeschläfertwerdens. Damit man nicht ganz wegschläft vor lauter Sedierung, haben die TV-Krimis anhaltend Hochsaison wie noch nie. Weil einheimische Massenware ausgeht, werden besonders düstere Brutalitäten aus Skandinavien dazugekauft. RD und ZDF, auch arte u.a. können sich’s leisten, wir zahlen ja verlässlich an die GEZ.

Ob sich die Piraten als politische Zündler und Aufwecker durchsetzen können, wird sich weisen. Heute noch belächelt, könnten sie die Szene aufmischen – auch wenn’s noch nicht so ausschaut. Der alte Wahlspruch Unzufriedener („Was lange gärt, wird endlich Wut!“) hat hierzulande noch keine aktuelle Gültigkeit. Viele unzufriedene Menschen, die sich mit ihrer Machtlosigkeit abfinden, fressen den Frust ‚runter. Die Fetten unter den Jungen nehmen zu. Außer bei der FPD. Da ist man noch schlank, weil der Frust ein anderer ist. Also lassen wir uns weiter eingaucken und bravmerkeln und tottratschen von Leuten wie Altmeier (CDU), Lanz, Gottschalk & Co. Für heute: Gute Nachtruhe im Pflegeheim und eine schöne neue Woche!

 

 

 

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Kleiner Nachtrag zu „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“

Von den vielen wohltuenden Reaktionen auf unser erfolgreiches Buch Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus von Gert J. Wlasich wird der Autor zu gegebener Zeit manche Anregung in eine (eventuelle) erweiterte Neuauflage übernehmen, die auch die unmittelbare Nachkriegszeit berücksichtigen wird. Aktuell geht es um einen Beitrag des Lesers Johann Stadler aus München, der sich „seit vielen Jahren mit den oberschlesischen Steinkohlerevieren“ beschäftigt. Stadler bezieht sich auf Wlasichs Darstellung „Jüdische Firmen unter Zwang: Schering kauft Scherk“ (Seite 88 f.) und bestätigt die Einstellung des Schering-Chefs Hans Berckemeyer und des Vorstandsdirektors der Schering-Kahlbaum AG, Weltzien. Stadler:

Schon vor der Reichstagswahl 1920 verlangte der damalige (Schering-)Aufsichtsratsvorsitzer Hans Berckemeyer in einem nüchternen Brief an Gustav Stresemann (Deutsche Volkspartei) eine klare Distanzierung von antisemitischen Zielen.

Herrn Stadlers Beitrag, für den der Verlag herzlich dankt, illustriert allerdings keine grundsätzlich „judenfreundliche“ Einstellung des Schering-Managers Berckemeyer, die sich auf das liberale Klima innerhalb des Unternehmens ausgewirkt hätte, sondern wohl ausschließlich den Gedanken des Bankiers Berckemeyer, vornehmlich begüterte jüdische Wähler würden der Partei von Nutzen sein. Stadler ist allerdings im Recht, wenn er sich auf Berckemeyers positiv zu bewertende Sturheit beruft, seinen jüdischen Kollegen im Aufsichtsrat, Hans Bie, trotz der Drohung der NSDAP, Schering als „jüdisches Unternehmen“ zu enteignen, an der Unternehmenspitze zu belassen (Seite 90 f.).

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Von Wulff bis Gauck – Klamauk!

(hp) Das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland hat so gut wie keine politischen Kompetenzen. Er ist – etwa im Gegensatz zu seinem österreichischen Amtskollegen Fischer – nicht einmal Oberbefehlshaber des Heeres. Er darf nur, falls so etwas passieren sollte, Gesetze missbilligen und zur Umarbeitung an die Regierenden zurück delegieren. Die Fülle an Machtlosigkeiten haben die Alliierten in Erinnerung an die bösen Zeiten der Hitler-Diktatur den Neubeginnern nach 1945 befohlen. Und die Väter des Grundgesetzes haben sich verständlicherweise gefügt.

Nun erlebten wir die ratenweise Zerlegung des Christian W. durch die sogenannte 4. Gewalt. Niemand litt mit dem Ehepaar W., ausgenommen Altmayer, ein Willi Wichtig der CDU. Pfarrer Hinze verteidigte W. in den Tratschrunden Jauch & Co. Sodann der FDP-Coup, der das Volk königlich amüsierte. Das war’s. Pfarrer Gauck, der Wulff-Nachfolger, hielt „die beste Rede, die ich je im Bundestag erlebt habe“ (SPD-Chef Gabriel), obwohl sie zwangsweise nichts Besonderes enthielt. Endlich Ruhe rund ums Bellevue.

Das Volk war solcherart abgelenkt, sodass im Parlament Stillstand herrschen konnte. Lappalien wie die künftige Flensburger Punktierung verdampften rasch. Des Gesundheitsministers Vorschläge, die Krankenkassen mit zarter Hand an die Kandare zu nehmen, wurden abgeschmettert. Die Familienministerin legte, außer in Talkrunden, eine wohltuende Pause ein. Dann endlich etwas Dramatisches: Schlecker. Die vom Provinzler Schlecker aus den USA übernommene Vertriebsidee, auch mit uninteressantem Angebot großen Umsatz zu machen, wenn an jeder Hausecke in jedem Kaff des Landes eine Filiale existiert, ging nicht auf. Jetzt müssen die jahrelang kurz gehaltenen Mitarbeiterinnen auf Staatskosten ernährt werden, bis sie in andere, wahrscheinlich „prekäre“ Arbeitsverhältnisse übernommen werden. Man darf gespannt sein, wie die aufgelassenen Räumlichkeiten der geschlossenen Filialen verscherbelt werden.

Was darüber hinaus wichtig ist, erfährt der brave Bürger, der vornehmlich seine Ruhe haben will, nebenbei: Wie krank es macht, unter „prekären“ Verhältnissen leben zu müssen, erfahren wir aus der „Apotheken-Rundschau“. Das Leiharbeit-Unwesen bleibt uninteressant, sofern man nicht betroffen ist. Und die Trauer über den tragisch verlaufenen Bus-Unfall war auch nur eine Zweitagesfliege. Derweil spazieren neugierige Berliner Rentner am Schloss Bellevue vorbei und lassen ihren Sumpfdackeln die Freiheit, sich zu entleeren. Stolz auf unsere Demokratie sollen wir sein, sprach der Präsident nach seiner Wahl. Wenn ich nächstens meinem „Motz“-Verkäufer begegne („Hast ’nen Euro für einen Obdachlosen?“), werde ich an die Worte Gaucks denken. Versprochen!

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Ach ja, Ellas Hirschhodengulasch…

(hp) Sie wissen noch nicht, weshalb eine Einladung der Jägerswitwe Ella B. für den reifen Mann, der vor seinem Burn-out stand, wertvoller war als jede Gala in einem Drei-Sterne-Restaurant?  – Hier die Antwort:

Ella, die Kundige, die Köchin mit Herz, der weibliche Inbegriff gepflegter Fleischeslust, hatte stets ein Herz für Männer in Nöten. Wer ihr sympathisch war, dem servierte sie – je nach Jagdsaison – ihr köstliches Gulyas, volkstümlich Gulasch genannt. Und während dazu nach jedem Kochbuch der Welt Rinds- oder für das Szegediner Gulaschrezept auch Schwein in gabelgemäßen Würfeln für die deftige Speise verwendet werden sol, mischte Ella, die jüngst leider mit 88 Jahren entschlafene Jägerswitwe gut und kundig marinierte Hodenstücke von starken Hirschen in die delikate Speise. Als Beilage servierte sie Nockerl und zwar nicht die italienische Variante aus Kartoffelteig, sondern die altsteirische Fassung aus veredeltem Strudelteig. – Zweimal hintereinander Ellas Gulasch, und der gestresste Mannwar wieder fit. Also: Wenn Sie demnächst in der heimischen Jagdsaison auf dem Lande unterwegs sind, erkundigen Sie sich ohne jede Schüchternheit, in welchem Bauerngasthaus noch Hirschhodengulasch angeboten wird. Dieser Tipp ist übrigens honorarfrei.

 

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Der Eiergreifer – ein vergessener Nebenberuf

(hp) So weit ist es schon gekommen. Der Begriff ist sogar bei Wikipedia nur im Bedeutungszusammenhang mit den Hoden anzutreffen. Dabei handelte es sich beim Eier greifen um eine ehrenhafte Tätigkeit, die in der vorösterlichen Zeit Hauptsaison hatte. Worum ging’s?

Bevor uns die Massentierhaltung/Abteilung Huhn Geflügelfleisch und Hühnereier als Billigware bescherte, war die Hühnerhaltung auch in kleinen Haushalten – nicht nur auf dem Land – an der Tagesordnung. Nicht nur auf dem Bauernhof,

Ein alter Osterbrauch...

Noch nicht vergessen: alter Osterbrauch...

sondern beispielsweise auch in Bergmannsfamilien. Im Ruhrgebiet hat heute noch die Taubenzucht Tradition. Diese begabten Tiere, von bösartigen Städtern und Venedigbesuchern gern als Ratten mit Flügeln bezeichnet und von Georg Kreisler selig sogar mit Vergiftung bedroht, gelten, falls weissgefiedrig, als Friedens- und Heiliger-Geist-Symbol. Zurück vom ebenerdigen Federvieh:

Brave Legehühner pflegen extra zur Ei-Ablage ein verstecktes Plätzchen in- oder  außerhalb ihres Stammplatzes im Stall das Freien aufzusuchen und dort ihr wunderbares Geschäft zu vollbringen. Da liegt dann ein frisch gelegtes, hühnerwarmes Frühstücksei in großer Gefahr: Es muß ja nicht gerade ein Fuchs oder ein pfiffiges Raubtier als der Familie Marder sein, der das Ei  zerrbricht und den Inhalt ausschlürft.

Der rührige Hühnerhalter tut also gut daran,  den Freiraum für freilaufendes Geflügel zu begrenzen, damit ihm die Eier seiner Legehühner nicht verloren gehen. Dort, wo dies nicht möglich ist, ist der Eiergreifer gefragt. Was der mit den Hühnern macht? – Er geht in aller Herrgottsfrüh in den Stall,  möglichst vor dem Hahnenschrei, nimmt sich eine Henne nach der anderen von der Stange und legt dem jeweiligen Tier seine Hand an den Unterbauch und drückt ein wenig nach. Sensible Eiergreifer spüren sofort, ob sie dabei auf etwas Hartes drücken, unsensible müssen dieses feeling erst lernen. Hennen mit leicht verhärtetem Bauch werden – wie ungerecht ist doch diese Welt! – in den extra abgegrenzten Legebereich gesperrt. Der sensible Eiergreifer wirft noch eine Handvoll frisches Heu daneben oder direkt auf das Huhn, damit die Atmosphäre der Eigeburt für die kurzfristige Hühnermama möglichst angenehm wird.

Der Besitzer/die Besitzerin der Hühner, der/die zu dieser Zeit noch schlafen dürfte, kann nach seinem Frühstück in aller Ruhe die frische „Ernte“ einfahren und, falls sensibel, der Legehenne dankend über den Kopf streicheln, bevor das Tier zu den anderen auf den Hof laufen darf. Und weshalb erzähle ich dies hier?

Nach Gerd Joachims Lesung aus seinem Roman „Es liegt noch Gold im Halensee“ (6. März im Berliner Café Berio) sprach ein älterer Herr den Autor an und warf ihm vor, er habe in seinem Buch den steirischen Eiergreifer Franz vergessen, der aus reiner Freundschaft mit der geilen Geli (Seite 35 im Buch), die in Wirklichkeit Angela Schrittwieser hieß, die frühmorgendliche Dienstleistung abnahm. Bei einem Sherry schlossen der Beschwerdeführer und der Autor Frieden. Joachim versprach, den Eiergreifer Franz in einer seiner nächsten Geschichten über das Leben in der Steiermark einfühlsam zu würdigen.

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Gottschalk: Geht’s noch trivialer?

Nein. Es reicht. Da bildet sich die ARD ein, Gottschalk an alles ranzulassen, was bequatschbar ist. Der heutige Gast Nr. 1 war Hans Küng, der streitbare Theologieprofessor, dem ein Papst seinerzeit die Lehrerlaubnis entzog. Küng schrieb ein faszinierendes Buch mit dem Titel „Jesus“, das es durch Pseudo-Regierungssprecher Thomas Gummibären-Gottschalk  zu promoten galt. Der 83-jährige Küng ließ mit sich daher alles machen, er antwortete brav auf die dümmsten Fragen und Anbiederungen, zog keine Magenfalte, wenn sich der Talkmaster in allerlei Binsen- und andere Plaudereien verlor, dumme Witzchen inklusive.Wer erwartet hatte, dass es um Küngs Definition seines „Jesus“ gehen würde, um den Zugang der Heutigen zu Jesus, der ging leer aus.

Mit lauter Stimme dominierte G. nach bewährter Manier die Sendung, und natürlich forderte er von Professor Küngin ganz anderer Sache ein aufmerksamkeitsheischendes Urteil: Publikumsgeilerweise ging es darum, vom Professor eine Meinung zum Thema „Schwuler Schützenkönig“ rauszupressen. Wie sicherlich vorab abgesprochen, erklärte Küng, in den heutigen Zeiten sei das wohl kein Thema mehr. Daraufhin durfte Rudi Völler, der zweite Gast, seinerseits noch damit kokettieren, die Namen schwuler Fußballer nennen zu können, wenn dies gewollt sein. Was natürlich in hinterfotziger Falschheit, geschmalzt mit Gottschalks Jung-Opa-Charme, abgebügelt wurde. Nach dem ARD-Wetter noch ein Wortfetzchen darüber, wer wohl deutscher Fußballmeister werden würde. Dann endlioch Schluss der peinlichen Show.

P.S. Hinter der Gottschalk-Villa in Kalifornien beginnt wenige hundert Meilen nordöstlich das Death Valley, eine der edelsten Wüsten auf der Nordhalbkugel…

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Herzliche Gratulation, Professor Bracher, zum 90.!

(hp) Als „Thukydides vom Rhein“ würdigt die heutige FAZ den deutschen Historiker Karl Dietrich Bracher zu Recht. Wer den Namen Thukydides noch nie gehört haben sollte: Der Mann war einer der bedeutendsten antiken Geschichtsschreiber und nicht wie sein Namensvetter ein Militär. Die Darstellung des Peloponnesischen Krieges durch den Historiker zählt bis heute zu den großartigsten Zeitdokumenten. T. lebte im 5. vorchristlichen Jahrhundert, als es in Hellas drauf und drunter ging, insbesondere voller Spannungen zwischen der Seemacht Athen und der Landmacht Sparta.

Professor Bracher, der nicht nur vor fünf Jahrzehnten (z.B. SPIEGEL-Affäre) ein gefragter Meinungskonkurrent innerhalb seiner Kollegenschaft war, zeichnet sich durch viele hervorragende Eigenschaften aus, auf die hier nicht eingegangen werden muß. Ich bin nur einigen seiner Darstellungen und Analysen dankbar, die ich für mein Buch „Es liegt noch Gold im Halensee“ nutzen konnte, um etwa in der politisch heiklen Angelegenheit „Willy Brandt vermasselt 1959 ein vertrauliches Gespräch mit Nikita Chruschtschow“ (Halensee-Buchseite 162 f.), worunter der Österreicher Bruno Kreisky, späterer Bundeskanzler, laut seiner eigenen Darstellung jahrelang litt, richtig zu liegen. Immerhin hätte es, behaupte ich – zwischen zwei Stühlen als nicht Betroffener – nicht zum 1961er Bau der Berliner Mauer kommen müssen… – Doch dies ist nicht das Thema dieses Blogs. Nur noch als Rat für Leser, die an exzellenter deutscher Zeithistorie interessiert sind: Lesen Sie nach bei Bracher und vergessen Sie nicht seine Analysen zum Beispiel in den „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“. Sie können nur gewinnen.

Titelseite "Es liegt noch Gold im Halensee"

Es liegt noch Gold im Halensee

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