Monthly Archives: November 2011

„Wachset und vermehret euch!“

So drastisch hätte ich’s nicht gesagt. Aber im Grunde hat Silvia Recht. Nicht die schwedische Königin, sondern eine meiner (wenigen) Lieblingsfeindinnen, die den Mund nicht erst hinterher, sondern rechtzeitig aufmacht, wenn sie was juckt. Zur Zeit glüht sie wieder vor Empörung.

Meinen selbst gefertigten Mohnstrudel vergaß sie zu loben, weil sie ein Thema allzu stark beschäftigt: der Klimagipfel und die Stellungnahme des Vatikan. Jeder weiß, dass in Durban (Südafrika) nichts herauskommen wird, solange die USA keine Emissionsbeschränkungsmaßnahmen unterschreiben. Mit Recht wehren sich die „Schwellenländer“ (Brasilien, China , Indien) deren Industrie sich in rasendem Aufbau befindet, gegen eine prophylaktische Einschränkung ihres CO2-Ausstoßes. Und was macht der Vatikan?

Jeder einigermaßen vernünftige Menschen auf diesem Erdkreis weiß, dass das Umweltproblem Nr. 1 unseres Planeten die Überbevölkerung ist. Den Hauptbeitrag zu dieser Überbevölkerung lieferten die Kirchen, allen voran die katholische. Die rasante Zunahme der Weltbevölkerung begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Silvia erinnert sich, dass noch vor der offiziellen Einführung der sogenannten Antibabypille in Ägypten unter der Präsidentschaft von General Abdel Nasser Konferenzen zur Eindämmung der Geburtenexplosion speziell in den Entwicklungsländern stattfanden. Damals war auch die Berliner Firma Schering AG aufgrund ihrer Kompetenz in Sachen Empfängnisverhütung und Selbstbestimmung der Frau als Beraterin eingeladen. Weil sich auch die ägyptischen Geistlichen Oberhäupter, bekanntlich keine Katholiken, einverstanden erklärten, wurden in ganz Ägypten Beratungszentren für jene Familien eingerichtet, die ihre Kinderzahl nicht weiter steigern wollten. Bedauerlicherweise fielen die meisten dieser Pro-Familia-ähnlichen Einrichtungen späteren Sparmaßnahmen zum Opfer. Ähnlich wie im damaligen Ägypten zeigten auch kompetente Regierungsstellen in anderen Ländern Interesse, speziell in Asien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) förderte einige der Musterprojekte und speziell die Ausbildung von einheimischen Beraterinnen. Soweit, so gut.

Als Schering 1961 die erste Pille, Anovlar, speziell für Familien einführte, die die Zahl ihrer Kinder nicht ungewollt zu vergrößern suchten, hub von den Kanzeln – logischerweise zuerst in Deutschland (wer erinnert sich nicht an die Predigten von Kardinal Höffner zu Köln am Rhein!) – ein hysterisches Untergangszenario der Sexualmoral an. Und als dann noch bekannt wurde, dass in der Chinesischen Volksrepublik Eltern, die mehr als ein Kind „erzeugten“, von staatswegen bestraft wurden, verkümmerte das Thema einer globalen Familienplanung durch die Politik. Soweit ein kleiner Ausflug in die jüngere Geschichte. Die Ablehnung jeglicher Familienplanung durch die katholischen Kirche, die seit jeher um ein Absinken der Zahl ihrer Gotteskinder besorgt war und ist, erlebte mit Papst Paul VI. („Pillen-Paula“) ihren Höhepunkt. Aber als mit dem Club fo Rome (1972) erstmals ein besorgniserregendes Zukunftsszenario dargestellt wurde, das die Auswirkungen nicht nur der weltweiten Industialisierung sondern auch der wachsenden Überbevölkerung veranschaulichte, hob ein Lamento an: Bewahret die Schöpfung! Mit in den vordersten Reihen der eifrigen Bewahrer stand, was sonst, die katholische Kirche.

Die Zahl der Gottes- und anderen Kinder nahm in den vergangenen 60 Jahren enorm zu. Und wenn heute auch die Chinesen, Brasilianer oder die reichen Inder industriell tätig oder gar zu Autofahrern werden und damit das Klima zusätzlich belasten, weiß der Vatikan nur eine Empfehlung an die mehreren tausen Teilnehmer des südafrikanischen Weltklima-Gipfels: Man möge engagiert der Klimakatastrophe entgegenwirken.

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Carl Clauberg wurde nicht über Nacht Verbrecher!

Ab wann ist ein Forscher ein Verbrecher? – Kein Thema für einen Fünf-Uhr-Tee, möchte man meinen. Im Fall des Gynäkologen Carl Clauberg, den ich in „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ nur kurz erwähne, konnte ich aber nicht ausweichen. Wollte ich auch gar nicht. Mein Abwehrargument, ich hätte mich bewusst nur mit den Berliner Standorten der Schering AG beschäftigt und firmenexterne Forscher wie Clauberg nur genannt, um mich keiner Unterschlagung schuldig zu machen, wurde von meinen Tee-Gästen nicht akzeptiert. Also raus mit der Sprache:

Den Frauenarzt Carl Clauberg kennt man aus der Literatur wegen der Verbrechen, die er während der NS-Zeit beging. Der Hauptvorwurf: Clauberg benutzte in den Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau gefangene Frauen für „Sterilisationsversuche“ im Interesse und unter dem Schutz der SS. Es blieb nicht bei den geplanten operationslosen Zwangssterilisierungen ohne „Bauchaufschneiden“, wie es damals in der schulmedizinischen Frauenheilkunde hieß. Es gab auch Todesfälle unter den Opfern. Die meisten überlebenden jüdischen Frauen entgingen zwar dem für sie vorgesehenen Tod durch Vergasung, doch litten sie wohl ihr Leben lang darunter, dass sie unfruchtbar gemacht worden waren. Soweit auch die Hauptanklage gegen Clauberg, der noch vor der Eröffnung seines Gerichtsverfahrens in der Untersuchungshaft am 9. August 1957 das Zeitliche segnete.

Das Unvermeidliche bei der Betrachtung der Person Claubergs ist unsere subjektive Abscheu auch vor den Methoden biologischer Forschung, die „Nutzung“ von Versuchspersonen während der sog. klinischen Phase, die nach erfolgreichen Experimenten an Tieren den nächsten Schritt darstellt – hin zur Entwicklung etwa eines Arzneimittels. Wenn hier ein objektiver Maßstab angebracht ist, muss (auch) der heutige Betrachter sachlich und ohne erhobenem Zeigefinger feststellen, dass Clauberg und andere klinische Wissenschaftler medizinisch lege artis, d.h. nach anerkannten Regeln, vorgingen. Im konkreten Fall ging es um die Dosisfindung und die spätere chemische Darstellung des Gelbkörperhormons (Progesteron), das neben dem Estrogen im Körper der Frau die Fruchtbarkeit steuert und damit eine Schwangerschaft ermöglicht. Zu diesem Thema referierte und publizierte Carl Clauberg lange vor der Nazizeit vielbeachtet im In- und Ausland. Die Schering-Forschung, der gerade mit dem Göttinger Chemiker Adolf Butenandt die chemische Darstellung des Estrogens (1929) gelungen war, lud Clauberg als einen von mehreren externen klinischen Gynäkologen ein, an der Progesteron-Entwicklung mitzuarbeiten. Clauberg war damals Arzt an der Universitäts-Frauenklinik in Kiel.

1931 begann in der überwiegend sexualfeindlichen, also stockkonservativen deutschen Gynokologie die Fachdiskussion über Sterilisation – zwei Jahre vor Ausbruch der Nazizeit. Clauberg, an allem Neuen interessiert, wollte nicht abseits stehen. Als nach der „Machtübernahme“ die „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zum Thema gemacht wurde, stand er ebenfalls nicht abseits. Was für das Verhalten Scherings spricht: Als Clauberg vorschlug, das Estrogen „Progynon“ dahingehend zu testen, ob es auch – im Prinzip wie die moderne „Pille“ – durch Überdosierung für die Empfängnisverhütung geeignet sei, protestierte der Schering-Forschungsleiter Walter Schoeller und forderte Clauberg auf, von jeglicher das Progynon-Präparat betreffender Publikation Abstand zu nehmen. Ob Prof. Schoeller mit dem Entzug der Forschungsbeihilfe drohte, ist nicht überliefert.

Spätestens an dieser Stelle erscheint es mir nötig, die bescheiden betitelte Arbeit „Carl Clauberg, ein biographischer Hinweis“ des Arztes Dr. Helmut Grosch in „Endokrinologie-Informationen – Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie“, Heft 2/1985, für eine ausführliche Lektüre zu empfehlen: Hier finden interessierte Leserinnen und Leser auch fundierte Angaben darüber, wo überall Clauberg mit seinen – damals noch – seriösen Forschungsvorhaben abgeblitzt ist, bevor er sich bei Himmler andiente und in KZs tätig wurde und unter grauenhaften Begleitumständen verbrecherische Zwangssterilisierungen vornahm und an Mitarbeiter delegierte.

Gegenüber Schering in Berlin gab er sich während der ganzen Zeit als Chefarzt zweier konfessioneller Frauenkliniken und Inhaber einer Privatpraxis mit Labor in der Stadt Königshütte/Oberschlesien aus. Position und Adresse entsprachen den Tatsachen. Eine andere Postanschrift hatte Schering nicht.

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De mortuis nihil nisi bene?

„Über Tote soll nur Gutes gesagt werden.“ –  Mit dieser aus dem Lateinischen stammenden Redewendung wollte mir „mein“ kritischer Leser Jens Hoffmann in meiner jüngsten Buchvorstellung in Dortmund einen Strick drehen. Er warf mir vor, den Wissenschaftler Adolf Butenandt (1903–1995, Nobelpreis 1939) „ungeschoren“ gelassen zu haben. Ob ich ein Exponent der Max-Planck-Gesellschaft oder gar Nutznießer einer Subvention dieser Einrichtung sei?

Jens Hoffmann ist kein Historiker, sondern Leser der Wochenzeitung DIE ZEIT. Einen Ausschnitt aus diesem seriösen Organ zitierte Hoffmann genüsslich und legte Wert darauf, Butenandts von mehreren Wissenschaftshistorikern angezweifeltes Wohlverhalten nach der 1936 erfolgten Berufung zum Chef des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biochemie in Berlin-Dahlem erörtern bzw. zerlegen zu wollen. Erst als einige Zuhörer aufbegehrten, sie seien zu einer Buchvorstellung und nicht zu einer wissenschaftskritischen Diskussionsveranstaltung gekommen, ließ Jens Hoffmann von seinem Begehr ab.

Titelseite von "Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus"

Gert J. Wlasich: Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus, ISBN 978-3-9814203-1-9

Mit meiner Erklärung beim anschließenden Kräutertee, in meinem Buch „Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus“ sei Butenandt sehr wohl genannt, allerdings nur als genialer Chemiker, der in Zusammenarbeit mit der Schering-Hormonforschung die Steroid-(Sexual-) Hormone isoliert und damit die preisgünstige chemische Produktion dieser Stoffe – bis zur Entwicklung der sog. Pille (1961) ausschließlich Therapeutika – ermöglicht hat. Diese Arbeiten waren 1936 abgeschlossen. Die Arzneimittel waren auf dem Markt, und die Arbeitsbeziehung zwischen Schering (Berlin) und Butenandt (Göttingen und Danzig) war damit zu Ende. Nach diesen Arbeiten, zu denen der junge Butenandt übrigens von seinem Göttinger Lehrer und Doktorvater Adolf Windaus (Nobelpreis für die Erforschung des Vitamin D) ermuntert worden war, widmete er sich einer Reihe völlig anderer Themen der Grundlagenforschung; außerdem knüpfte er neue Kontakte, zum Beispiel mit der Darmstädter Firma Merck. Butenandts Forschungen ab 1936 waren für die Schering AG nicht mehr interessant. Selbstverständlich hielten die Schering-Forscher mit ihm und seinem Forschungsteam weiterhin persönlichen Kontakt. Immerhin war er auch Honorarprofessor an der Berliner Universität und innerhalb der wissenschaftlichen Gesellschaften und Vereine in aller Welt ein gefragter Gast und Partner.

Portraitfotografie von Adolf Butenandt

Adolf Butenandt isolierte für Schering ab 1929 Steroidhormone

Kein anderer deutscher Wissenschaftler wurde mit derart vielen Auszeichnungen, Ehrendoktoraten (16), Ehrenmitgliedschaften usw. überhäuft wie Adolf Butenandt, der 1956 Direktor der Max-Planck-Gesellschaft wurde. Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft während der NS-Zeit, die in den 1990er Jahren eingeleitet wurde, wurde selbstverständlich auch Butenandt „durchleuchtet“. Im Gegensatz zu etlichen seiner früheren Instituts-Kollegen und deren Mitarbeitern (v. Verschuer, Mengele u.a.) fanden die Historiker nichts Belastendes. Die Hauptkritik richtete sich gegen sein Verhalten in der Nachkriegszeit, als er direkt und indirekt mithalf, ehemaligen Tätern und Schreibtischtätern „Persilscheine“ auszustellen.

Der Kräutertee in Dortmund war ausgetrunken. Bevor Jens Hoffmann seinen ZEIT-Artikel brieftaschengerecht faltete, bat ich ihn, mir das Erscheinungsdatum zu zeigen: Ausgabe 5/2000. Damals war gerade das Buch „Die Augen von Auschwitz“ von Ernst Klee erschienen, ein erschütterndes Werk, das zwar nicht allzu viel bisher Unbekanntes bot, aber – das macht ja Klees Bücher aus – weitaus seriöser und gleichzeitig plastischer als manches andere dieses Genres. Und fern der altrömischen Devise „De mortuis nihil nisi bene“.

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Es ist die Sehnsucht nach Führer und Ordnung

Zwickau, Zwickau. Robert Schumanns Geburts- und des Trabi Sterbeort in allen Nachrichten. Nur weil die Mörder dort wohnten, unauffällig – wie sonst, und sogar von ihrem Vermieter als ruhig und freundlich geschätzt. Und dann, abgesehen von der Kritik an Verfassungsschutzämtern, öffentliche Scham allerorts: Bundestag, Bundesrat, Staatspräsident usw. Zwickau. Nichts ist so austauschbar wie dieser Topos. Ein Städtename, der beliebigerweise auch Jena, Wunsiedel, Berlin, Rostock oder Lüneburg heissen könnte.

Im Deutschlandfunk spricht der Büroleiter der größten türkischen Tageszeitung (deren Namen ich hier vermeiden möchte) und hebt, nicht ohne Genugtuung, den Zeigefinger. In den neutürkischen Gegenden des Ruhrgebietes saugt man, wie mir meine Freundin Kader erzählt, die amtliche bundesdeutsche Scham gierig auf,  und die Leute dort wissen nun, dass es Nazis waren, die ihre Landsleute umbrachten und nicht „gewöhnliche“ Verbrecher, die halt überall auf der Welt Leute umbringen.

Kader wundert sich, dass über die Wurzeln des Nazi-Rassismus kaum geredet wird, sondern ausschließlich über den Verfassungsschutz, seine Praktiken, seine V-Mann-Politik. Weshalb, fragt die junge Türkin, sind keine verantwortlichen  Verfassungsschutzbeamten zu sehen, nur ihr sympathisch dreinblickender Chef und dessen oberster Chef, den man sich nicht einmal als bayerischen Erbonkel wünscht mit dem Bravblick hinter der Brille. Kader versteht das Prinzip eines Geheimdienstes nicht, auch weil sie selten fernsieht.

Es sind die heimat-, richtungs-, hoffnungslosen jungen Männer, die ihre Gegenwart schon in ihrer jugendlichen Vergangenheit verbraucht und ihre Zukunft schon heute demoliert haben und nun für „stärkere“ Ideen offen sind, die ihnen aus der eigenen Hoffnungslosigkeit, nichts verändern zu können, ohnmächtig zu sein, Ideen, die sich – angeblich – bereits in der (nicht selber erlebten) Vergangenheit bewährt haben. Damals, als noch Ordnung herrschte, als das Blut noch sauber war. Als noch einer da war, zu dem man aufschauen konnte. Als noch Ordnung herrschte. Und Zucht, und als man Sündenböcke noch „ausschalten“ konnte.

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Nicht schlecht, der Precht!

Neben den vielen philosophischen Raunzern, Warnern, Jammersusen, Gesundheitshumoristen und sogenannten Comediens ragt unter  den ernst zu nehmenden Figuren der vergleichsweise junge Richard David Precht wie ein Edelstein heraus. Da ist ein hochbegabter Mensch mit stechenden Augen und deutlichen Ansagen. Precht behauptet, erklärt, polemisiert wie andere auch – nur: Wie er das tut und wie eindrucksvoll klar er beweist, wenn es etwas zu beweisen gibt, das ist fabelhaft (wie es Reich-Ranitzki formulieren würde). Er muss nicht witzig sein, er hat Witz. Precht beschwört nicht, das hat er nicht nötig. Er macht kein Gedöns, wenn er entlarvt. Er seziert, nennt die Dinge und die Undinge beim Namen. Seine Bücher sind erfolgreich – was sonst. Bleibt die Empfehlung, ihm zuzuhören. Und die Hoffnung, dass er nicht verbraten wird in der Medienszene der Dampf- und Besserwisserei.

 

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Die neue Blüte der Germanophobie

Nicht nur in Frankreich lebt die Germanophobie auf. Das hat nichts mit der Vergangenheit zu tun, sondern mit den aktuellen ökonomischen Zuständen. Am deutschen Wesen sollte schon einmal die (ganze) Welt genesen; heute ist’s glücklicherweise eine Frage der Finanzdisziplin und der Widerspenstigkeit der deutschen Politik, nicht länger Reibebaum und Tränenkrug jener Regierungen zu sein, die ihren Staat, vor allem ihren Staatshaushalt, nicht in Ordnung hielten und sich wie die Mittelmeerstaaten incl. Portugal schamlos verschuldet haben.

Die Heuchlerei, von einer „Staatengemeinschaft“ und von der „Euro-Familie“ zu reden und in Sachen Lebensqualität jahrzehntelang unterernährte Länder, die mit EU-Mitteln aufgepäppelt wurden (zu allererst Irland), brüderlich um umarmen, rächt sich. Die offensichtlich aus einer saisonalen Laune entstandenen EU-Regeln und -Verträge waren von Anfang an lückenhaft. Die Kontrolle der millionenschweren EU-Aufbauhilfen, die ausschließlich den ohnehin schon Begüterten  zugute kamen, war von Anfang an schlampig. Allein die meisten „Projekte“, die mit EU-Zuschüssen in Spanien realisiert wurden, ergeben eine Palette teurer Fehlinvestitionen, von denen wir hierzulande gelegentlich in Beiträgen von „Auslandsjournalen“ hörten. Kurze Empörung, dann wieder dezente Ruhe. Weil man ja nichts anstellen wollte: Immerhin waren es überwiegend deutsche und sonstig nördlichere Unternehmer, die dran verdienten. Von den Banken gar nicht zu reden.

Nun quält sich die Kanzlerin mit der krampfhaft gespielten Geduld von Tag zu Tag mit dem Nein zu den sog. Eurobonds. Von den deutschen Unternehmern, die halt mit ein wenig Zinsen rechnen müssten, hört man zurzeit nichts. Kommentare liest man nur in der ganzen Bandbreite von Jasagern bis zu sturen Ablehnern aus der Journalisten- und Uni-Szenerie.

Bleibt zu hoffen, dass die Deutschen in Brüssel mit ihrer Forderung, vor der (garantierten) Einführung der Eurobonds müssten die anderen Regierungen ihre Finanz- und Steuerstruktur in Ordnung bringen, bald  Erfolg haben. Denn den Streikenden in den südlichen  Ländern, die berechtigterweise um den Erhalt ihres Lebensstandards besorgt sind, wird – siehe Griechenland – von ihren eigenen Politikern zunehmend eingetrichtert, die bösen Deutschen wollten, wie kurzfristig schon einmal, Europa diktieren. Anstatt ihre eigenen Politiker, die nach wie vor Korruption und Steuerhinterziehung zulassen bzw. sogar dazu anregen, zum Teufel zu jagen.

Die einheimischen Unternehmer, dies nur nebenbei, warten gierig auf die Eurobonds. Denn  für sie sind Spanien, Italien etc. zuvörderst keine Länder, sondern Märkte. Und die dortigen Bewohner aller Klassen sind erst mal keine Menschen, sondern Kunden. Und die sollen einkaufen können, was uns nützt.  Bevor die Chinesen – aber das kennen Sie ja schon…

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Die „German Desease“ expandiert

Um den zu niedrigen Blutdruck, der laut britischer Arroganz diesen Namen trägt, weil nur die Deutschen das Phänomen als Krankheit empfinden, geht es hier nicht. In Zeiten wie diesen breitet sich die „Deutsche Krankheit“ weit über die medizinische Sphäre aus. Die Angst um unseren Wohlstand wächst von Tag zu Tag. Therapeutische Sprüche wie der heutige von Hans-Werner Sinn, IfO-Institut München, der deutschen Wirtschaft gehe es „vergleichsweise gut“, werden eher als kurzfristige Beruhigungspille verstanden. Immerhin verunsicherten uns die Medien wochenlang damit, dass die deutsche Wirtschaft im 4. Quartal nur mehr um ein halbes Prozent „wachsen“ werde. Gerade heute, frei nach Sinn, heißt es wieder, der Geschäftsklima-Index sei im Steigen begriffen. Da soll noch einer seine Angst vor der Sintflut verlieren…

Zurzeit befinden wir uns im ständigen Wechselbad, jedoch nicht nach Pfarrer Kneipp. Denn wir werden nicht gesünder und optimistischer, sondern immer verunsicherter. Es soll Leute geben, die sich vor der Routine der „heute“-Sendungen fürchten und auf die „heute show“ und ihren Schnellschuss-Moderator Oliver Welke hoffen. Womit ein weiterer Aspekt der „Deutschen Krankheit“ angesprochen sei: das permanente Gefühl der Unsicherheit. Nirgendwo sonst auf der Welt ängstigt man sich über alles und jedes, was theoretisch oder praktisch schädlich sein könnte. Kaum ein Nahrungsmittel, vor dem nicht gewarnt würde, es könnte eine Allergie auslösen oder in Kombination mit einem anderen Nahrungsmittel oder zur falschen Tageszeit und so weiter. Kaum ein Aroma, das nicht irgend etwas Unerwünschtes mit sich bringen könnte, kaum ein Kunststoff, der nicht irgend ein Gift enthielte…

Dazu der Hang, vor dem sogar Franz Kafka, der Düstere, warnte, es könnte eher etwas Unangenehmes passieren als etwas Angenehmes. Daraus rekrutiert hierzulande, zumindest nördlich der Alpen, eine Ängstlichkeit etwa vor Behörden, vor Aufsichts- und anderen Personen und Ämtern, die eigentlich für uns da sind und nicht wir für sie.

Haben Sie schon einmal beobachtet, wie Südländer in ihrer Heimat mit Autoritäten umgehen? – Verglichen mit hiesigen Provinzbewohnern, die vor jedem „Ehrengast“ buckeln, auch wenn es nur ein Landrat oder ein Abgeordneter ist, geht es anderswo – und nicht nur nördlich des Mittelmeeres – lockerer zu als bei uns. Angstfrei. Und ohne Bückling.

Wir sollten uns emanzipieren. Und Emotion sowie Aggression in zivilisiertem Maß auch nach außen pflegen, anstatt sie zu Hause zu praktizieren: muffelig, ängstlich, ungemütlich, bis hin zur Depression. Nehmen wir uns ein Beispiel an Kindern, möglichst an pubertierenden, die dabei sind, anerzogene Fesseln zu sprengen und gelegentlich auch „Leckt mich doch alle!“ rufen – zumindest so lange, bis auch sie eingequetscht werden in unsere autoritätshörige Gesellschaft.

Locker, bitte. Werden Sie lockerer. Aber nicht nach dem Motto „Hinter uns die Sintflut!“, wie es die Politiker tun. Schließlich noch das Amen für jene Wohlhabenden, die Tag und Nacht um ihre Euros  zittern: „Ihre Angst vor dem plötzlichen Hungertod ist unbegründet!“

 

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Oliver Welke – Nothelfer und Hofnarr des ZDF!

Kennen Sie Oliver Welke, den flotten Sportjournalisten, der zurzeit und hoffentlich bis zu seinem Burn-out zum wahrlich Besten gehört, was die deutsche Kabarettistenszene aufzubieten hat. Was die betulich-staatstragenden „heute“-Sendungen des ZDF und die gleichartigen ARD-Magazine nicht können oder dürfen, bringt Welke in seiner „heute show“, der freitäglichen Perle des Programms, auf den Punkt. Jüngst lieferte er sein Meisterstück.

Halten wir fest: Die Sitzredakteure der Sender, die Agenturschnipsler, -nachbeter und Ersatz-Regierungssprecher hinter Telepromptern sind samt ihren Chefredakteuren offenbar immer weniger in der Lage oder willens, Dinge beim Namen zu nennen oder Erklärungsbedürftiges knapp  und prompt zu erklären. Jüngstes Hilfsmittel, und dies nicht nur bei komplizierteren Themen wie Schuldenkrise, Eurobonds usw.: Der Zuschauer wird auf die Webseiten der Sendungen verwiesen: „Auf heute.de finden Sie..!“ Weil ja jede(r) zu Hause einen gerade eingeschalteten PC stehen hat.

Welkes „heute show“ verweist nicht, sondern bringt. Prompt, kurz, witzig. Aber nicht nur, dass er bringt, sondern wie er’s bringt, ist schlicht großartig. Da steckt Grips dahinter und eine Schnellsprechbegabung der köstlichen Art. Gab es im „heute Journal“ am Freitag lahme, bereits bekannte, abgegriffene Statements und Verlautbarungen zum Thema Verfassungsschutz-„Pannen“, so knallten Welke, „Hassknecht“ und Kollegen Fakten und Schlussfolgerungen wenige Minuten später unzensuriert ins Fernsehvolk. Glücklicherweise wurde auf den herumstotternden Pullundermann verzichtet, ebenso auf die Statistik-Tussi, sondern schoss das Pulver direkt gegen die Glotze. Wunderbar!

Welke & Team verdienen höchste Anerkennung. Und weiterhin Narrenfreiheit. Wenn auch nur als Feigenblatt im staatstragenden ZDF. Hoffentlich gibt es keinen zweiten Roland Koch in Lauerstellung, der oder die seine oder ihre Kettensäge ölt. Dass der thüringischen Ministerpräsidentin ein Rhetorik-Training wirklich gut täte, wusste man schon lange vor ihrem blamablen Auftritt in den „Tagesthemen“, an dem sich  Scharfzüngler Welke so trefflich vergriffen hat.

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Preußenjahr 2012: Lesen Sie Haffner!

Glaubt man den Verlagsankündigungen, wird 2012 ein Preußenjahr. Denn 300 Jahre nach der Geburt des Großen Friedrich II wird es sich kein einschlägiger Autor entgehen lassen, seinen Senf auf das preußische Tableau zu streichen. Man darf gespannt sein, was aus der Ikone Fridericus Rex gemacht werden wird.

Als gebürtiger Süddeutscher werde ich mich in dieser Angelegenheit vernünftigerweise zurückhalten. Die Herrscherfiguren der Wittelsbacher sind mir für meine laufende Arbeit weitaus näher als die Interpretationsversuche von Kollegen, von denen einige es nicht verkraften, dass der Journalist Sebastian Haffner vor Jahrzehnten mit seinen Darstellungen bereits weit ausgeholt hat in Sachen Preußen, Herrscher und Kanzler (Bismarck) bis hin zu Preußen-Identität und Mentalität. Am brisantesten schien mir und scheint mir bis heute der rote Faden von Friedrich II über Bismarck bis Hitler – weniger personenbezogen, sondern was Denke, Disziplin, Diplomatie und räuberische Politik angeht.

F., erster Diener seines Staates

Friedrich II., erster Diener seines Staates

Sehr interessieren wird mich, wie jüdische Autoren jüngerer Denkungsart Friedrich beurteilen werden. Denn dass das immer wieder zitierte „Jeder nach seiner Façon“ eindeutig abgegriffen und für die breite Bevölkerung reine Theorie geblieben ist, wissen wir zur Genüge. Insbesondere der Antisemitismus, der im Preußen Friedrichs Staatsraison war, wurde bislang noch nie seriös austariert:

Dass sich der Herrscher weigerte, den großen Moses Mendelssohn in die Akademie aufzunehmen, angeblich nur deshalb, weil Mendelssohn Jude war, reicht mir nicht aus. Die Historiker, die sich mit der katholischen Antisemitin Maria Theresia beschäftigten, waren hinsichtlich der österreichisch-ungarischen Landesmutter weniger zurückhaltend. Bekannt ist, dass sie zwar von Juden Geld lieh und wegen der kriegerischen Spitzbübereien Friedrich des II. oft genug Geld leihen musste, nach Vertragsabschluss mit den jeweiligen jüdischen Kreditgebern ihr Händchen allerdings nur hinter einer dunklen Wolldecke reichte, um den Geldverleiher ja nicht sehen zu müssen. Bekannt ist auch, dass sie als Königin von Ungarn und Böhmen von Juden bewohnte Kaffs abfackeln ließ, aus Wut über die widerspenstigen dortigen Juden, die keine Kriegssteuer zahlen wollten.

Von Friedrich II ist in der causa Abfackeln eigentlich nur bekannt, dass er „katholische Dörfer“ an der Oder abbrennen ließ, was sogar sein Marschall, der alte Dessauer, in seinen Memoiren als verbrecherische Untat des Herrschers geißelte. Ansonsten gibt es wenig über die „dunkle“ Seite des Preußenherrschers, dem – von seinen Frechheiten (Diebstahl Schlesiens u.a.m.) abgesehen – natürlich viel Huld und viel Ehr‘ gebühren.

Der SPIEGEL nahm sich des bevorstehenden Preußen-Jubiläums bereits in einer ausgewogenen Titelstory an.

Haffner - immer empfehlenswert!

Haffner - immer empfehlenswert!

Andere Publikationen werden folgen. Man darf gespannt sein. Für Unbeleckte, deren Zahl von Tag zu Tag wächst: Sebastian Haffner ist immer ein Gewinn, auch wenn er nicht immer schmecken mag! H.-P.Eis

P.S. Das rbb Kulturradio, feinsinniger Förderer des Absatzes feinsinniger CDs, hat für die laufende Woche ein neues Produkt als „CD der Woche“ gekürt: Flötenkonzerte des Kompositeurs Friedrich II. und komponierender Verwandtschaft…

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„Nazi-Canaillen“ wie Clauberg bleiben aktuell!

Samstags lasse ich es mir nicht nehmen, für Freunde zu kochen, die nach altsteirischer Sitte ein gepflegtes Mittagessen zur konventionellen Mittagszeit zu schätzen wissen und um diese Zeit nicht mehr ihren Wochenstress im Bett austrudeln. Ein idealer Kochbegleiter ist Ingo Kahle mit seiner Inforadio-Sendung „12 Uhr 22 bei Ingo Kahle“. Am letzten Samstag hatte er den Journalisten und Buchautor Hans-Joachim Lang zu Gast. Thema der Sendung war Langs jüngstes Buch über die Frauen im Block 10 im KZ Auschwitz. „Den Frauen ein Denkmal setzen“ war die ehrenhafte Absicht Langs. Gastgeber Kahle förderte zwar nur längst Bekanntes aus Lang zu Tage, aber das in einer Art und Weise, wie sie heutzutage selten geworden ist im Gesinnungsjournalismus.

Bei Lang ging es um das mörderische „Wirken“  der KZ-Ärzte Clauberg und Schumann und deren Zwangssterilisierungen und um die heute noch lebenden Opfer der beiden „Canaillen“, also um Frauen jenseits der neunzig. Ehrenhaft, wie Lang recherchierte. Veraltete oder falsche Klischees, wie sie immer noch in hingeschluderten Publikationen karrieregeiler Trittbrett-Autoren heruntergeraspelt werden, vermied dieser Autor dankenswerterweise.

Das Thema „Verbrechen  der Nationalsozialisten“, das ganze Bibliotheken in aller Welt füllt, wird immer aktuell bleiben, solange es Bibliotheken gibt. Da tut es gut, Seriöses zu lesen – egal, aus welchem Blickwinkel ein Autor sein Thema beleuchtet.

„Es ist wie mit Deinen Semmelknödeln“, kommentierte meine Lieblingsfeindin Ilse nach dem gestandenermaßen bescheidenen Mahl (Tiroler G’röstel mit Sauerkraut) schmeichlerisch, „mit oder ohne Schinkenwürfeln schmecken sie immer gut“. Sie hatte Ingo Kahle mit angehört, während sie das Büschel Petersilie und eine kleine Zwiebel hackte. Ihr sei er nicht besonders sympathisch, allerdings nur seiner Betroffenheitsstimme wegen. Die Themen der Samstagssendung findet sie meist gut gewählt. Das aktuelle passte jedenfalls gut als Ouverture zum Trauersonntag…

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