Monthly Archives: Oktober 2011

Fundamentalisten wollen Schwulenbiografie verbieten!

US-amerikanische Sektierer drohen mit Anwalt: „Jüdisch und schwul geht nicht!“ – Makabre Situation für Berliner Kleinverlag

Unglaublich, aber wahr: Zehn Jahre nach dem Tod des amerikanischen Homosexuellen Rudolph S. bäumt sich eine Gruppe orthodoxer jüdischer Bürger aus Los Angeles auf gegen einige Passagen in der im Sommer in deutscher Sprache erschienenen Romanbiografie „Es liegt noch Gold im Halensee“ (Verlag Kalwang & Eis). Der Autor Gerd Joachim habe einem braven Mitglied einer Kultusgemeinde posthum Böses angetan und das Image eines untadeligen Mitbürgers und damit den Ruf der ganzen Gruppe geschädigt. So der Vorwurf. Ein Anwalt werde demnächst im Verlag aufkreuzen und einen Gerichtsbeschluss (!) vorlegen…

Rudi (r.) und Carl in Los Angeles

Worum es geht: Der über 70 Jahre alte Rudi, der auch im Buch so heißt, erzählt freimütig von seiner Flucht aus dem Konzentrationslager Buchenwald und von seiner Emigration in die USA. Locker erwähnt er, dass er sich gegenüber einem Maschinisten als Bettgefährte hingeben musste, um sich die Überfahrt zu verdienen. In New York – so steht es wie auch alles andere ungeschminkt und unmanipuliert im „Halensee“-Buch – habe sich Rudi in einer amerikanischen Zeitschriftenredaktion als Journalist versucht, sei aber mangels seiner Sprachkenntnisse gescheitert und nach Los Angeles übergesiedelt, wo er dank der Intimbeziehung mit einem Angestellten der Los Angeles Times einen Job erhielt, bis er schließlich in einem jüdischen Altersheim in Venice Beach als Hausmeister eine Stelle fand. Dort konnte er unter den kargen Bedingungen der Nachkriegszeit seine Bedürfnisse als „gay“ recht sorglos befriedigen usw.

Dem Leser des „Halensee“-Buches sind alle Details bekannt, die hier nicht näher ausgeführt werden müssen. Es gibt in Gerd Joachims Schreibe gerade im Zusammenhang mit seinen Schilderungen über Rudi S., der übrigens aus Breslau stammte, nichts Pornografisches oder sonstig Anstößiges.

Titelseite "Es liegt noch Gold im Halensee"

Gerd Joachims beanstandeter Roman

Als Lektor „made in Berlin“ war ich offenbar zu großzügig bei der Durchsicht des Manuskripts. Dass eine Passage über eine Affäre Carls mit einem prächtigen Mann aus dem Iran, der heute noch ein edles Erscheinungsbild abgibt, wenn er von der Technischen Hochschule in sein Café am Savignyplatz spaziert, wegen einer während des Druckvorgangs erfolgten Drohung (sowas gibt’s!) gelöscht, im Text also „geweißt“ werden musste, weil ein neuer Umbruch die Herstellung des Buches enorm verteuert hätte, mussten wir hinnehmen. Und unsere bisherigen Leser haben Verständnis gezeigt. Aber dass die freimütigen Erinnerungen des Breslauer Juden Rudi S. so viel Wind machen würden, hätten wir nicht erwartet. Nun ja: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Also schlucken wir. Hoffentlich schlagen noch einige Interessenten zu. Das Buch „Es liegt noch Gold im Halensee“ gibt es immer noch, auch bei amazon.de. Ebenso lauern immer noch die vom damals 82-jährigen Carl 2006 in einem Anflug von Demenz in das mittlerweile stark abgekühlte Gewässer am westlichen Ende des Kurfürstendamms geworfene Goldbarren auf mutige (hoffentlich gut ausgerüstete!) Taucher.

H.-P. Eis

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Gelassenheit nach Tyrannenmord?

Heuchlerischer Jubel über die Beseitigung Gadaffis – die die neuen „Macher“ dies- und jenseits des Mittelmeeres warten doch längst in den Startlöchern.

Oberst Gadaffi ist tot. Mubarak und Konsorten sind weg vom Fenster der Macht. Weitere dürften folgen. Der einheimische Boulevard zeigt abschreckende Fotos zur Frühstückslektüre. Davon, wie es nun den jeweiligen Völkern geht, steht nichts in der Presse. Jubelnde libyische Protestler, die später Aufständische oder Rebellen genannt wurden, sind allenthalben auf dem Bildschirm zu sehen. Demnächst werden sich, vor wohlpostierter Kamera, europäische Militärs und Politiker an Krankenbetten der Lazarette und Kliniken (soweit sie dieser Bezeichnung gerecht werden) filmen lassen, Mitleid versteuend und schöne Worte loslassend (die der besuchte Patient ohnehin nicht versteht, weil er nur im Arabischen zu Hause ist!). Vielleicht ist gelegentlich, weil CNN, ARD und andere ihre Teams sowieso vor Ort haben, etwas aus der Provinz, aus dem „Landesinneren“ zu sehen. Kaum ein Sender wird sich intensiver mit der Situation der einfachen Leute beschäftigen, ist zu vermuten. Und sollte ein schweres Erdbeben an einem Ort ausbrechen, wo man mit Fernsehkamera oder Handy an die zerstörten Häuser gelangen kann, wird es vorbei sein mit der sozial intentierten Schilderung aus den vom jeweiligen Tyrannen befreiten Land.

Ein  lieber Bekannter aus Assuan, der in Kairo Betriebswirtschaft studiert hat und  gemeinsam mit seinem beinamputierten Vater für Touristen ägyptische Hemden und Flatterhosen schneiderte, hat mich wissen lassen, dass sein kleines Straßengeschäft seit dem plötzlichen Ausbleiben der Touristen nicht mehr läuft. Die alte Singer-Nähmaschine wird er wohl verkaufen müssen – an einen vergleichsweise begüterten Nachbarn, der nicht wie Ahmet in Kairo demonstriert und dabei einen Schuss in den Rücken abbekommen hat, sondern gemütlich sein Geschäft als Dromedarverkäufer betreibt wie seine Vorfahren.

Ahmets Vater steht auf der Warteliste des klerikalen Krankenhauses der Großstadt Assuan. Das nötige Geld für die geplante Operation fehlt noch. Aber die Familie ist zuversichtlich: Jetzt werde sich bald etwas ändern – auch im bisher nur unzureichend funktionierenden staatlichen Sozialsystem. Ahmets befristeter Job als Kamelmarkthelfer sei dank eines Büchleins mit Gedichten des Mystikers Rumi (von dem übrigens auch Leute wie Johann Wolfgang Goethe stiebitzten) leichter erträglich als ohne.

Vermutlich wird es mit der Verbesserung der Menschen im Maghreb um ein Vielfaches länger dauern als mit der (Wieder-)Intensivierung der großen Geschäfte zwischen den Politikern und Managern Europas etc. und den einheimischen Großhändlern und Firmen. Und zum Sozialen: Gespannt darf man sein, wie sich Aussagen à la Westerwelle, Deutschland werde beim Wiederaufbau helfen, erfüllen werden, sobald das getrocknete Blut von den zerstörten Gemäuern in Libyiens Provinzstädten abblättert…

 

Kamelmarkt in Ägypten

Achmets derzeitiger Job

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Die Geschichte geht weiter (1)

Die Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet die Unternehmenskultur in den Berliner Werken der Schering AG in der Zeit des Nationalsozialismus.

Für einen Ergänzungsband, der seinen Schwerpunkt bei den anderen Werken setzt, sucht der Autor Gert J. Wlasich Berichte von Zeitzeugen, die in den Jahren 1933 bis 1945 an Standorten des Unternehmens außerhalb Berlins beschäftigt waren. Bitte wenden Sie sich schriftlich oder per E-Mail an den Verlag.

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Gesucht oder gefunden: neue(r) Führer für Libyen?

Vom Euro- und Schuldendebakel aus dem Blickfeld gedrängt: Was wächst im Maghreb nach? – Aktuell nach dem Ende Gadaffis: Wie entstehen Führer, wie werden Führer gemacht?

In der „Euro-Zone“ jagt vor dem kommenden, angeblich entscheidenden Sonntag eine Expertenmeinung die nächste. Drei Ökonomen – fünf Meinungen. Man kennt das von den Historikern. Wie schön, dass wir nun den fiskalisch-politischen Schwelbrand kurzfristig vergessen und uns der nordafrikanischen Szene zuwerden können. Dort werden zurzeit in fast allen Ländern zwischen Marokko und Syrien (das natürlich nicht zu Nordafrika zählt) neue Führer geboren oder umgetauft. Ein Blick auf den von Loki Schmidt erwähnten Gustave Le Bon mag sich für jene Leser lohnen, die immer schon wissen wollten, wie ein „Führer“ entsteht. Kommentarlos sei hier ein kurzer Ausschnitt aus Le Bons epochemachender Studie „Die Psychologie der Massen“ (1895) wiedergegeben:

„§ 1 Die Führer der Massen

Sobald eine gewisse Anzahl lebender Wesen vereinigt ist, einerlei, ob eine Herde Tiere oder eine Menschenmenge, unterstellen sie sich unwillkürlich einem Oberhaupt, d. h. einem Führer.

In den menschlichen Massen spielt der Führer eine hervorragende Rolle. Sein Wille ist der Kern, um den sich die Anschauungen bilden und ausgleichen. Die Masse ist eine Herde, die sich ohne Hirten nicht zu helfen weiß.

Sehr oft war der Führer zuerst ein Geführter, der selbst von der Idee hypnotisiert war, deren Apostel er später wurde. Sie hat ihn so sehr erfüllt, daß neben ihr alles verschwand und daß ihm nun jede gegenteilige Anschauung als Irrtum und Aberglaube erscheint. So z. B. Robespierre, der von seinen wunderlichen Ideen so hypnotisiert war, daß er sich zu ihrer Verbreitung der Mittel der Inquisition bediente.

Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und könnten auch nicht anders sein, da der Scharfblick im allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit fiihrt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns befinden. So abge­schmackt auch die verfochtene Idee oder das verfolgte Ziel sein mag, gegen ihre Überzeugung wird alle Logik zunichte. Verachtung und Verfolgung stört sie nicht oder erregt sie nur noch mehr. Persönliches Interesse, Familie, alles wird geopfert. Sogar der Selbsterhaltungstrieb ist bei ihnen ausgeschaltet, und zwar in solchem Maße, daß die einzige Belohnung, die sie oft anstreben, das Martyrium ist. Die Stärke ihres Glaubens verleiht ihren Worten eine große suggestive Macht. Die Menge hört immer auf den Menschen, der über einen starken Willen verfügt. Die in der Masse vereinigten Einzelnen verlieren allen Willen und wenden sich instinktiv dem zu, der ihn besitzt.

An Führern hat es den Völkern nie gefehlt, aber sie besitzen nicht alle die starken Überzeugungen, die den Apostel machen. Oft sind es geschickte Redner, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen und durch Schmeicheln niedriger Instinkte zu überreden suchen. Der Einfluß, den‘ sie ausüben, bleibt stets nur äußerlich. Die großen Überzeugten, die die Massenseele erhoben haben, wie Pe­ter von Amiens, Luther, Savonarola, die Revolutionsmän­ner, begeisterten erst, nachdem sie selbst durch einen Glauben begeistert waren. Dann freilich konnten sie in den Seelen jene furchtbare Macht erzeugen, die Glaube heißt und den Menschen zum völligen Sklaven seines Traumes macht.

Glauben erwecken, sei es religiöser, politischer oder sozialer Glaube, Glaube an eine Person oder an eine Idee, das ist die besondere Rolle des großen Führers. Von allen Kräften, die der Menschheit zur Verfügung stehen, war der Glaube stets eine der bedeutendsten, und mit Recht schreibt ihm das Evangelium die Macht zu, Berge zu versetzen. Dem Menschen einen Glauben schenken, heißt seine Kraft verzehnfachen. Die großen geschichtlichen Ereignisse wurden oft von unbekannten Gläubigen verwirklicht, die nichts als ihren Glauben besaßen. Nicht die Gelehrten und Philosophen, vor allem nicht die Skeptiker, haben die großen Religionen geschaffen, die die Welt und die riesigen Reiche, die sich von der einen Erdhälfte bis zur andern erstreckten, beherrscht haben.

Doch solche Beispiele passen nur für die großen Führer, und die sind so selten, daß die Geschichte ihre Zahl leicht feststellen könnte. Sie bilden den Gipfel einer absteigenden Reihe, von den Führernaturen angefangen bis hinunter zum Arbeiter, der in einer rauchigen Kneipe seine Genossen nach und nach begeistert, indem er fortwährend ein paar kaum verstandene Redensarten wiederholt, die nach seiner Meinung alle Träume und Hoffnungen verwirklichen würden.

In allen sozialen Schichten, von der höchsten bis zur niedrigsten, gerät der Mensch, sobald er nicht mehr alleinsteht, leicht unter die Herrschaft eines Führers. Die meisten Menschen, besonders in den Massen des Volkes, haben von nichts außerhalb ihres Berufsfaches eine klare und richtige Vorstellung. Sie sind nicht imstande, sich selbst zu leiten; so dient ihnen der Führer als Wegweiser. Er kann zur Not, aber nur sehr unzureichend, durch Zeitungen ersetzt werden, die ihren Lesern Meinungen anfertigen und Redensarten bieten, welche alles Denken ersparen.

Die Herrschaft der Führer ist äußerst gewaltsam und verdankt nur dieser Gewalt ihre Geltung. Man kann oft erleben, wie leicht sie sich in unruhigsten Arbeiterschichten Gehorsam verschaffen, ohne ein anderes Mittel als ihr Ansehen anzuwenden. Sie bestimmen die Zahl der Arbeitsstunden, die Lohntarife, beschließen die Streiks, lassen sie zu einer bestimmten Stunde beginnen und enden.

Heute haben es die Führer darauf abgesehen, nach und nach die öffentlichen Gewalten zu ersetzen, soweit man sie erörtern und schwächen kann. Durch ihre Gewaltherrschaft erreichen diese neuen Herren, daß die Massen ihnen viel leichter folgen als irgendeiner Regierung. Verschwindet durch einen Zufall der Führer und ist nicht sofort Ersatz da, so wird die Masse wieder eine Menge ohne Zusammenhang und Widerstandskraft. Während eines Streiks der Pariser Omnibusangestellten genügte die Verhaftung der beiden Anführer, die ihn leiteten, um ihm sofort ein Ende zu bereiten. Nicht das Freiheitsbedürfnis, sondern der Diensteifer herrscht stets in der Massenseele. Ihr Drang, zu gehorchen, ist so groß, daß sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn erklärt, instinktiv unterordnen.

Innerhalb der Klasse der Führer lässt sich eine ziemlich scharfe Einteilung vornehmen. Zu der einen Art gehören die energischen, willensstarken, aber nicht ausdauernden Menschen; zur andern, viel selteneren, die Menschen mit einem starken, ausdauernden Willen. Die ersteren sind heftig, tapfer, kühn. Sie taugen besonders dazu, einen Handstreich durchzuführen, die Massen trotz der Gefahr mitzureißen und die jungen Rekruten in Helden zu verwandeln. So waren z. B. im ersten Kaiserreich Ney und Murat. So war auch noch zu unserer Zeit Garibaldi, ein talentloser, aber energischer Abenteurer, dem es gelang, mit einer Handvoll Menschen sich des ehemaligen Königreichs Neapel zu bemächtigen, obwohl es von einem regelrechten Heer verteidigt wurde.

Aber wenn die Energie solcher Führer auch gewaltig ist, so ist sie doch nur vorübergehend und überdauert kaum den Aufschwung, den sie erzeugten. Sind die Helden in den Strom des gewöhnlichen Lebens zurückgetaucht, so geben sie, die früher so feurig waren, Beweise von erstaunlicher Schwäche. Sie scheinen unfähig zum Nachdenken und können sich in den einfachsten Verhältnissen nicht zurechtfinden, nachdem sie doch vorher die andern so gut zu leiten verstanden. Diese Führer können ihre Aufgabe nur dann erfüllen, wenn sie selbst unausgesetzt geführt und angetrieben werden, stets einen Menschen oder eine Idee über sich fühlen und genauen Verhaltungsregeln folgen müssen.

Die zweite Führerklasse, die der Menschen mit ausdauerndem Willen, übt trotz ihres weniger glänzenden Auftretens einen viel bedeutenderen Einfluß aus. Zu ihnen gehören die wahren Begründer von Religionen oder großen Werken: Paulus, Mohammed, Kolumbus, Lesseps. Mögen sie intelligent, beschränkt oder unbedeutend sein, stets wird die Welt für sie eintreten. Der beharrliche Wille, den sie besitzen, ist eine unendlich seltene und unendlich mächtige Eigenschaft, die sich alles unterwirft. Man ist sich nicht immer klar genug darüber, was ein starker und stetiger Wille vermag. Nichts widersteht ihm, weder die Natur noch die Götter noch die Menschen.

Das jüngste Beispiel hat uns der berühmte Ingenieur* gegeben, der zwei Erdteile voneinander trennte und den Versuch durchführte, den dreitausend Jahre hindurch die größten Herrscher vergeblich unternommen hatten. Er arbeitete später an einem gleichartigen Unternehmen, aber dann war er alt, und im Alter erlischt alles, auch der Wille.

Um die Macht des Willens zu beweisen, braucht man nur die Geschichte der Schwierigkeiten, die bei dem Durchstich des Suezkanals zu überwinden waren, mit allen Einzelheiten zu erzählen. Ein Augenzeuge, Doktor Cazalis, hat die Ausführung dieses Riesenwerkes in einige ergreifende Zeilen zusammengefaßt, wie sie dessen unsterblicher Urheber schilderte. »Er erzählte Tag für Tag, in einzelnen Abschnitten das Gedicht vom Kanal. Er erzählte von allem,‘ was er zu überwinden hatte, von allem Unmöglichen, das er möglich gemacht hatte, von allen Widerständen, den Bündnissen gegen ihn, den Bitterkeiten, Unfällen, Schlappen, die ihn aber nie entmutigen und lähmen konnten; er dachte an England, das ihn bekämpfte, ihn unablässig angriff, erinnerte an Ägypten und Frankreich, die zögerten, an den französischen Konsul, der sich mehr als die andern den ersten Arbeiten widersetzte, und wie man sich ihm entgegenstellte, indem man die Arbeiter durch den Durst zu beeinflussen suchte und ihnen das Trinkwasser verweigerte; dann sprach er vom Marineministerium und von den Ingenieuren, von all den ernsten, erfahrenen Kennern ihrer Wissenschaft, die naturgemäß alle feindlich gesinnt und theoretisch von dem Fehlschlag überzeugt waren, den sie berechneten und in Aussicht stellten, wie man eine Sonnenfinsternis für einen bestimmten Tag oder eine bestimmte Stunde voraussagt.« Das Buch, in dem das Leben all dieser großen Führer zu schildern wäre, würde nicht viele Namen enthalten, aber diese Namen standen an der Spitze der wichtigsten Ereignisse der Kultur und Geschichte.“

P.S. Als vor x Jahren der junge Oberst Gadaffi in allen Zeitungen und Illustrierten abgebildet war, schwärmte unsere Bürodienerin (sowas gab es damals noch!): „So ein fescher Kerl. Von dem wird man noch viel hören und lesen.“ Las man auch, wenn’s auch nichts Erotisches war, weshalb die yellow press den libyschen Oberst auch nur mehr ganz selten druckte…

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Verwirrung schützt vor Wahrheit

Hannelore („Loki“) Schmidt, des Altkanzlers  langjährige Ehefrau, wurde in einem ihrer letzten Interviews nach den wichtigsten Büchern ihres Lebens gefragt. Als zweites nannte sie Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“, erschienen 1895. Meine Freundin, nicht halb so alt wie Loki Schmidt zum Zeitpunkt dieses Interviews, nickte lächelnd und zog dieses Buch (Kröner Verlag) aus ihrem Regal und betrachtete mein überraschtes Gesicht. Ich gestehe, Le Bon bis damals nur überflogen zu haben. Abseits der überbordend gewordenen Debatte über Staatsverschuldung, die selbst verschuldete Abhängigkeit der Politik und der Realwirtschaft von den Banken und die ersten Protestaktionen in den europäischen Großstädten fällt mir der französische Soziologe wieder ein. Nicht so wehleidig und kompliziert wie nach ihm Oswald Spengler („Der Untergang des Abendlandes“), sondern deftig referierend hat der Soziologe Le Bon die Leute und ihre Eigenschaften beschrieben und daraus seine Schlüsse gezogen – zu seiner Zeit am Ende des 19. Jahrhunderts. Aber gültig. Heute und morgen. Damit komme ich zum Thema:

Wer über die Banken, die Wirtschaft, die Politik und ihre Vertreter redet,  macht sich’s zu bequem. Er missachtet, dass es Menschen sind, die in Banken, in der Wirtschaft, in der Politik agieren, dass es immer Abhängige sind, abhängig wovon auch immer. Leute, die für etwas stehen, die einen Standpunkt haben oder so tun, als hätten sie einen. In der Überzahl sind es Personen, die in ihrer jeweiligen Hierarchie weit oder ganz oben stehen und von dort aus entscheiden, was zu tun und was zu lassen sei. Leute, die ihre Claque stets zu vergrößern suchen, die ihre Untertanen im Geiste horten und ständig vermehren. Leute, die sich die Halbbildung ihrer Fans zunutze machen, mit ihrer Fangemeinde prahlen und damit nicht nur ihre Wichtigkeit, sondern auch die Richtigkeit ihrer meinungsmachenden Aussagen zu beweisen versuchen. Je geschickter sie agieren, als desto glaubhafter gilt ihr Wort für die Masse, auch wenn  sich – zwischendurch oder am Ende – herausstellt, dass sie diese in die Irre geführt haben.

Über die Kunst, das bestmögliche Verhältnis von Überzeugung, Einbildung, Lüge und Wahrheit zu finden, sei hier nicht geschrieben. Wir können es ja täglich in Gazetten und im Fernsehen miterleben. Auch die Jongleure der Meinungsbildung, die das Frühstücksfernsehen gern in Provinzhochschulbüros  aufstöbert und präsentiert, sind nur in seltenen Fällen fähig und willens,  Analysen abzuliefern. Nicht einmal das journalistische A-B-C-Prinzip für den Konfliktfall wird beachtet. Danach sagt A, der B sei schuld und der B sagt, der A sei schuld. Nun käme es auf einen C an, der die „Schuld“ relativiert und sie nach seinem Wissen und Gusto auf A und B verteilt und zwar möglichst objektiv. – So läuft es leider nicht. Es läuft nicht einmal nach dem journalistischen Grundsatz „Vertritt (als C) beide Standpunkte mit Nachdruck, aber lege dich auf keinen fest!“ So bleibt das Verschwommene auch nach soundso vielen  Kommentaren und Interviews verschwommen. Und auch der moderne Bürger weiß über 100 Jahre nach Le Bon nicht mehr als er gestern wußte: die Banker, die Politiker usw.

Der seriösen Presse bleibt in den letzten Tagen nichts anderes übrig als die Vielfalt der Meinungen von Experten und solchen, die ihre Expertise aus mehr oder weniger erarbeiteter Prominenz ableiten, in Form von Kommentaren wiederzugeben. Am sympathischen macht es das „Handelsblatt“, das jeweils auf der letzten Seite eine Art „Wort zum Sonntag“ abdruckt. Nobelpreisträger der ökonomischen Branche waren schon dran, zwischendurch moralisierende Wirtschaftswissenschaftler, Philosophen, (leider sehr wenige) Unternehmer und – zu meinem heutigen Erstaunen –  unser junger deutscher Wirtschaftsminister Rösler in der heutigen Ausgabe. Und was fordert er? „Mehr Eigenverantwortung!“ lautet seine vierspaltige Stellungnahme. Nun ja. Vielleicht eine Art Hoffnung, da Herr Rösler noch zu kurz in diesem Amt ist und vermutlich noch nicht derart verstrickt in das „System“ wie seine älteren Kollegen.

Ein Stückchen Gustave Le Bon bin ich dem werten Leser schuldig geblieben. Ich denke, in der Folge 2 unseres Verlagstagebuches wird das Versäumte nachgeholt.

Zu Le Bons Zeiten hieß es im Zusammenhang mit nicht enden wollenden Diskussionen: „Wer hier die Wahrheit sagt, muss ein schnelles Pferd haben.“ – Heute mangelt es zwar nicht an schnellen Pferden, offensichtlich aber an der Wahrheit…

 

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Beim Röhren nicht stören!

Proszę nie przeszkadzać jelenia! – Wisst ihr, was das heisst? Wahrscheinlich nicht. Es ist polnisch und heisst auf deutsch: „Bitte die Hirsche nicht stören!“ – Wobei, fragt der Tierfreund, und die Antwort fällt dank dieser Jahreszeit leicht. Es geht um die Hirschbrunft, jenes wundervoll romantische, gewaltsame Vorspiel der Hirschvermehrung durch tierischen Geschlechtsverkehr, der stets in den dunklen Stunden des Tages, üblicherweise zwischen Dämmerung und Mitternacht, wie ein Drama in mehreren Akten stattfindet. Nicht nur in polnischen Wäldern. 

Der prächtigste der Hirsche, mindestens ein Vierzehnender, aus der Nähe grauenhaft stinkend, versammelt zur Zeit seiner Brunft die Hirschkühe seines vierbeinigen Harems auf einer Lichtung und verausgabt sich unter gewaltigem Grollen, Brüllen, Röhren bei der Besamung seiner erwählten Weiber. Sollte sich ein Nebenbuhler in geschlechtlicher Absicht dem Rudel nähern, gerät der Platzhirsch in Wut und Raserei, kennt kein Pardon und vertreibt mittels seines starken Geweihs den Eindringling. Dabei kann es sehr blutig werden. Und wenn der Eindringling ein neugieriger Zweibeiner mit oder ohne Büchse im Anschlag ist, so kann das für den Wilderer tödlich enden. Denn der echte Brunfthirsch ist bei weitem nicht so friedvoll wie auf dem kitschigen Wandbild über dem Bett der Urgroßeltern.

Im polnischen Bauerndorf südlich von Krakau weiß man manche Geschichte aus den Zeiten, da sich ärmere Burschen aus der Nachbarschaft dem Hobby des Wilderns widmeten. Es war eher der Hunger nach nahrhaftem Wildbret als der Eifer, mit  einer Trophäe über dem Stubeneingang zu prahlen, der die Männer in den Wald trieb, wenn der zuständige fürstliche Oberjäger oder -förster weit weg vom Schuss war oder gerade eine Schusswunde nach einem Schusswechsel mit wildernden Eindringlingen ausheilen musste. Die altbayerische Weltliteratur ist voll von solcherlei Schilderungen. Zu unterscheiden ist natürlich, ob es sich bei den jeweiligen Geschichten um Räuber handelte, die sich – logischerweise – von den Angeboten der Natur nährten oder ob es arme Leute waren (s.o.), die sich dem Rotwild verbotenerweise näherten.

In der Allgäuer  Gegend habe ich Warntafeln wie die polnische noch nicht angetroffen. Hält man dort Wildfrevel unter der Decke? Oder sitzen die dortigen Einwohner lieber vor der Glotze, anstatt sich das grandiose Naturschauspiel einer Hirschbrunft zu gönnen?

Soweit Rezzo aus Basel, der von seiner ersten Recherche in Bebenhausen und Stuttgart mittlerweile an den Rhein zurückgekehrt ist – mit fotografierten Aufzeichnungen eines längst verblichenen Hofschreibers der königlich Württembergischen Hofkammer. Dessen Namen: Stanislaw Jelen, offenbar ein entlaufener Dominikaner aus dem Weiler Krakauhintermühlen in der Obersteiermark, nur einen Tagesmarsch entfernt vom Geburtsort unseres Nostradam‘ von Ranten (siehe „Es liegt noch Gold im Halensee“).

Rezzo, mach weiter und meide bitte die Nähe zu brunftigen Hirschen. Wir brauchen Dich noch, öglichst lebend, wenn’s geht. Und demnächst geht es auf Recherche zu den Fuggern.
Liebe Grüße, HP Eis.


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Brief aus Basel

Wenn mir mein Schweizer Freund Rezzo etwas schreibt, beginnt er stets mit einer schaurigen Episode. Gelegentlich ist sie real. Diesmal geht es um den Baseler Bürger Gustiav N., der nach mehrmaligem Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie anlässlich eines Freigangs seine Ehefrau erschlagen hat. Als Grund nannte er bei der kriminalpolizeilichen Befragung ihr Irresein, das ihm, dem Tatverdächtigen, von Bösartigkeit durchwachsen schien. Das Hobby der Gattin war die Uhrverstellung. Stets habe die Wohnzimmeruhr eine falsche Zeit gezeigt – von der Frau jeweils um mehrere Stunden vorgestellt, um ihm, dem dringend Tatverdächtigen, den Tag mutwillig zu verkürzen. Täglich sei solches passiert, immer dann, wenn er im Scheisshaus saß. Vor dem Gang ins Bad sei es, so führte N. gegenüber den zwei Kommissaren aus, beispielsweise 14 Uhr gewesen, nach der Verrichtung des Geschäfts 18 Uhr – zu spät für einen Kaffeehausbesuch, zu spät zum Einkaufen, zu früh, um mit dem Dackel um den Block zu gehen. Trotz mehrmaligen Wutausbruchs habe „mein Weib“ (der Tatverdächtige) ihre Untat nicht beendet, sondern ihm sogar auch Vormittagsstunden verhunzt. „Damit sie mir nicht noch meine Lebenszeit amputiert, habe ich ihr ein Ende machen müssen!“ beteuerte der Geständige, und so konnta man es auch in der Zeitung lesen. Soweit die kleine, sanftmütige Episode dieses Tages.

Das Eigentliche, für das ich unseren Rezzo großzügig honoriere, war diesmal knausrig kurz, wenn auch erwartungsschwanger: Über den Rantener Nostradam‘, den unser Autor Gerd Joachim in seiner Romanbiografie „Es liegt noch Gold im Halensee“ mehrmals nennt, wenn auch nur andeutungsweise, soll unser Rezzo in Basel forschen. Auf des geheimnisvollen steirischen Nostradamus‘ Spuren konnte sich unser Autor Gerd nicht selbst begeben, weil ihn seine Beinwerkzeuge plagen wie einstens dem berühmten Baseler Buchverleger Frobenius, dem auch dessen Zeitgenosse  Erasmus von Rotterdam sehr am Herzen lag. Rezzo, kundiger Kundler in Sachen Geschichtswissenschaften, schickte in seiner bisher letzten Nachricht einen interessanten ersten Tipp:

Seiner Meinung nach dürfte es im Geheimen Württembergischen Landesarchiv  Unterlagen, Notizen oder gar Originalstücke aus der seinerzeitigen königlichen Hofkammer geben. Der schwule König Karl soll es geduldet haben, dass sich einer seiner wenigen treuen Zuarbeiter einen kleinen, austauschberechtigen Kreis von Lustknaben hielt, aus dem er an Freunde und einflussreiche Gleichgesinnte, die der konventionellen Ehe müde waren, Burschen mit einem Hang zur Abseitigkeit ihres Liebeslebens vermietete. Nicht „rent a car“, sondern „rent ab lover“.

Einer dieser erwachsenen Lustknaben, Adalbert von F., abgebrochener Philologiestudent, habe im Württembergischen Hofarchiv Aufzeichnungen eines Referenten entdeckt, der 1869 bis ’71 für eine sehr geheime Abteilung des Geheimarchivs mit dem Repositurentitel „Vermischtes“ zuständig gewesen sein soll. Nach dem Aufbrechen der dreifachen Versiegelung sei ein nach wie vor geheim gehaltenes  Füllhorn an Unterlagen durchgesehen worden, das nicht nur erotisierende, sondern auch historisch interessante Dokumente enthalten haben soll.

Lieber Rezzo, mach dich auf die Socken Richtung Stuttgart und Umgebung. Und grüß mir die Bebenhausener!

In eifriger Erwartung bis demnächst, Hans-Peter.

Titelseite "Es liegt noch Gold im Halensee"

Es liegt noch Gold im Halensee

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Halensee: Schwache Tauchsaison

Wie J. F. Weinfieber, der Destruktive, berichtet, haben sich die von ihm ermittelten vier Goldsucher nach umständlicher Ortsbestimmung mit ihren elektronischen Wünschelruten vergrämt aus der Berliner Region verzogen. Einer, der sich Sepp Allgäuer nannte und tatsächlich aus dieser freudvollen Gegend namens Allgäu stammt, soll sogar von Fluch und Hexerei gesprochen haben. In der Wiener Postsparkasse lagerten hunderttausende Goldbarren. Es war einmal…
Man hat offensichtlich, so Tauch-Experte Weinfieber, der als Drittkorrektor bei der Produktion des Buches “Es liegt noch Gold im Halensee” von Gerd Joachim kläglich versagt hat, nicht gewusst, dass sich Goldbarren weitaus schwerer mittels Metalldetektor orten lassen als beispielsweise Eisen und Stahl.
Die 5 Halbkilo-Barren warten nun auf die die neue Tauchsaison…

Titelseite "Es liegt noch Gold im Halensee"

Es liegt noch Gold im Halensee

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