Monthly Archives: Juli 2011

Barbaren tragen heute Krawatte

Dank TV sind uns heutige Barbaren (Fremde) nicht mehr so fremd wie ehedem. Auch die grausamsten Despoten verstecken sich in unauffälliger 08/15-Kleidung.

Als es immer öfter nicht auf den ersten und zweiten Blick identifizierbare Ausländer gab, die sich erfrechten, die katholische Steiermark zu durchqueren oder in einem der vielen Klöster zu nächtigen, kamen talentierte Mönche im bergigen Osten des Landes auf die Idee, die Fremden nach Optik, Herkunft und Eigenschaften in einer „Völkertafel“ grafisch aufzulisten. Könnte auch ein Auftrag von oben gewesen sein. Das hier teilweise abgebildete Gemälde auf Holz entstand um 1723 in der Regierungszeit des im europäischen Sinne aufgeschlossenen Kaisers Karl VI. (Vater der ungarischen Königin Maria Theresia, die ihrem langweiligen Gatten Franz die Regierungsgeschäfte aus der Hand nahm, nachdem sie mit dem preussischen Schlesien-Räuber Friedrich II. zwangsweise Frieden geschlossen hatte).

Diese Völkertafel zeigt nicht nur die prächtigen Kleider ausländischer Männer. Auch ihre „völkischen“ Eigenschaften sind vermerkt, woraus der status quo der damaligen Sicht der Dinge aus der steirischen Brille fixiert ist. Nicht nur lustig, sondern auch recht zweifelhaft, ist folgender Nebeneffekt:

Vorurteile gegenüber dem Fremden sind niedergeschrieben. Die Deutschen lieben das Saufen, die Spanier sind hochmütig, die Russen und vor allem die Polen sind faul. Am schlechtesten kommen die Türken weg. Das hat gute Gründe, war das Land doch mehrmals aufs brutalste von Türkeneinfällen betroffen, und so manche Gräuel wie das Zerstückeln lebendiger Säuglinge auf dem Kirchenaltären sowie das Abheizen ganzer Dörfer war in den Gehirnen der Menschen in der damaligen Zeit fest eingebrannt. Heute gibt es in Grundschulbüchern nur mehr „Legenden“ im Sinne der political correctness jüngeren Datums.

So bemerkenswert das historische Bild (im Wiener Volkskundemuseum deponiert) für uns Heutige aus rein geschichtlicher Perspektive sein mag: Gelegentlich wünschte ich mir, insbesondere auch Politiker des Inlandes in ihrer Heimattracht zu sehen – nicht nur CSU-Bayern, die sich – auch nur ganz selten – mit einem Janker oder einem Tücherl statt Krawatte outen. Die andern schauen uniformiert aus und sind nur durch ihre Rede identifizierbar. Der schläfrig-holsteinische Politiker sollte sich nach meiner Meinung anders kleiden als sein hessischer Fraktionskollege. Von einem Thüringer erwarte ich eine andere Optik als von einem Mecklenburger. Nur dem Berliner gestehe ich eine gewisse Schlampigkeit in der Auswahl seiner Garderobe zu, sogar einen glänzenden Hosenboden und ungeputzte Schuhe.

Barbaren gibt’s bei uns gottlob nicht mehr. Das beruhigt. Der heutige Muskowiter (Russe) ist nicht grundsätzlich „boshaft“, der Italiener nicht mehr „hinterhältig“ und nicht alle Polen sind „bäurisch“. Keinen einzigen meiner schwedischen Bekannten möchte ich als „grausam“ bezeichnen. Aber wenn wieder einmal ein syrischer Staatschef auftaucht, wünschte ich mir eine Aktualisierung der „Völkertafel“ ohne Krawattenmänner mit weißem Hemd. Das Tragen weißer Westen ist ja schon lange aus der Mode gekommen…

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Zittern um US-Schulden im Sommerloch

Die Globalisierung wird medial. So erspart man sich in heimischen Medien heimische Sommerloch-Kampagnen. Angstmachen und Analysieren tut’s auch (von A. Rosenblattl)

Erinnern Sie sich an das schreckliche Waldsterben? Zittern Sie noch vor FCKW und Holzschutzmitteln? – Sträubte sich auch Ihr Restgefieder angesichts — (bitte einsetzen, falls Sie nicht an Demenz leiden)? – Bis heute zittern wir nicht nur wegen bevorstehender Inlands-Katastrophen, sondern auch wegen globalen Unheils. Beispiel: der angeblich drohende Staatsbankrott der Vereinigten Staaten von Amerika.

In den letzten Wochen litten sensible Fernseh- und Zeitungskonsumenten mit den sympathischen US-Demokraten und ihrem liebenswert lockeren Präsidenten mit. Eventuell vorhandene Aktien- und Staatspapierbesitzungen wurden, nachdem griechische ausgeschieden waren, sorgsam beobachtet oder in stabile umgetauscht. Der eine oder andere zwischen Kiel und Garmisch mag seine Goldbarren und Münzen im Safe gestreichelt und dabei die Republikaner jenseits des Atlantik verflucht haben. Ein positiver Nebeneffekt in der mitgefühlten Hilflosigkeit der Obama-Parteigänger war, dass man echte und selbst ernannte oder von gewissen Medien als solche präsentierten Volkswirt- und Hobbywissenschaftler kennen lernen durfte. Personen und ihre Kommentare. Auch der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Simon Krugmann, der seit langem die New York Times mit Kolumnen beglückt, war auch dabei. Eine seiner Kolumnen, von der „Berliner Zeitung“ dankenswerterweise nachgedruckt, gehört noch zum Gescheitesten, was zum Thema der drohenden US-Katastrophe zu lesen war (29.07.2011).

Doch erst heute erklärt ein ZDF-Korrespondenz vor dem Weißen Haus locker flockig, dass es keineswegs zum totalen Finanzdebakel mit krakenhaften Auswirkungen um die ganze Welt kommen muss. Denn der amerikanische Präsident kann, um eine drohende Notlage abzustellen, einen Zusatz in der glorreichen amerikanischen Verfassung (Zusatz 14) nutzen und auch ohne (republikanisches) Repräsentantenhaus das Verschuldungs-Limit zurecht rücken, bevor es zu Zusammenbrüchen schrecklicher Art kommt. Als Laie weiß ich nur, dass dieser rettende „14er“ zum ersten Mal während des amerikanischen Bürgerkriegs benutzt oder danach, als es um die Begleichung der Kriegskosten ging.

Die heutigen Verhandlungsgegner haben ihren politischen Dienstsitz in Washington. Viele von ihnen sind Multi- oder (nur) ganz einfache Millionäre – auch unter den demokratischen Parlamentariern. Und wenn es um Finanzen geht, denkt man in Notzeiten auf beiden Seiten zuerst daran, wo man Geld her bekommt, wo man einsparen kann, wo es jedoch den Damen und Herren Millionären nicht weh tut. Steuererhöhungen sind nur dann ein eventuelles Verhandlungsthema, dies haben wir in den letzten Wochen mitgekriegt, wenn es die Damen und Herren der reicheren Klassen nicht trifft. Auch dort, wo noch Präsident Eisenhower den „militärisch wirtschaftlichen Komplex“ ortete, wo es den Unternehmen gut geht, ist – logo – nichts zu holen. Und die Bankenbesitzer und -vertreter  blicken beschämt zur Seite, weil sie das Ganze ja überhaupt nichts angeht.

Wird es also zum „14er“ kommen? Oder raufen sich die Gegner noch so weit zusammen, dass sie in der Wähler-Öffentlichkeit ihr Gesicht nicht ganz verlieren? Immerhin sind in der republikanischen Fraktion nicht alle Mitglieder so stur wie die Leute, die wir als Tea-party-Sympathisanten kennen?

Hierzulande geht’s ein paar Nummern kleiner: In einigen Berlin-Spandauer Trinkwasserbrunnen wurden Escherichia-coli-Bakterien gefunden. Die Bevölkerung ist aufgefordert, Trink- und Zahnputzwasser einige Minuten lang abzukochen, um im Fall des Falles Magenkrämpfe und Dünnpfiff zu vermeiden.  Dass in anderen Stadtteilen nach wie vor Privatautos in Brand gesetzt werden, ist nichts Neues. Die heimische Regierung macht glücklicherweise Ferien. Von der SPD hört man überhaupt nichts mehr. Vereinzelte Stimmen aus den kleinen Oppositionsparteien – wobei man in der FPD disziplierterweise den Jungminister der Wirtschaft ungestört für Investionen in Griechenland werben lässt – machen das Sommersüppchen nicht fett, und die großteils unnötigen Anmerkungen mehr oder weniger kluger Leute nach der Untat von Oslo werden glücklicherweise seltener. Also: eine gute Zeit zum Lesen – vielleicht auch einmal etwas anderes statt der üblichen „leichten“ Sommerkost. Und vergessen Sie nicht, endlich einmal all Ihren Lieben öfter mal zu sagen und spüren zu lassen, dass Sie sie lieb haben!

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Böse Nachtgedanken zum Anna-Tag

Die heilige Anna, laut biblischer Legende die leibliche Großmutter Jesu Christi, ist wie Maria eine der prominentesten Heiligengestalten – Es gibt aber auch ganz andere Annen…

Als Kind hasste ich die Anna. Das war die gefleckte Kuh des Bauern Schrittwieser aus der Murauer Gegend in der schönen Steiermark. Als aushilfsweiser Hüterbub für die Schwittwieser Kühe lag ich auf der Wiese, hinter mir mein neues Hütchen mit Birkhahnfeder. Die gutmütige Milchkuh Anna stand hinter mir. Unversehens ließ sie einen Fladen just auf meinen neuen Steirerhut fallen. Wär sie keine brave Milchkuh gewesen, diese Anna, hätt ich dem Tier einen Tritt versetzt. „Eine Kuh kann man Alma nennen oder Liesl“, belehrte mich übrigens die Bäuerin, aber ihr Bauersgatte wählte den Namen nach einer der Lieblingsheiligen des Dr. Martin Luther, der die Universalheilige Anna, sehr verehrt haben soll. Die Kuh Anna blieb nur kurzzeitig ein Hassobjekt.

Das nächste Hassobjekt namens Anna, diesmal zweibeinig und mit dem stechenden Blick einer Reichsarbeitsdienst-Lagerleiterin, die sie tatsächlich einmal gewesen sein soll, zeichnete sich durch Geiz und Tyrannierlust aus: Wehe, wenn diese Tante am Tag der hl. Anna (26. Juli) nicht besucht und zum Namenstag beglückwünscht wurde. Vor der Beglückwünschung fragte sie mit vorbeugend strafendem Blick, ob die Hände des Glückwünschers wohl sauber seien. Wenn nicht, ging’s schnurstracks an den Brunnen im Hof. Minderjährige Patenkinder dieser Tante erhielten einen Milchkaffee, in dem – je nach Alter – für jedes Jahr eine extra zu mahlende Kaffeebohne mitgekocht wurde. Tante Annas Plätzchen schmeckten nach Arsch und Friedrich, um es vornehm auszudrücken. Ich hatte das Glück, kein Patenkind zu sein.

Jahre später schätzte ich Anna Magnani, meine langjährige Lieblingsschauspielerin, die mir damals wertvoller war als ihre amerikanischen Kolleginnen zusammen. Vor dieser Zeit erfuhr ich von einem  Murauer Weib (das durfte man damals noch so sagen): von einer mächtigen Anna, Familienname Neumann (1535–1623), die offenbar ein mächtiges Frauenzimmer war, reich an Gold und Einfluss. Die Hauptstraße, die die beschauliche Stadtmitte von Murau durchzieht, trägt noch heute ihren Namen. Und jeder Murauer kennt ihre Biografie:

Sie heiratete mehrmals adelige Männer, darunter einen Christoph von Liechtenstein, von dem sie „Burg und Herrschaft Murau“ erbte. Verdammt reich war sie, diese Anna Neumann. Ob sie so schön war wie auf dem unten stehenden Gemälde, ist nicht gesichert. Wohl aber die Tatsache, dass sie in sechster Ehe (!) im Alter von 82 Jahren den damals 25 Jahre jungen Reichsgrafen Georg L. zu Schwarzenberg heiratete. Dieser anno 1670 in den Fürstenstand erhobene Jungwitwer begründete das weit über Österreich  hinaus gerühmte Haus Schwarzenberg, das dank seiner in- und ausländischen Besitzungen zu den edelsten und prächtigsten Fürstenhäusern zählt. Der heutige Fürst, Carl, ist übrigens Außenminister von Tschechien und ein Mann von Welt, der im Vergleich zu anderen Fürsten, Grafen, Baronen und dergleichen die Tugenden eines fleißigen Beraters jeweiliger Herrscher praktiziert. Wie Otto von Habsburg selig wissen die Schwarzenbergs, ihre fürstlichen Traditionen der Gegenwart und der Zukunft gegenüber weltoffen zu pflegen.

Meinen Steirerhut kann ich leider nicht mehr ziehen. Dank der guten Verdauung von Anna, der Gütigen.

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Wer suchet, findet – zweitklassige Entlarvungen

Schon wieder einer entlarvt, der abgeschrieben hat – Plagiatssucher sollten sich lieber auf die Aufdeckung von Geschichtslügen und Halbwahrheiten stürzen!

Nun haben sie den Althusmann in der Zange. Hat er abgeschrieben oder nicht? – Einem Chef der deutschen Kultusministerkonferenz stünde dies nicht zu, heißt es. Wie wahr. Aber die Neuauflage der unterhaltsamen Hetze, in deren Verlauf wir an die ungute Guttenbergsche Plagiatsaffäre erinnert werden, ist nicht mehr so so interessant wie es noch das peinliche Herumgespiele um die FDP-Politikerin war, die sich angeblich – so hab ich es in Erinnerung – auf dem Gerichtsweg gegen ihre Diskreditierung wehrt. Weit wesentlicher scheint mir, und dies an die Adresse der Plagiatsfinder, eine eher fruchtbringende Zielausrichtung ihres Entlarvungs-Steckenpferdes.

Wenn einer für seine Dissertation etwas Gescheites abschreibt und dies nicht vermerkt, dann ist dies sträflich. Aber es schadet keinem Dritten. Wenn jemand allerdings – und hier nehme ich die naturwissenschaftlichen Doktorarbeiten nicht aus – eine matte, schwache, überflüssige, niemandem, nicht einmal einer mausetoten Wissenschaft nutzende Diss. verfasst, die weder Neues bietet noch Altes aktualisiert oder gar nützlich ist für die Menschheit, dann finde ich das weitaus gravierender als irgend welchen Gedankenklau.

Wer wie ich, teils zwangsweise, teils freiwillig, mit Wissenschaftlern und mit solchen, die sich dank ihres Titels als solche ausgeben, zu tun hatte und hat, kommt zuweilen auf seltsame Gedanken. Drastisch und beispielhaft und deshalb keiner konkreten Person aus meinem Bekanntenkreis zuzurechnen: Wie kam dieser Volltrottel  zu seinem Doktor? (Gegen Trotteligkeit hab ich, dies ganz nebenbei, überhaupt nichts einzuwenden!) – Ich weiß, worüber ich meckere. Ich machte mir nämlich einmal das zweifelhafte Vergnügen, die Dissertation einiger Politiker und einiger Historiker zu lesen. Ganz selten bemerkenswerte Gedanken, fundierte Erörterungen, Ideen, Interpretationen oder (blödes Wort, pardon:) „hinterfragende“ Forschung oder gar handfeste Analysen. Häufig bloße Berichterstattungen und Beweise, was und wie viele andere Fachliteratur vom Doktorarbeitsverfasser verschlungen worden sind und Literaturangaben mit Werken, darunter das Alte und das Neue Testament incl. Psalmenbücher oder juristische Kommentare, für deren Lektüre jedermann Jahre gebraucht hätte. Nun ja, mit langen Aufzählungen konnte man bei diesem und jenem Doktorvater, der vielleicht lieber im eigenen Rosengarten kreativ gewesen wäre als in lanweilenden Texten zu lesen und dies noch dazu mit kritischem Blick, Eindruck schinden. So weit, so gut. Das alles ist, wie der geduldige Leser erkennt, nicht so wichtig und auch gar nicht interessant.

Heftiger wird es – und wir erleben gerade anschauliche Beispiele in dieser causa -, wenn Thesen und Darstellungen etablierter Autoren (z.B. Historiker), die aus ihrer eigenen Zeit (Beispiel Kalter Krieg)  kritiklos übernommen und weiterverbreitet werden, die vor Einseitigkeit nur so strotzen. Wenn historische Themen nach Gusto nur leicht variiert und wiedergekäut werden, um ja nicht irgend ein habilitiertes Denkmal zu erschüttern oder gar einen in der gleichen Angelegenheit publiziert habenden Doktorvater zu beleidigen. Da muss man ja schon mal den Hut heben, wenn in der Frage „Wem verdanken wir die Berliner Mauer?“ eine Historikerin (richtigerweise!) behauptet, nicht der (selbstverständlich böse) Chruschtschow, sondern der (selbstverständlich noch fürchterlichere) Spitzbart Ulbricht seien „Verursacher“ und Verantwortliche des Mauerbaues. – Schade nur, dass es auch die erwähnte, etwas freier denkende amerikanische Historikerin  unterlassen hat, in US-Akten einen etwas tieferen Einblick zu nehmen, als sie es – jedenfalls in ihrem empfehlenswerten Buch „Ulbrichts Mauer“ – niedergeschrieben hat. Wie gesagt, nur ein kleines Beispiel und die Einladung an meine Leserschaft, im Netz bei Senator William S. Fulbright zu stöbern und Dinge aufzudecken, die bislang noch in (fast) keiner einheimischen Publikation zu lesen sind.

P.S. Vermutlich wird am bevorstehenden 13. August, wenn Bundespräsident und Bundeskanzlerin am Berliner Mauerdenkmal an der Bernauer Straße in einer Gedenkveranstaltung zum Bundesvolk sprechen werden (ARD überträgt live!), auch nur die gewohnten Alt-Darstellungen zu hören sein – mit der gedenkstättenüblichen Aufforderung, der vielen Opfer zu gedenken.

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Ist die EU-Achillesferse therapierbar?

Erwartungsgemäß ist nun Zypern an der Reihe: Wer sind die nächsten Parasiten, die unseren Wohlstand gefährden? – Lug und Trug haben Tradition und festen Bestand in Athen

Jawoll. Die griechische Sagenwelt war interessanter als die politische Geschichte Griechenlands vor Christi Geburt. Erinnern Sie sich daran, was Sie im Geschichtsunterricht über Perikles gehört haben? – Viel nutzloses Zeugs, humanitätsduselig, je nach Schule und Lehrer. Heute darf man diesen Staatsmann (g. 500 v. Chr.) durchaus anders sehen. War er es doch, der dem korrupten, moralisch verludertem Rat der Stadt (Aeropag, benannt nach dem gleichnamigen Felsen) den Garaus machte. Zuvor gab er als vergleichsweise ehrlicher Politiker als Ankläger im Bestechungsprozess gegen Kimon (463 v. Chr.) eine eindeutige Visitenkarte als Macher ab. Perikles sorgte für Ordnung in Athen und seit 450 v. Chr. nennen wir ihn – lesen Sie nach im Geschichtsbuch Ihrer Kinder! – den führenden griechischen Staatsmann der vorchristlichen Zeit. Dass sich nach seiner Regentschaft prompt wieder Lug und Trug, Beschiss und Unmoral in die bessere Gesellschaft einnisteten und zwar parallel zur Kulturblüte, die wir ewiglich bewundern, wenn wir nur an die Philosophen, Dichter und Naturwissenschaftler denken, die unsere Geschichtsbücher andächtig aufführen, steht auf einem anderen Blatt. Sie fragen: Was soll’s?

Die Frage ist berechtigt. Es gab in der weiteren Geschichte bis zum Ende des hellenischen Höhenflugs, seiner totalen Dekadenz und der Übernahme alles Griechischen durch die Römer, bekanntlich keinen zweiten Perikles, keinen, der „aufgeräumt“ hätte. Die herrschende Klasse, also die Begüterten, betreiben ihre Geschäfte wie seinerzeit. Eine Grundmoral, wie sie (zumindest bis vor kurzem bei uns) mit einer „sozialen Marktwirtschaft“ beschrieben  werden könnte, gab es nie. Die einen hatten Gold und Geld – davon lebt eine Reihe von Sagen und Legenden -, die andern hatten wenig oder nichts. Das gilt bis heute. Zu Gold kommt heute noch ein Masserati dazu oder sonst was Feines, es muss ja nicht gerade eine Luxusjacht sein. Das steht logischerweise in keiner der griechischen Helden- und Göttersagen.

Zwischendurch hat sich das Bürgertum frei gemacht von den Fesseln der Herrscher und, dem Beispiel der Reichen folgend, frei gemacht auch von den Fesseln des Staates und von den Erfordernissen einer ehrenhaften Finanzpolitik. Der Staat spielte sich, vor allem um die soziale Ruhe zu stabilisieren, als gutmütige Mutter aller auf und ermöglicht(e) es auch Geringverdienern, im eigenen Haus zu leben, und wenn es nur eine bescheidene Eigentumswohnung irgendwo in der Provinz oder an einer der Küsten war. (So gibt es pro Kopf der Bevölkerung in Griechenland mehr Eigentumswohnungen als in Deutschland.)

Seit Monaten werden die Resteuropäer genervt von der Staatspleite der europäischen Achillesferse Griechenland. Zypern erwartungsgemäß gleich dazu. Und kundige Finanzkundler prophezeien einen Zusammenbruch des Euro-Systems spätestens in einigen Jahren. Die griechische Regierung gibt sich derweil unschuldig schuldbewusst und klagt darüber, wie schwer es sei, Sparmaßnahmen durchzusetzen. Aber das Prolongieren der Löcherstopfung in Milliardenraten macht nichts anderes, als den Gegenwartshorror zu verdecken. Ein Aufbau bzw. eine Gesundung der griechischen Wirtschaft, die auch Steuern abliefern kann, liegt in weiter, weiter Ferne. Da erscheint es wie ein verzweifelter Witz, wenn der deutsche Wirtschaftsminister den hiesigen Mittelstand ermuntert (heutige Konferenz im W-Ministerium), in Griechenland zu investieren. Tröpfchen auf heiße Steine sprühen? Gute Miene zeigen? Oder was?

Im Radio vernahm ich die Stimme eines beamteten Athener Finanzkontrolleurs, der gemächlich davon sprach, dass die Hälfte der griechischen Steuerzahler seit Jahren ihrer Bürgerverpflichtung nicht nachkomme, wodurch dem Staatshaushalt damit je Kalenderjahr rund 40 (in Worten: vierzig) Milliarden Euro entgingen. Man könne da aber nichts machen, heißt es, denn die Gesetze im heutigen Griechenland schützten die Steuerhinterzieher. Da würde eben mancher Steuerzahler in seinem Fragebogen fürs Finanzamt eintausend  Euro Einkommen angeben, während auf seinem Bankkonto eine Million lägen. Machen, so der Finanzkontrolleur, könne man da nichts. Ich frage mich daher, ob es mangels Perikles nicht an der Zeit wäre, den Griechen Nachhilfe zu erteilen (wie den afghanischen Behörden, nur ohne  Waffen)?

Frau Kanzlerin und der Herr Westerwelle waren, festlich gekleidet und ohne großzügiges Dekolleté, mit Gatten zur Stelle, als in Bayreuth „der Sängerkrieg auf der Wartburg“ (Untertitel des „Tannhäuser“) Premiere hatte. Ich wüsste gern, wann endlich der „Sängerkrieg“ der wahren Finanzverständigen in Brüssel loslegt. Hoch an der Zeit wär’s.

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Wir Sofa-Weltversteher, wir Standpunkt-Besteher, wir Aufrecht-Steher

Betrachtung am Beispiel der sog. Kritik an der (abgesagten) Verleihung des Quadriga-Preises an Putin – Als mir Dr. Otto Habsburg die junge „taz“ empfahl

Von seinem biologischen Herzen hat sich die Familie Habsburg gestern verabschiedet. Der größere Rest seines Leichnams wartet seit dem Wochenende in der Kapuzinergruft auf das Jüngste Gericht. Nicht nur der österreichische  Rundfunk und 3sat haben sich stundenlang mit prächtigen Bildern aus Wien vom Sohn des letzten Kaisers der K. K. Monarchie verabschiedet. Da können einem, obzwar alles andere als ein Monarchist, schon Gedanken kommen. Und Erinnerungen. Diese zum Beispiel:

Vor fast 30 Jahren freute ich mich, in einem für seine Wildbret-Zubereitungen gerühmten Berliner Restaurant in der Knesebeckstraße, auf einen feinen Rehbraten. Wegen der Butzenscheiben war’s etwas düster im Gastraum, so dass ich erst beim zweiten Bissen von meinem Teller einen schräg gegenüber sitzenden älteren Herrn erkannte, der mir schon nach meinem Eintritt freundlich zugenickt hatte: Es war Otto von Habsburg (in Deutschland ist das „von“ erlaubt, liebe alpine LeserInnen!), gewandet in einem Steireranzug. Hinter ihm ein Ausseer Hut mit Gamsbart über einem Lodenmantel an der Garderobe. Ein ältliches Paar saß, für mich unhörbar plaudernd, am Nebentisch. Der Oberkellner machte einen Diener, bevor er dem Kaisersohn Mineralwasser nachschenkte. Nach dem Verzehr meines Bratens samt kompottierter Birne mit Preiselbeerhäufchen tupfte ich meinen Mund ab, mit einer Stoffserviette – so etwas gab’s damals noch in einem gutbürgerlichen Lokal nahe dem Kurfürstendamm! – und schaute zum Herrn Habsburg, der mich mit einer dezenten Geste an seinen Tisch lud. Etwas baff war ich schon, gestehe ich. Die Lockerheit, mit der ich angesprochen wurde, ließ mich schnell auftauen und mich gar nicht verwundern, weshalb dieser Herr mit mir zu sprechen gedachte. Erst nach kurzer Konversation bemerkte er lächelnd, dass er eigentlich nur wissen wollte, weshalb ein so junger Mensch wie ich in Berlin einen Roseggerjanker (gemütliches steirisches Trachtensakko) am Leib trüge. Nachdem ich mich als Neuberliner geoutet hatte, kamen wir ins Gespräch. Auf eine Melange lud er mich ein und unversehens waren wir bei einem Thema, an dem ihm offenbar viel gelegen war. Mit seinem Hinweis „altera pars audiatur“ prüfte er offenbar mein Bildungsniveau, bevor er, die Tageszeitung Welt auf dem leeren Sessel betrachtend, über den Wandel im politischen Journalismus zu sprechen kam. Gegen meine Erwartung, der alte Herr würde auf elegante Weise gegen Verfall und Dekadenz der publizistischen Werte wettern, plädierte er für die Wiederbelebung einer Diskussionskultur, die aus der Meinungsvielfalt ihren Reiz ziehen sollte.  Deshalb die lateinische Wendung, wonach auch „die andere Seite gehört“ werden möge. Wer bequem in seinem Sofa sitze und das Gefühl pflege, er sei ein Welt-Versteher, und weil er aufrecht gehe, sei er ein aufrechter Mensch, könnte sich irren. Solches Denken und Gehabe mag durchaus bequem sein und praktisch für die Regierenden, für die Entscheider. Besser, meinte er dann und schmunzelte, als er eine taz unter der Welt hervor kramte, sei es allemal, sich auch „andernorts“ zu informieren, auch wenn es nur eine junge Postille sei…

Damals gab es noch keine Talkshows außer der Sonntagsrunde in der ARD, in der Journalisten ihren Senf zu aktuellen In- und Auslandsthemen abgeben konnten. Als hätte Dr. Habsburg gerochen, dass ich damals Journalist war, nagelte er mich auf einen wesentlichen Grundsatz meines Handwerks fest, und zwar in deftigen Worten, die ich in guter Erinnerung habe: „Schau’n Sie, der A sagt, der B sei ein Schwein, und der B sagt, der A sei ein Schwein; da ist es doch Ihre Lust, ja Ihre Pflicht, den C zu suchen und zu finden, der den Gegensatz zu relativieren vermag. Und wenn Sie schreiben, dann müssen der A und der B in Ihrem Artikel vorkommen und dazu der C – notfalls als Schiedsrichter…“

Nichts Aufregendes, fürwahr. Aber was der alte Herr damals nach dem Rehbraten einforderte, gilt über das Heute hinaus – ohne jedes Verfallsdatum. Aktuell zeigt sich wieder einmal, wie unkritisch hiesige Medien im Zusammenhang mit der geplant gewesenen Verleihung eines Preises an den russischen Premier den Mainstream befahren, die Befürworter verteufeln und die preisverleihende Stiftung zur Absage der Verleihung zwingen. Die einzigen Argumente, die eventuell erörtert werden, haben mit der bundesdeutsch verordneten Energie-Wende zu tun. Dass der Kalte Krieg auch in unseren Köpfen vorbei sein sollte, dass es in Russland – im Vergleich zur Ära Jelzin – weniger chaotisch zugeht, dass unter Putin in den unvorstellbar weiten ländlichen Regionen soziale Strukturen besser geworden sind (natürlich nicht von heute auf morgen!) und dass der exportlüsternen deutschen Wirtschaft weite Tore geöffnet wurden etc. etc., liest man, wenn überhaupt, nur in amputierten bis geistlosen Kolumnen. Als ob auch die hiesige Journaille ihre schreiberische Tätigkeit vom bequemen West-Sofa aus beurteile wie der Spießer aus der oberen Etage.

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An einem Vormittag im Sommer

Mein Tagebuch sträubt sich vor Wut – Aber alles ist gut – Erschreckende Gefälligkeiten im Buchladen – Hat A. Merkel ihren Bauch verloren? – Blöd sein hält warm! (von Aaron Rosenblattl)

War wieder mal in einem edlen Berliner Buchladen. Nach drei Minuten sträubt sich mein Restgefieder. Was da alles als „Bestseller“ aufliegt! Eine Wilmersdorfer Witwe pirscht sich an: Ob ich ein BILD-Journalist sei, sie kenne mich. Ich verneine. „Aber ich kenn‘ Sie trotzdem“, bleibt sie hart. Leider weiss ich nicht, wo die von der Frau gewünschten Pilcher-Schinken stehen, also schicke ich sie zur Abteilung Garten & Blumen.

Meine detektivische Durchsicht aktueller Bücher über den Bau der Berliner Mauer ist erwartungsgemäß missraten: Keiner der etablierten Historiker behandelt die Vorgeschichte der Chruschtschow-Entscheidung, dem Spitzbart in Ostberlin die Absperrung der DDR und damit die Umzingelung von Berlin (West) zu erlauben. Ist also nach wie vor Gerd Joachim („Es liegt noch Gold im Halensee“, Verlag Kalwang & Eis) der einzige Autor, der sich dem Thema wahrheitsgetreu genähert hat. Am 14. Juli soll ein von BILD-Chef Diekmann herausgegebenes Mauer-Buch erscheinen. Naja, soll’s sein.

Auf dem Reuter-Platz diskutieren an der Busstation zwei Herren über den Merkel’schen Verlust an physikalischen Qualitäten, die seinerzeit an der Dame gelobt wurden. Heute sei sie, ihr eigenes Bauchgefühl offenbar werktäglich beim Pförtner deponierend, bedingungslos dem demoskopischen Wetterfrosch und ihrem Berater Josef A. ergeben. Kann ich nur zustimmen, was ich an der Busstation aber nicht tat, um nicht in ein Gespräch über Gott und die Welt verwickelt zu werden.

Im Fahrzeug schnalle ich mir mein kleines Radio um und höre folgendes: Der oberste EU-Kapitalistenvertreter aus Luxemburg, Jean-Claude Juncker, der sich vor jedem Mikrofon so gibt, als hätte er nicht nur Kaviar und Mousse, sondern auch die finanzielle Weisheit mit Löffeln gefressen, habe einen denkwürdigen Vorschlag zur Rettung Griechenlands gemacht. Juncker plauderte von der deutschen Treuhand, nach deren Muster den Griechen und ihrer Wirtschaft geholfen werden sollte. Falls der gütige Leser weiß, wie es einem geht, wenn sich einem der (eigene) Magen umdreht, wird er mich wohl verstehen. War doch die Treuhand mit ihrer Übermutter Birgit Breugel jene ungeheuerliche Abwicklungsbehörde, die während ihres Bestehens beinahe täglich DDR-Firmen Todesstöße versetzte, westdeutsche und ausländische Investoren zu ausufernden Orgien grenzenlosen kapitalistischen Handelns veranlasste und auf diese Weise Platz für neue „blühenden Landschaften“ machte.

Gruselig auch die Erklärung des FDP-Parlamentariers Ahrendt, seine Partei sei leider „in eine Falle“ geraten, als sie glaubte, die Koalitionspartner CDU und CSU seien modern und „fortschrittlich“. Herr A., nehmen Sie zur Kenntnis: glauben tut man in der Kirche, wenn schon.

Im Stammcafé in der Eisenacher Straße sitzen mir drei junge Damen gegenüber. Alle drei schauen eigentlich gleich aus. Machen den Eindruck, als seien sie denkfähig. Zwei der drei blonden Geschöpfe, die ich aus anderen Gründen nicht von der Bettkante stoßen würde, hätte ich noch mehr Feuer im Leib, haben ihr Notebook  geöffnet und tippen was auch immer in die Tastatur. Neugier vorschützend frage ich die eine, ob und in welchem Netzwerk sie vernetzt sei. Sie schaut mich kurz und verständlicherweise genervt an, lässt ihr Auge jedoch feinsinnig an meinen grauen Schläfen entlang streifen und antwortet brav: „Wissen Sie, man muss heute vernetzt sein. Sonst steht man daneben…“ Aha. Die Dritte in der Mitte lehnt sich zurück und kramt aus ihrer schicken Tasche ein Taschenbuch. Das Mädchen hat schöne Augen, ist nicht überschminkt wie die beiden Kolleginnen, und während sie noch am letzten Zipfel ihres Sandwichs kaut, legt sie einen Pilcher-Roman demonstrativ auf den Tisch. Sie buhlt um mein zustimmendes Nicken und äußert nach Abschluss ihrer Kautätigkeit folgende Frage: „Und was tun Sie gegen die tägliche Verblödung?“ – Ihre Erklärung, als Studentin der Kommunikationswissenschaften müsse sie sich zuweilen mit Trivialliteratur ablenken von den täglichen Phrasen. Die Dame war mir sympathisch. Unser darauf folgendes Gespräch über Gott und die Welt endete mit ihrer Behauptung, die Fußballfrauen trügen – trotz der Gefahr der Busenzerschmetterung durch einen scharfen Schuss – keinerlei schützendes Brustgeschirr, wie es Männer im Kampfsport und beim Turnen an der Reckstange weiter unten zur Bewahrung eines unversehrten Gemächts zu tragen pflegen. – Trotz Landregens ein schöner Vormittag!

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