Monthly Archives: Juni 2011

Kaisers neue Kleider: Berliner Architektur

Millionen für den „Wiederaufbau“ des hässlichsten Stadtschlosses von Europa sind reserviert – Potemkinsches Modell für ein sog. Humboldt-Forum – Motz über Protz

Was Sie hier drunter sehen, meine Damen und Herren, war einmal eines der wenigen gelungenen Neuberliner Bauwerke der 1970er Jahre. Es nannte sich Palast der Republik und stand unangenehmerweise im Osten des heutigen Gesamt-Berlin. In diesem Gebäude, das – im Vergleich zum Westberliner ICC – „menschenfreundlich“ gestaltet war, haben Tausende von Ostdeutschen mit ihren Familien Sternstunden erlebt: von Chorwettbewerben und Bezirkstreffen über Theater, Kabarett („tip“) bis hin zu ausgesprochen ordentlicher Gastronomie. Das Gebäude hatte nur drei Nachteile, die Westdeutschland als solche erkannte: Erstens beherbergte der „Palazzo prozzo“ die Volkskammer der DDR –  genau gegenüber dem seinerseits protzigen Berliner Dom, der das neugotische Gotteshaus von Schinkel, dem preussischen Herzeigebaumeister, schlicht und elegant, aber für den größenwahnsinnigen Kaiser zu unscheinbar gestaltet war, ablöste und sich in den broncefarbenen Fenstern des gegenüber stehenden Palastes spiegelte. Zweiter Nachteil: DDR at its best. Dritter (Alibi-) Nachteil: Asbest, nicht anders und nicht schlampiger aufgetragen als in den entsprechenden Gebäuden auf Westberliner Boden. Es kam, der politischen Flurbereinigung und der geplanten Auslöschung der DDR-Identität wegen, zum jahrelang andauernden, sauteuren  Abriss. Ach ja, irgendwelche (West-) Fachleute erkannten auch, dass die Statik des direkt an der Spree stehenden Palastes nicht ganz okay sei. Wie auch immer…

Als der Beschluss gefallen war, das DDR-Relikt zu beseitigen, meldete sich ein mittlerweile prominent gewordener Exponent aus Hamburg und forcierte die Idee, das Berliner Schloss (1950 gesprengt, weil ruinös, politisch unangenehm und ein urbaner Schandfleck) wieder zu errichten: jenes Schloss, das zu den langweiligsten europäischen Hauptstadtschlössern zählte und – unabhängig von den prominenten Baumeistern, welche an anderen Orten andere, liebenswerte Schlösser und was sonst noch entwarfen… – Das Schloss verfügte übrigens nicht einmal über ein kaiserliches Badezimmer. Es war halt ganz auf preußischen Kasernenstil getrimmt. Nicht nur Friedrich II., der gekrönte Raubgeselle (Stichwort Schlesien) und Held zahlreicher, größtenteils posthum erfundener Anekdoten, wohnte nur in Sanssouci, wenn er nicht gerade völkerrechtswidrige Kriege führte, ebenso wie seine Nachfolger größtenteils auch in anderen Gefielden (Potsdam). Erst die beiden kaiserlichen Wilhelme samt Beweibung nutzten die hässliche Berliner Schlafstätte, weil ihr Weg zu den Exerzierplätzen an der Berliner Peripherie kürzer waren und der Bevölkerung längere, gerade Strecken zum Zweck der militärischen und paramilitärischen Salutierung zur Verfügung standen. Es ist überliefert, dass das obrigkeitshörige Volk sogar vor der leeren schwarzen Marmorbadewanne, die vom Hotel Kaiserhof auf glatt gehobelten Baumstämmen in das Schloss gerollt wurde, wenn Majestät ein Bad zu nehmen geruhte, gehorsam salutierte – damals im alten Preußen. Heute wird nicht mehr salutiert. Heute wird diskutiert. Denn kaum sind die Altneubauten auf der Museumsinsel fertiggestellt, kommt wieder die Schloss-Debatte hoch. Getarnt als Potemkinsche Teilfassade mit oder ohne Kuppel. Das Geld für den Neubau, den man prophylaktisch Humboldt-Forum benamst, bevor ein Stahlpfeiler in den Boden gerammt ist, liege bereit: Das Ganze soll nicht schlampig ausschauen. 350 Millionen Euro sind geplant, und zur Beruhigung der stürmenden Volksmassen, die das Schloss „wiederhaben“ wollen, obwohl sie es nie hatten, erklärte der Kulturstaatsminister jüngst, man werde trotz der verständlichen Erhöhung der Gesamtbaukosten schon zurecht kommen – mit der Erhöhung, die durch die zeitliche Verzögerung unweigerlich entstehen werde. Schön. Aber da können einem schon hässliche Gedanken aufsteigen in Berlin, wo rund ums historische Zentrum architektonische Grauenhaftigkeiten am laufenden Band aus dem Boden gestampft werden. Wenn man von der Chausseestraße aus gen Süden blickt, muss man die Angst vor akutem Brechreiz unterdrücken. Nicht nur hier, dies ganz nebenbei. – Zur Abhilfe empfehle ich, und einige meiner Kameraden demonstrieren es nackt und offen und aus Jugendschutzgründen „ärschlings“, dass der nachstehende Entwurf doch ein preisgünstigerer und dank des Wiener Vorbilds, flott zu realisierender Bau wäre. Nicht nur Potemkinsche Fassaden mit oder ohne Kuppel, sondern ein Schloss, das man dann auch als solches bezeichnen und mit Kultur vollstopfen kann. Ich denke, Humboldt würde dann aufhören können, in seiner Gruft zu rotieren.

Fast hätte ich doch grad etwas vergessen: unsere schöpferischen Kindlein als Hobby-Architekten. Da unsere heutigen Kleinen mit einem schlossartigen Bauwerk leben müssen, wenn wir Heutigen längst im Pflegeheim alzheimern und gewindelt werden, schlage ich für ein originelles Humboldt-Forum einen Jugendwettbewerb vor, fern jeder beieinflussenden Architektur-Politik. Das umgebende Grün, Berlins glücklicherweise gepflegtes Manna der Straßenbäume, können die Kinder mit Buntstiften ergänzen. Was meinen Sie – als Neuberliner, Altberliner oder als einer der hier ansässig geworden Provinzler (die bekanntlich den Großteil der heutigen Einwohner innerhalb des Stadtgebietes ausmachen)?

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Was sich hinter dem Afrika-Konzept verbirgt

In der weltgrößten Kolonie hat die deutsche Wirtschaft Nachholbedarf – Phrasendrusch wie „nachhaltige Partnerschaft auf Augenhöhe“ macht skeptisch – Früher hieß es: „Liebe Neger!“

Die Zeit, in der wilhelminisches Militär in Südwestafrika Entwicklungshilfe, sprich: Erziehung der Wilden, betrieben hat, ist glücklicherweise vorbei. Heute, da expandierende Staaten wie Brasilien, China, die USA und andere die Großkolonie des 21. Jahrhunderts längst überrennen, kommt auch unsere Berliner Cheftruppe auf die Idee, Afrika auf neudeutsche Weise zu missionieren. Nicht so, wie es schon die Kirchen tun, nämlich mit Kreuz am Hals, frommem Gehabe und Spendengeld, sondern mit dem heiligen Oeconomicus im Kopf. Das Ganze nennt sich Afrika-Konzept und der Chef des Konzepts ist der profunde Afrikakenner und Glanzdiplomat aus der Merkel-Truppe, Herr Dr. Guido Westerwelle. Ein ganzes Kalenderjahr lang sollen Experten dieses Konzept ausgearbeitet haben, um den Herrn Außenminister mit Inhalten zu coachen. Nun haben wir’s und nennen es hinter vorgehaltener Hand auch noch Entwicklungshilfe. Es könnt einem das nackte Gruseln aufsteigen.

Als vor Jahrzehnten der deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke auf einer Akrika-Dienstreise die „lieben Neger“ begrüßte, verwunderte sich hierzulande kaum jemand. Damals gab es noch nicht die sogenannte political correctness. Die „lieben Neger“ freuten sich über Lübkes Mitbringsel und überreichten ihrerseits diplomatische Gegengeschenke aus eigenen Manufakturen aus dem Busch. Das war die Ouverture wahrer deutscher Entwicklungshilfe. Und jene – selbstverständlich „linken“ – Bürger, die sich über so viel Ungeschicklichkeit empörten, wurden verlacht. Das war damals. Und heute?

Wie nicht anders zu erwarten, begann die Vorstellung des aktuellen Afrika-Konzepts mit Schlagworten aus der Phrasendreschmaschine. Das perverseste sei vorangestellt: Es lautet „Partnerschaft auf Augenhöhe“. Die anderen, nicht weniger perfiden Phrasen zeigen auf, worum es wirklich geht: Vorteile für die deutsche Wirtschaft erarbeiten und sichern! Wir wollen und können doch nicht hinter den ausbeutenden Chinesen und Amerikanern zurückstehen! Die deutsche Wirtschaft ist doch global und exportorientiert und sonst was. Und in Afrika kann man – so steht es auf dem Papier – alte Freundschaften auffrischen und pflegen und neue Freundschaften gründen. Die Phrase „strategisch“ fehlt natürlich nicht im Wortschatz des Guido und seiner Experten. „Strategisch“ ist immer gut und kommt an, nicht nur beim modernen Wähler, der’s gern „strategisch“ hat. Denn das klingt nach „überlegt, überdacht und ausgearbeitet“. – Wer’s glaubt, wird selig, sagte einst schon Papst Locherl.

Logo, dass die Grünen und die bestehenden Entwicklungsdienste aufheulen. Denn das, womit man Afrika wirklich „auf Augenhöhe“ nutzen könnte, steht hinten im Konzept. Hätte man das Ganze in Berlin „wirtschaftliches Wachstumskonzept“ genannt, müsste man sich nicht so aufregen. Aber man muss ja nicht die Wahrheit im Schilde führen. Afrika klingt immer gut und rührt die Herzen. Wir sehen da – gleichsam automatisch – verhungernde oder sterbende Waisenkinder mit Blähbauch und Fliegen auf den verblassten Lippen, verzweifelte Mütter, Kindersoldaten und – seit kurzem auch – korrupte Machthaber vor uns, die bis vor kurzem unsere guten Freunde waren. Und wenn im Advent die gewohnten Aktionen in unseren Kirchen anlaufen, wohlgenährte Pfarrer und Pfarrgemeinden ihre Ministranten mit dem Spendenbeutel aus Samt und feinem Leder durch die Reihen der Gläubigen schicken und in den Illustrierten Überweisungsscheine liegen, geben wir ein Almosen (das uns nicht weh tut), um unser schlechtes Gewissen angesichts des Massenelends speziell in Zentralafrika zu betäuben…

Kein einziger neuer Gedanke im Regierungskonzept. Einen unkonventionellen verlange ich ja gar nicht. Ich verlange nicht, dass sich z.B. der Herr Entwicklungsminister, Dr. Westerwelles Geschenk an die Nation, mit dem Vorstandsdirektor eines deutschen Rüstungskonzerns ablichten lässt mit einem Vertrag folgenden Inhalts in der Hand:

„Für den Gegenwert von 3 Panzerfahrzeugen werden pro Jahr 25.000 leichte Holzbrennöfchen produziert und  der Bevölkerung der Sahel-Zone zur Verfügung gestellt. Damit die Frauen und Kinder nicht täglich kilometerweit nach verbrennbarem Holz und Elefantenmist für das gelegentliche abendliche Kochen einer warmen Mahlzeit einsammeln und heranschleppen müssen.“

Die „Grünen“ könnten dann kommentieren, dass der Stopp der Abholzung in den wüstennahen Regionen ökologisch begrüßenswert sei, weil die Sahara eh schon so groß sei und die Verwüstung der Steppen eingedämmt werden könnte. Dieses nur als Mini-Beispiel für eine nützliche Aktion auf „Augenhöhe“ mit den eingeborenen Zentralafrikanern.

Ich denke, jedem, dem Herz und Grips nicht fremd sind, fiele Besseres ein, was den Menschen in Afrika nützen könnte und politisch trotzdem für die jeweiligen Machthaber akzeptabel sei. Wäre ja nur eine Frage, wie eine gute Aktion „verkauft“ werden würde. Meinte jüngst eine altgediente Lehrerin, die einer Damenrunde vorschlug, die jahrzehntelang bewährte, wunderbare „Aktion Sühnezeichen“ könnte doch – drei Generationen nach Ausschwitz – umfunktioniert werden, in Richtung Afrika: Sozialsysteme aufbauen, wie es in Bangladesh zum Teil sehr erfolgreich versucht wurde. In Richtung Außenpolitik kommt mir der utopische (?) Gedanke, einige EU-Regierungen könnten sich einfallen lassen, in dem einen oder anderen afrikanischen Land ein Altersversorgungssystem aufbauen zu lassen. Damit eine Frau in Uganda und Ruanda und Umgebung nicht mehr wie heute mindestens sechs bis acht Kinder gebären muss, damit die zwei, drei eventuell Überlebenden der Familie die alten Eltern versorgen können. Alice Schwarzers jüngere Schwestern könnten dann in ihrer „Emma“ über ein „Ende der Gebärmaschinerie“ frohlocken. In einem einzigen Staat sollte so etwas wie eine Sozialstrategie versucht werden. – Vielleicht gelingt’s, wenn außer unserer eigenen Gutmensch-Republik auch Norwegen, Schweden, Dänemark usw. mittun.

Doch wenn nix dergleichen passiert, liefern unsere globalisierten Unternehmen halt weiterhin Hühnerfleisch- und Knochenabfälle nach Nigeria & Co., um die einheimischen Kleinstbauern zu ruinieren, und wir sitzen hierzulande beruhigt über unseren pharmazeutisch aufgedunsenen Hühnerbrüstchen und warten fromm und guten Gewissens auf die nächste Advent-Aktion der Kirchen in unserer nicht-afrikanischen Heimat zwischen Bodensee und Oderbruch…

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Toleranz oder Akzeptanz?

Vom seltsamen Verständnis emanzipiert sein wollender Minderheiten – Beispiel: Schwules Schöneberger Straßenfest 2011 – Impressionen, die mich zum Nachdenken anregten

Mit gespitzten Ohren schlendere ich unauffällig hinter ein paar Leuten, die ich für mich als biedere Berliner geoutet habe. Es ist Sonnabend, der 18. Juni. Schöneberger Straßenfest des Regenbogen-Fonds, einer Vereinigung schwuler Gastwirte. Mitten in deren Einzugsgebiet sind einige Straßen gesperrt. An jeder Haustür klebt ein Zettel mit dem Hinweis auf das bezirksamtlich verordnete Parkverbot bis Montag. Wie in Berlin (und wohl auch anderswo) üblich, drittelt sich die Art der beteiligten Marktstände in solche, die Getränke und Gegrilltes anbieten und in solche, bei denen nach Kirmes-Art Modeschmuck, exotischer Kitsch und hübsche Überflüssigkeiten gekauft werden können. Und natürlich Vereins- und Verbands- und Parteien-Präsenz mit engagiertem Standpersonal, das den Unbilden des Wochehendwetters stand halten muss und dies mit mehr oder weniger Humor.

An einer Schweinefleisch-Bude halten meine offensichtlich heterosexuellen Opfer. Ich halte auch. Die Ohren immer noch gespitzt. Der ältere der beiden Männer, offenbar der Ehemann seiner postklimakterischen Ehefrau, schmatzt laut. Da tritt mit Getöse ein kräftiger Kerl, halbnackt und sonst völlig in schwares Leder gepresst, von hinten hinzu und busselt die drei Schweinespießesser herzhaft ab. Die drei busseln zurück.

Ich entnehme der Szene, dass der Ledermann so was wie ein Nachbar der beiden sein könnte. Er fordert ungeschmickt dazu auf, sich die perversen Schwulen anzuschauen, die Lesben auch, und was die so treiben bei Tag und in der Nacht. Die Frau: „Mir kann da nix passieren, ich bin tolerant. Und du?“ fragt sie ihren Mann, der sich gerade den Mund abwischt und mit dem Handrücken Semmelkrümel von seiner neuköllnbraunen Jacke abräumt, während er, von einem Berliner Rülpser unterbrochen, murmelt: „Ich akzeptiere alle, die mir nichts tun. Soll jeder machen, was er will.“

Ein alter Bekannter, der im Vorstand eines Berliner Interessensverbandes sitzt, spricht mich an. Fragt, ob ich schon den Marktstand mit den jüdischen Gays gesehen hätte, vor dem Stricherlokal „Tabasco“, zwei Ecken weiter. Wir verlassen den Schweinespießstand. Claus begleitet mich die Strecke zwischen Kalkreuth und Fugger. Tatsächlich! Ein kleiner, aber feiner Marktstand, davor ein Sympathie-Transparent, der auch von einem Reisebüro für Gays stammen könnte. Eine junge Dame davor, ein charmanter junger Mann dahinter. Sofort entsteht eine lockere Plauderei, bis ein älterer Mann mit Käppi von der Straßenmitte aus mit einer Kamera ein Foto nach dem anderen schießt und dabei freundlich schmunzelt wie ein gütiger Opa. Ob ich ein Problem hätte, wenn ich auf dem Foto drauf sei. Ich verneine, und der Fotograf wechselt seine Position und schießt weiter. „Ist ja nur für unsere private Dokumentation“, sagt er, und erst da fällt mir auf, dass die allermeisten Vorbeischlenderer ihre Schritte während der paar Meter Marktstand beschleunigen. Für Minuten bin ich der einzige Gast bei den jewish gays und dazu noch der einzige Goi.

„Bei uns in Israel sind wir staatlich akzeptiert, bei den religiösen Juden nicht. Nur die Jüngeren tolerieren uns zunehmend. Aber nur in Tel Aviv.“ – Aufdringliche, überschminkte Tunten würden zwar gelegentlich gepiesakt oder vertrieben oder, falls stur auf ihren Daseins- und So-seins-Rechten beharrend, verdroschen – aber sonst sei man tolerant, speziell am Strand.

War nett bei den freundlichen Leuten. Weiter geht’s um die Ecke zum HuK-Stand: „Homosexuelle und Kirche“ und ihre Probleme mit besonders intoleranten Vertretern der katholischen Amtskirche, die zu Ostern Fleisch und Eier segnen lässt, auch Waffen und Soldaten, Häuser und Autos. Aber bei der Segnung von gleichgeschlechtlichen Männern, die sich verpartnern wollen, hakt es immer noch enorm. Nicht nur im Süddeutschen. Nun ja, bei diesen diktatorisch bemächtigten Oberhäuptern unter Gottes Bodenpersonal, ist die Gegenwart noch nicht ausgebrochen. Muss man wohl noch hundert Jahre warten, bis zwischen Vatikan und St. Blasen in der Steiermark Toleranz verordnet wird. „Bei den Evangelischen gibt es wenigstens ein Toleranzgefälle zwischen Süd und Nord“, vernehme ich von einem aufklärenden Herrn am Stand. Und während ich Ausschau halte nach einem Eisverkäufer, tanzen zum eigenen Vergnügen und zum freudigen Erstaunen umstehender Straßenfestbesucher drei üppig komstümierte schlanke Männer in anmutigen, kurzen Frauenkleidern in der Mitte zwischen den bunten Reihen der Marktstände.

Beim Straßenfest vor fünf Jahren hörte ich aus Spießbürgermündern noch böse Bemerkungen. Diesmal nichts davon. Eine ältere Dame klatschte sogar begeistert in die Hände.

Kurz vor dem Ende meines Rundgangs treffe ich noch Gerd Joachim, den Autor der schrillen Romanbiografie „Es liegt noch Gold im Halensee“, die ich jüngst mit Genuss „verspeist“ habe, weil neben dem Fleischlichen viel Politisches in diesem Buch stattfindet: dass J. F. Kennedy dem Nikita Chruschtschow den Bau der Berliner Mauer ausdrücklich angeraten und erlaubt hat und – last not least – dass die deutsche Fußball-WM-Mannschaft 1954 mit dem Testo-Medikament Proviron von Schering gedopt war, damit das „Wunder von Bern“ eintreten konnte. Von den Goldbarren im See redeten wir diesmal nicht, weil ich auf dem Kuchentisch der Berliner Aids-Hilfe einen Bierdeckel liegen sah, auf dem über der weltweit verwendeten Aids-Schleife die Worte „Akzeptanz statt Toleranz“ gedruckt standen. – Wohl noch ein langer Weg, bis aus dem Tolerieren (dulden, erdulden) ein Akzeptieren (zur Kenntnis nehmen, anerkennen, annehmen) wird. Nicht nur in fremden Ländern, in Israel und im Vatikan, sondern auch bei uns im Lande.

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Kurz ist der Weg vom WC zur Küche

Die EHEC-Hysterie geht mir auf die Nerven – Mein Tip zur Ursachenfindung, dezent und ohne Zeigefinger gastronomisch aufbereitet (von A. Rosenblattl)

Wer einmal eine Ruhr eingefangen hat, noch dazu in einem Krankenhaus, der kann schon mal auf komische Gedanken kommen. Diese grauenhafte Durchfallkrankheit, an der Tausende von Soldaten des Ersten Weltkrieges elendiglich krepiert sind, passierte mir 2006 in einem Berliner Krankenhaus, das Frühstück und Abendbrot von Zivis à la Buffett servieren ließ. Der Buffettwagen, von dem sich vorwitzige Berliner PatientInnen (wahrscheinlich aus Angst vor einem plötzlichen Hungertod!) frecherweise selbst bedienten, wenn der Zivi gerade in einem Krankenzimmer verschwunden war und – nach Art älterer und jüngerer Frauen aus dem Orient am Gemüsestand – einzelne Käseblätter und Billigwurstscheiben begutachteten, mit bloßen Fingern hin und her drehten und dann wieder aufs Blech legten -, der Wagen stand also oft genug unbewacht auf dem Flur der Krankenstation. Ich hing am Tropf, stundenlang, weil ich rapide an Gewicht verlor.

Weil ein eventueller, vereinzelter Leser vielleicht gerade beim Frühstück sitzt, möchte ich ihm weitere Schilderungen ersparen. Ausser: Der Krankenhauskonzern stellte im Frühjahr 2007 die Essensausgabe um. Vermutlich war ich nicht der einzige Beschwerdeführer. Soweit die Ouverture. Und jetzt, bitte, zum Thema:

„Ehec“ (Enterohämorrhagische Escherichia coli), besonders der nierenschädigende Stamm dieses Gift ausscheidenden Bakteriums, ist nichts Exotisches und hat mit spanischen Gurken ebenso wenig zu tun wie ein Frosch mit einem Klavier. EHEC hat mit Exkrementen zu tun und zwar nicht nur mit dem obligaten Dünnpfiff von Mast- oder Bio-Rindern und anderem Getier. Egal, ob Wiederkäuer oder Direktverdauer, egal, ob Vier- oder Zweibeiner, womit der Mensch gemeint ist. Hier soll die eingangs geschilderte Spitalhygiene-Impression fortgesetzt werden (da der vereinzelte Leser sein Brötchen verzehrt haben dürfte):

Waren Sie schon mal Gast in einem Wirtshaus bzw. in einem Vier-Sterne-Restaurant und besuchten zwischendurch mal ohne Zeitdruck die Toilette? – Nach meiner Amöbenruhr kam ich in einem feinen Lokal am Kurfürstendamm, nach dem nicht nur die Hilde Knef selig Heimweh hatte, in eine interssante Szene: Ich erlebte, wie ein einheimischer Koch mit weisser Mütze  – offensichtlich in größter Eile und verschwitzt – aus der WC-Tür stürmte und eng an mir vorbei in die Küche wetzte. Im Waschraum des edlen Lokals interessierte mich nun vorerst der Zustand der Waschbecken. Alle drei waren trocken, also unbenutzt. Aha. Und in der WC-Zelle, in der das nachfließende Wasser noch im Spülkasten rauschte, war die Klopapierrolle unangetastet. Zum zweiten Mal Aha. Und wenn Sie glauben, der weissgeschürzte Scheisser mit der Kochmütze habe  vor  der nachfolgenden Zubereitung etwa eines italienischen Salats seine Pfoten in der Küche gesäubert, dann sind Sie entweder gläubig oder einfach nur auf dem Holzweg.

In einem italienischen Lokal neben der berühmten „Schaubühne“, ebenfalls Ku’damm, beobachtete ich, wie ein flotter Jungkoch (in konservativen Fachkreisen wohl „kalte Mamsell“ genannt) nach dem Zurechtrücken von Tiramisu-Stücken mit bloßer Hand, von einem zweiten Mann aufgefordert, gleichzeitig Chicoree-Blätter zur Auffüllung des Volumens direkt in die Salatschüssel bröselte. Na, hoffte ich, meine Magensäure wird’s schon richten – im Fall des Falles.

Fazit und Hoffnung: Ich vermute, die EHEC-Hysterie dürfte bald abebben, nicht nur in der Region, wo sich Ebbe und Flut die Hand geben.

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