Monthly Archives: Mai 2011

Wer ist der/die nächste unechte/erschwindelte DoktorIn?

Muss man sich wirklich schämen, wenn man seinen Doktorvater betrogen hat? – Ehrlich ist beschwerlich! – Den Titel kaufen ist bequemer als sich jahrelang zu quälen. Gell, Herr zu G?

Nun also auch das Geständnis der FPD-Europa-Dame. Der Schutthaufen der überflüssig gewordenen Partei, die sich durch das Gehabe ihrer Anführer selber jeglicher Zugkraft beraubt hat, ist ein ziemlich großes Stück höher geworden. Dank Internet und Entlarvungsgier – was ist heute, bitte, nicht mit Gier verbunden? – werden bald die nächsten Titelträger geoutet werden, sich krümmen, ducken, uns mit Notlügen bewerfen und der hohen Wissenschaft weitere Lorbeerblätter aus dem Kranz reissen. Ein Kollege deutete mir heute nachmittag an, man werde jetzt insbesondere die Doktorarbeiten erfolgreicher Politiker-Kinder überprüfen und die Ergebnisse dem schadenfrohen Volk servieren. Die Hinterbänkler im Parlament, mehrheitlich angeblich Juristen, mehr oder weniger promoviert, haben ja noch Schonzeit. Da hat sich’s der Autor Gerd Joachim („Es liegt noch Gold im Halensee“)  leichter gemacht: Auf Seite 296 des nagelneuen Romans beschreibt er, wie und wozu seine Romanfigut Laszlo Fekete zu seinem Doktortitel kam:

Dieser vorübergehend in Rosenheim ansässig gewesene Hallodri Laci Fekete, der sich von seinen Freunden mit diesem Kosenamen rufen ließ, war aidskrank und weitsichtig genug, sich auf sein baldiges Sterben akademisch vorzubereiten. Er bat seinen langjährigen Mentor Carl, wohnhaft am Berliner Halensee, um eine uralte, halbfertige Doktorarbeit eines Südtiroler Doktor-Erschwindlers (oder ging es um ein erschwindeltes Ingenieursdiplom – siehe Roman?!) sowie um 30.000 Euro, die er in Budapest in einen beglaubigten Doktor-Grad umtauschte. Aus einem einzigen Grund, so steht’s zumindest im Buch (Seite 320):

Laci wollte auf seinem Grabstein in seiner Heimatstadt Bratislava (ehem. Pressburg) den Namen „Dr. Laszlo Fekete“ stehen haben. Vermutlich wollte er seine Statusverbesserung bescheidenerweise nur post mortem realisieren, für Freunde und Feinde sozusagen. – Köstlicher als diese Roman-Schote ist der Titel der halbfertigen und deshalb nie, nicht einmal in Bayreuth, einzureichenden Dissertation: „Beteiligung resp. Schuld bayerischer Herrscher – von Tassilo III. bis Franz-Josef Strauss – im 1. und 2. Jahrtausend n. Chr.“. Ich habe mir vor der Vernichtung der 60 Seiten dieser Doktorarbeit durch den Buchautor und Freund Gerd einige der mit alter Reiseschreibmaschine in Buenos Aires und Berlin verfassten wissenschaftlichen Texte kopiert und sie sorgsam in meinem WC-Archiv deponiert. Ich überlege, ob ich in einem Berliner Stadtmagazin folgende Wortanzeige schalte:

„Biete Job: Welcher Studi mit Geschmack, Grips und Humor möchte gegen gute BAFÖG-Aufstockung an meiner (!) halbfertigen Diss. weiter schreiben? Unter „Altbayern ausgeschlossen“ an die Redaktion.

Seien wir also gespannt auf die Durchleuchtung weiterer Doktorarbeiten. Muttersöhnchen, die ihrer Mutti einen Doktortitel nach Hause brachten, wären mir als Durchleuchtungskandidaten weniger interessant als jene Titelträger, die dank des Titels eine oder mehrere Sprossen der Karriereleiter be- oder überspringen konnten.

Tipp: Leg Dir zum Morgenkaffee die „Akademische Festouverture“ von Johannes Brahms in den CD-Schlitz und freue dich, dass der Komponist seine kostbare Zeit zum Komponieren prächtiger Musiken verwendete und nicht durch jahrelanges Zeitverschleudern mit dem Verfassen einer Doktorarbeit verplemperte.

Update 21.11.2011:

Hat Giovanni di Lorenzo nicht für seine Rente gespart oder ist sein „Gespräch mit Karl-Theodor zu Guttenberg“ der letzte Versuch, Humboldt’sche Bildungsideale zu retten?

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Mein schwüler Berliner Morgen

Aktuelle Betrachtungen über Radio, Wetteransagen und Griechenland (von Aaron Rosenblattl)

Bisher: Aufwachen, Haxenschlenkern, auf dem Rücken liegend radeln (anders geht’s eh nicht), damit der Kreislauf in Gang kommt. Danach Toilettengang und Katzenwäsche, Frühstück machen, Radio an. Danach vorm Zähneputzen zwei Gedichte lesen (Hölderlin nicht bei morgenschwülem Wetter!), vom Radio auf CD umschalten (Vorsicht: von Mahler nur den 1. Satz des „Titan“, besser: Schuberts Sechste gesamt), nach einer Halbstunde Balkonbesuch, Erste Zigarette, danach an den PC. Als Rentner ohne Zeitdruck durchaus frohgestimmt. Überlegung, wie rasch sich die Bundesmutter physiognomisch zu einer jüngeren Schwester der Witwe Bolte entwickelt. Je ein Max und Moritz aus ihrem Umfeld wird täglich in den Medien zermahlen, nur selten endgültig.

Wetterbericht: Obwohl es sehr schwül werden wird, heißt es nur „sonnig, nach Mittag ziehen Wolken auf, Temperatur zwischen 21 und 28 Grad“. Senderwechsel: Vom Witwenprogramm Klassikradio rasch zu „Berlin Info“ des rbb umschalten. Hochinteressant: Jede zweite Straßenbaustelle wird halbstundenweise vorgelesen, auch wenn nur eine von zwei Spuren vorübergehend gesperrt ist. Der rbb hat Verständnis angesichts der Minderqualität der Fahrkunst hiesiger Eingeborener. Es fällt das Reizwort „Guttenberg“, diesmal ohne das „zu“, anschließend Geplänkel ad Griechenland:

Rosenkranzartiges Rauf- und Runterbeten der Problematik: Raus aus dem Euro-Raum oder nicht – incl. Folgen und was die wenigen Alternativen seitens der EU bringen würden. Wie immer ohne Hintergründe, ohne Darstellung der Ursachen des mediterranen Dilemmas. Kein Wort darüber, dass in G. die grundsätzlich sympathischen Menschen seit Jahrzehnten in pekunärer Hinsicht über ihre Verhältnisse leben, daß dies- und jenseits des Olymp Verhältnisse u.a. im Sozial-, Gesundheits- und Steuerwesen herrschen, die wir uns hierzulande nicht vorstellen können.

Ich gönne jedem der vielen echten und versteckten Arbeitslosen in G. seine Eigentumswohnung; einem Krankenhausboss und Chefarzt gönne ich jedoch nicht, dass es/er gewohntermaßen reichlich Bakschisch zu nehmen pflegt undundund.

Erst der sogenannten Finanzkrise ist die Aufklärung zu verdanken, dass vor allem die Bankgeschäfte (auf Teufel komm raus!) zwischen französischen, deutschen und griechischen „Instituten“ die aktuell sichtbare finanzielle Notlage verursacht haben. Das wird in den 15-Sekunden-Nachrichten-Häppchen natürlich nicht erwähnt; auch auf ein evtl. aufklärendes Feature in der ARD oder im (m.E. überflüssigen) ZDF wird nicht hingewiesen, weil in nächster Zeit keines geben wird. Denn: Wen interessiert es schon? – Blöd bleiben und von Frau Nebel, Herrn Silbereisen, dem Moik-Nachfolger etc. eingeschläfert zu werden, ist hinsichtlich der Rezeptur für bleibende Volkszufriedenheit viel nützlicher.

Schalte auf benachbarte Sender um: Pop, Schlagerkitsch, Werbung (primiv und unintellent) und – zwischendurch wieder: „Das Wetter“. Kein Hinweis auf die Schwüle, die mittlerweile erdrückend wird. Ich brauche ein paar Schluck unschuldigen Berliner Kaltwassers, bevor ich mich unter die gütigen Straßenbäume begebe. Mittlerweile zeigen sich die ersten wasserschweren Wolken am Horizont. Drei Rettungswagen der Berliner Feuerwehr innerhalb von fünf Minuten.

P.S. Der Frau Bundesmutter wünsche ich eine gut funktionoierende Klimaanlage in ihrem Glaspalast.

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Obwohl Ulbricht an diesem Tag nicht gelogen hat…

…glauben es immer noch 98,72 % der Deutschen (von A. Rosenblattl)

Ist es nicht seltsam, dass auch in den bisher aktuell erschienenen Sach- und Fachbüchern, die sich mit der jüngsten deutschen (Berliner) Geschichte befassen, immer noch die Kalte-Kriegs-Mentalität vorherrscht? Weshalb will die offiziöse Historikerschaft wenige Monate vor dem Jubiläum „50 Jahre Berliner Mauerbau“ (13.8.1961) nicht detailliert preisgeben, wie es zu diesem „Ereignis“ kam?

Ausgerechnet in einer schwulen Romanbiografie eines Berliner Kleinstverlages erfährt der Leser (selbstredend auch die Leserin) die wahren Hintergründe inklusive der Rolle John F. Kennedys. Von 450 befragten Akademikern zwischen Kiel und Garmisch, darunter 2 Doktorväter (wenn auch nicht aus Bayreuth), wussten ganze 9 (!) Bescheid. Gesellschaftspolitische Volksverblödung von langer Halbwertszeit oder Ignoranz oder?

Nu, die Mauer is weg, was schert mich ihr Erfinder, mag sich der Mann mit solider Halbbildung denken. Ich bin jedenfalls gespannt auf die bevorstehenden Sonntagsreden, in denen – zu Unrecht – Chruschtschow, Ulbricht et al. verteufelt werden dürften. Der Vollständigkeit halber möchte ich gestehen, dass ich mit keinem der genannten Politiker verwandt oder verschwägert oder verheiratet war und mit keinem der Kinder der Genannten jemals ein Techtelmechtel hatte.

Sollte sich unter den Lesern dieser Notiz ein Interessierter (eine Interessierte) befinden, könnte die Lektüre der nachstehenden Romanbiografie hilfreich sein.

Titelseite "Es liegt noch Gold im Halensee"

Es liegt noch Gold im Halensee

Auch der aufmerksame Intelligenzler wird sich wohl nicht daran erinnern können (er müsste sehr, sehr alt sein), dass der von vielen Deutschen mit Recht hochgeschätzte Willy Brandt im Jahr 1959 eine allererste Abrüstungsgesprächs-Chance vermasselte, weil er – in vorauseilender Fairness – den Falschesten der Falschen, nämlich Kanzler Konrad Adenauer, fragte, ob er Chruschtschows Einladung zu einem vertraulichen Gespräch zum Thema Abrüstung annehmen solle oder nicht. Weil sich Adenauer jeglichen Rats enthielt, fragte Brandt einen weiteren falschen Ratgeber, der seinen Gedanken, Nikitas Einladung eventuell anzunehmen, mit Karacho in den „Boden“ stampfte, worauf der damals noch jugendliche Berliner Politiker die Chance lieber nicht wahrnahm.

Der spätere österrichische Kanzler Bruno Kreisky, die Chruschtschows Einladung übermittelt hatte, berichtet darüber mit enttäuschten Worten in seiner Biografie. Dieser Passus ist übrigens in der Neuausgabe der Kreisky-Memoiren gestrichen worden, was beweist: Geschichtsklitterung ist auch im kleinen Österreich gang und gebe. Das Ganze ist nachzulesen in der Originalausgabe (bei Heyne).

Des weiteren: Sollte sich unter den werten LeserInnen ein Österreicher befinden, noch eine kleine Frage: Weshalb hat sich der geliebte Dichter Peter Rosegger aus dem Alpl in der grünen Steiermark („Als ich noch der Wandbauernbub war…“) seinen Literaturnobelpreis vermasselt und dem indischen Kollegen Tagore Bekanntheit in Europa und Preisgeld ermöglicht? – Ob du’s glauben magst oder nicht – es war ein bösartiges Geflecht von Intrigen, nach welchem unser geliebter Peter R. Antisemit  gewesen sei. Auch hierzu und zu einer ganzen Reihe weiterer Klitterungen erfährt man Richtiggestelltes im „Halensee“-Buch. Gelegentlich könnte man auch im Sommer etwas „Schwereres“ lesen als Kaminer oder gar Link.

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